Clumsy cold Retsina

Als ich gestern bei enorm kühlem Nieselregel auf einer zugigen improvisierten Dachterrasse stand, kamen mir die entspannten warmen Tage in der zweiten Aprilhälfte schon fast irreal vor. Wenn wir jetzt berücksichtigen, dass uns Mamertius, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophie noch bevor stehen und für eine weitere Abkühlung sorgen könnten, dann krame ich gedanklich schon mal die langen Unterhosen wieder raus. Brrrr.

Außerdem ergab sich gestern die Gelegenheit, mal von einem Helenen eine innergriechische Meinung zur aktuellen Klammheitsdiskussion zu erfahren. Der Mann hat sich in den letzten Tagen offenbar darin geübt, denn die Argumente kamen wie aus der Pistole geschossen. Wenig überraschend: Als wirkliche Verursacher der Pleite machte er neben korrupten Politikern und ihren beamteten Seilschaften vor allem die ökonomische Elite des Landes aus, die sich ohne Mühe von allen solidarischen Verpflichtungen befreit hat, weder Steuern noch die Stromrechnung zahlt und sich ansonsten die Mittelmeersonne auf den feisten Wanst scheinen lässt. Da dachte ich so bei mir, dass uns wahrscheinlich das Gleiche wie den Griechen blüht, denn offensichtlich besteht ja auch hierzulande kein Interesse daran, die Großkopferten an die Kandare zu nehmen. Ich bin mal gespannt, ob man es schaffen wird, die Profiteure, die Finanzmarkthaie und Spekulanten an den Kosten der griechischen Misere zu beteiligen. Ehrlich gesagt glaube ich nicht daran.

Die Lektüre einiger Mails in einem SPON-Artikel, die die Verbrecher von Goldman Sachs für den internen Gebrauch verfasst haben, bestärkte mich in meinen Ansichten. Wahrlich ein Augenöffner, mit welcher Arroganz und Kaltblütigkeit sie erst zum globalen Absturz beigetragen und dann kräftig daran verdient haben. Ein wirtschaftspolitischer Ordnungsrahmen, der so etwas zulässt, verdient seinen Namen nicht.

Und wann habe ich das letzte mal Retsina getrunken? Das weiß ich noch ganz genau: Auf einem langem Marsch von Tegel nach Reinickendorf, einmal quer durch Mitte (Wedding, Moabit, am Tiergarten vorbeigeschrammt), bis zum Prenzlauer Berg. Wir kamen aus der kretischen Wärme in die eiskalte Hauptstadt und der geharzte Wein bildete einen wesentlichen Teil unserer schmalen Wegzehrung. Heute muss ich grinsen. Damals war es nicht ganz so lustig. Wir kamen uns wie die größten Tollpatsche vor und waren es wahrscheinlich auch.

Note to self: Rin in die Kartoffeln! Musik: Rush, Pink Floyd, Roxy Musik.

Unschönes im Nordosten

Der gestrige Tag erbrachte eine wichtige Erkenntnis bei der Frage nach den Orten, wo man keinesfalls abgemalt sein möchte (auch so ein komischer Ausdruck). Per Pedes ging es von Eschweiler über Röthgen, Stich, Pumpe, Steinfurt, Stolberg, Atsch, an Eilendorf vorbei bis nach Rothe Erde und dann nach Hause. Immerhin fast 16 km bei wunderschönem Wetter, die leichte Rötung der Pläte kündet davon.

Nordöstlich von Aachen hat sich an den Hauptverkehrsstraßen all das versammelt, was man als Gegenteil eines Speckgürtels subsumieren könnte: Trinkhallen, Imbissbuden, Kleinindustrie, Werkssiedlungen, stinkende Bauernhöfe, Reihenhausversuche mit den unsäglichen rötlichen Klinkern, Kläranlagen, Ruderale, dazwischen schüchterne Weichholzbestände, Hecken, Stacheldraht und einsamste Bushaltestellenhäuschen, die Heinz im Sinn and the Geteiltdurchs als Spielstätten für Spontangigs im Grünen nutzen könnten:

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Die Bergbau- und Erzverhüttungsgeschichte der Region ist immer noch sehr präsent: Kirchen heißen St. Barbara, Schlägel und Eisen zieren so manches alte Bürgerhaus, Museumsgruben und Industrieruinen säumen die Straße. Dazu nicken Galmeiveilchen im Wind. Schön ist das alles nicht, aber eben sehr typisch. Die begleitenden Gerüche passen ebenfalls ins Bild: Diesel, Bitumen, Rost, verbranntes Gummi, Silage, Gülle.

Selbst der letzte Abschnitt der Tour, der durch die Wiesen und Felder südlich von Eilendorf führt, bietet wenig Beschauliches. Rollerchaoten knattern über die Feldwege, Inlineskater und Nordic Walker geben sich der Lächerlichkeit preis, Hunde in allen Größen führen ihre Herrchen und Frauchen aus, Traktoren mit enormen Schluffen kriechen über Stoppelfelder. Ich bin froh, als der Lousberg sich am Horizont zeigt und die Nähe der Stadt und das Ende des Weges ankündigt. Und spätestens im Frankenberger Viertel kehrt die Lebendigkeit und die Leichtigkeit zurück. Ich setze mich ein bisschen in den Schatten und genieße es, wieder in der Stadt zu sein.

Note to self: Dokosieg und Spaghetti a la casa. Besser gehts nicht. Musik: Maximo Park, Melvins, Mogwai, And so I watch you from afar, Backyard Babies.