Der Letzte…

…jedenfalls für dieses Jahr. Früher, das heißt, bis vor ein paar Jahren, befiel mich an Silvester immer eine ganz eigentümliche Beklemmung. Man zog Bilanz, war meistens nur mäßig zufrieden. Je intensiver man alkoholischen Getränken zugesprochen hatte, umso mehr neigte man dazu, den Weltschmerz zu kultivieren. Inzwischen sehe ich das alles zum Glück ein bisschen lockerer.

PJ

Draußen nebelt es sich ein. Ein paar ungeduldige Krachenlasser lassen es bereits krachen. Ich höre Oedlis Weihnachtssampler. Der letzte Kerzenrest des Adventsgestecks will noch abgebrannt werden. Ich frage mich, was hängen bleiben wird vom fast vergangenen Jahr, mache mir klar, was sich ändern sollte im kommenden. Um gute Vorsätze kann es nicht gehen, mehr um Überlebensnotwendigkeiten. Dramatisch ist das alles nicht, auch nicht traurig, nur die Wahrheit. Um es mit Semisonic (eigentlich mit Seneca) zu sagen: “Every new beginning comes from some other beginning`s end.”

Ich wünsche Euch allen einen guten Rutsch und ein fettes und fröhliches Jahr 2010!

Note to self: An Deck bleiben! Musik: Joanna Newsom, Semisonic, Hello Saferide, Muriel Zoe.

Der hässliche Schweizer

Ah, ich sollte eigentlich nicht schon wieder in die eidgenössische Kerbe hauen, aber kann irgendwie nicht anders. Darum gehts, die zugehörigen Beiträge im Spiegelforum runden das Bild ab.

Kurze Zusammenfassung: Anlässlich der bevorstehenden Kommunalwahl in der Schweiz läuft eine Kampagne der SVP, die den Zuzug von deutschen „Ellböglern“ beklagt. Diese würden den Schweizern gut bezahlte Jobs wegnehmen, die Mieten in Zürich in schwindelerregende Höhen treiben und durch ihre Arroganz das gesellschaftliche Klima vergiften. Die entsprechenden Plakate zeigen unter anderem ein Konterfei des ehemaligen Bundesfinanzministers Peer Steinbrück. Das passt ins Bild.

Mir ist klar, dass gerade wohlhabende Länder eine steuernde Einwanderungspolitik machen müssen, dies gilt naturgemäß besonders für kleine Staaten mit überschaubarer Bevölkerungszahl. Wer schon einmal mit Gedanken gespielt hat, in der Schweiz arbeiten zu wollen, der weiß, wie hoch die Hürden sind, die den Zuzug in die Alpenrepublik regeln. Damit habe ich kein Problem.

Zwei Dinge stören mich aber besonders an der chauvinistischen Schaumschlägerei der SVP: 1.) Die Kampagne appelliert an die niedersten Instinkte und Ängste des Wahlvolks. Das wirkt immer, funktioniert ja auch in Deutschland prächtig. Man beschwört das Bild des rabiaten und arroganten Teutonen, der die Almen und Matten am liebsten überrennen würde. In Wirklichkeit ist das Problem ein ganz anderes: Sehr viele Schweizer, die die eigene Provinzialität (man sehe bei Dürrenmatt und Frisch nach) gerne als Errungenschaft feiern, haben enorme Schwierigkeiten damit, dass man angesichts des Fachkräftemangels auf die Zuwanderung gut ausgebildeter Arbeitsmigranten nicht verzichten kann. Wer glaubt, dieses Problem beträfe die anderen Europäer genau so, der irrt gründlich und hat keine Ahnung von der Befindlichkeit der schweizerischen Seele (Die SVP ist zur Zeit übrigens die stärkste politische Kraft). Da passt es gut ins Bild, dass die Anhänger der SVP glauben, sie besäßen eben den Mut und die Weitsicht, eine Politik voranzutreiben, die die Anderen sich (noch) nicht trauen würden. 2.) Chauvinismus bedient sich stets unzulässiger Typisierung, das ist auch hier der Fall. Es sollte klar sein, dass man sich mit dem Land, in das man einwandert, vertraut macht und sich den dortigen Gepflogenheiten anpasst. Mir will nicht in den Kopf, dass ausgerechnet deutsche Akademiker dazu nicht in der Lage sein sollten. Aber um verständnisvolle Zwischentöne geht es hier nicht, Vereinfachung ist Trumpf. Übrigens ist es in dem Zusammenhang sehr interessant, sich einmal die Vorurteile anzuschauen, die beispielsweise in der Gegend um Genf und Lausanne gegenüber den Deutschschweizern gepflegt werden.

Die ganze Angelegenheit macht mich sprachlos (naja, fast) und ziemlich wütend. Sie passt so gar nicht zu den zurückhaltenden, höflichen und geistreichen Schweizern, die ich bislang persönlich kennengelernt habe.

Note to self: Billige Riegel, wette ich. Musik: Hypocrisy.

Durchgerutscht

Das wird ein artikelreicher Tag bei Just Skidding werden. Zunächst mal das Naheliegende:

Mir ist tatsächlich eine wichtige musikalische Neuerscheinung des Jahres 2009 komplett durchgerutscht (und das ist im Grunde unverzeihlich): Es geht um das Album „The Great Misdirect“ des amerikanischen Quintetts „Between The Buried And Me“.

BTBAM

Wer sich für vertrackten Techmetal mit veritablen Progressive-Anteilen begeistern kann, kommt auch beim jüngsten Scheibchen von BTBAM voll auf seine Kosten. Ein Rezensent bei Amazon charakterisiert die Platte so:

„Meshuggah feiern mit Dream Theater, The Dillinger Escape Plan, Opeth und Fantomas einen Kindergeburtstag im Zirkus.“

Das kommt prima hin. Das neue Album ist gegenüber dem extrem brachialen Vorgänger „Colors“ ein wenig verspielter ausgefallen, besonders in den ruhigeren Intrumentalpassagen und den zappaesken Jazzdudelparts. Was mir an BTBAM gefällt: Erst mal der Gesang von Tommy Rogers. Es gibt nicht viele Vokalisten, die das ganze Spektrum von heftigem Grölen und Schleifen bis zu zartestem Klargesang so gut drauf haben. Selbst Mikael Åkerfeldt von Opeth kommt da nicht mit. Zwotens das unglaublich variantenreiche Schlagzeug: Banddienlich, immer für eine Überraschung gut und selbstverständlich nicht getriggert (das hat Blake Richardson nicht nötig). Naja und drittens liebe ich einfach Stücke, die länger als 15 Minuten sind und in dieser Zeitspanne mindestens ein Dutzend unterschiedlicher Parts abfrühstücken.

Es gibt nur eine Kleinigkeit, die mich an der Platte ein bisschen nervt und das sind die Keyboards, auch wenn sie sehr sparsam eingesetzt werden. Das geht schon los mit den wenigen Moog-Tönchen, die das Intro beschließen. Sicher, man kann das so machen, insgesamt wirken die Tastenparts aber durchweg ein wenig bieder. Deshalb und nur deshalb hätte es „The Great Misdirect“ auch nicht in meine Top 10 des Jahres geschafft, die ich deshalb nicht zu ändern brauche. Puh!

Note to self: Lass Dir nicht die Butter vom Brot nehmen, mein Liebster. Musik: Between The Buried And Me, Chimaira, Entombed.

Ein Besinnliches!

Worte, die sein müssen. Da stellen mer uns mal janz dumm: Wat is eigentlich Besinnlichkeit? Etwas, was sich rund um abgetrennte Jungfichten abspielt, wenn man träge vom überreichlichen Essen und dem einen oder anderen Gläschen Wein im Sessel hängt, während leicht schwülstige Gesänge aus den Boxen säuseln? Eigentlich nicht.

Besinnlich kann es doch nur dann zugehen, wenn man „sich besinnt“ oder „zur Besinnung kommt“. Wohlverstanden: Bei dem einen oder anderen geht es in der Vorweihnachtszeit so turbulent zu, dass er sich durchaus besinnungslos vorkommen darf. Dem dürfte der Abend des 24. und die folgenden Feiertage dann wirklich wie eine Insel im Meer der Zeit vorkommen, an deren Strand man sich erholen kann.

Uns anderen geht es wohl eher so, dass wir mit mehr oder weniger großer Begeisterung das Tütchen mit der Aufschrift „Besinnlichkeit“ zur Bescherung aufreißen und instantmäßig anrühren. Dann wird der Trunk heruntergestürzt, damit er nicht noch schaler wird. Dann ist Weihnachten.

Ich wünsche allen Lesern ein friedliches, ruhiges, von mir aus auch gesegnetes und, ihr wisst schon, besinnliches Weihnachtsfest, mit allem, was für Euch dazu gehört.

Note to self: Der Teufel ist ein Eichhörnchen. Musik: Iwresteledabearonce, Slayer, A Perfect Circle, Flyleaf.

Überschwere Elben

Gestern stand die Demontage einer kompletten IT-Ausstattung auf dem Programm. Dabei handelte es sich um ein Paradebeispiel für die Abscheulichkeit gewachsener Strukturen. Jeder ambitionierte Computernutzer kennt den Fall vom heimischen Kleinnetzwerk: Wenn ein neues Gerät hinzukommt, wird eben noch ein Kabel verlegt. Heraus kommt ein Wirrwarr von Patchkabeln, Kaltgeräte-Anschlußkabeln, Steckerleisten, USB- und Firewirekabeln. So, und nun stelle man sich die IT-Zentrale eines mittelständischen Unternehmens vor, in der über Jahre so vorgegangen wurde. Eine derartige Wuhling unter den Bodenplatten habe ich noch nie gesehen. Ein Vergnügen, das Chaos zu entwirren, ein zweifelhaftes.

Für Heiterkeit sorgte die Benamsung der Maschinen. Ich kann das verstehen: Wenn ein Systemadministrator zu viel Zeit in einem furchtbar lauten Serverraum verbringt, angebrüllt von einer Rotte von Rechenknechten, dann sehnt er sich nach der Stille und Beschaulichkeit des Auenlandes und der angrenzenden Landstriche Mittelerdes. Entsprechend hießen die Rechner: Aragorn, Elfe, Galadriel, usw.

EE

Als wir den ganzen Kram verladen hatten, ging das, zum Glück aufgelastete, KFZ bereits gewaltig in die Knie. Allerdings fand der Linux-Server namens Arwen nur noch auf meinem Schoß Platz und jeder, der jetzt an Liv Tyler denkt und mich beneidet, ist auf dem Holzweg. Arwen hatte nämlich nicht nur einiges an Gewicht, sondern auch einige scharfe Kanten zu bieten, die sich, gar nicht elbengleich, in meine Oberschenkel einprägten.

ET

Am neuen Standort wurde ein Rechnertürmchen errichtet. Ich sorgte dafür, dass Arwen direkt unter Aragorn zu liegen kam. Man ist ja kein Unmensch. Ich schätze, sie werden einige Zeit dort vor sich hindämmern, keiner braucht sie, und dann wird irgendwann der dunkle Herrscher zurückschlagen und die edle Schar zum Recyclinghof verfrachten, am Ende des dritten Zeitalters…

Note to self: Xserve nur waagerecht. Musik: Natalie Merchant, No Doubt.

To shoot a MacBook

MBP

Die US-amerikanische Bloggerin Lily Sussman vermeldet hier den Verlust ihres MacBook. Es wurde von israelischen Grenztruppen standrechtlich erschossen.

Die Geschichte in einer Nussschale: Frau Sussman wollte von Ägypten nach Israel einreisen, hatte dummerweise ein Foto im Speicher ihrer Kamera, auf dem ein Graffiti zu sehen war, das den Davidsstern und das Wort „Fuck“ zeigte, wurde daraufhin einer mehrstündigen Durchsuchung und Befragung unterzogen. Ihr Gepäck blieb in dieser Zeit unbeaufsichtigt. Weil die Grenzer einen Sprengstoffanschlag mit dem unbeaufsichtigten Gepäck vermuteten, wurde das Laptop hingerichtet. Die Festplatte ist in Ordnung. Das Gerät wird auf Staatskosten ersetzt.

Dieses Procedere der Gepäckerschießung scheint in Israel Gang und Gäbe zu sein, selbst Schulkinder wurden schon so von ihrem Ranzen befreit. Es handelt sich also nicht um einen Fall besonderer Drangsalierung. Zu diesem Beitrag haben bereits über 100 Menschen Kommentare verfasst (davon kann ich nur träumen, aber ich besitze ja nicht mal ein MacBook). Ich fasse mal zusammen:

– Typisch Israelis, die schießen auf alles

– Du solltest regelmäßig ein Backup machen

– Die Araber sind schuld

– Das Land Israel wurde uns von G*tt gegeben

– Die Engländer sind schuld

– Du bist eine muslimische Terroristin. Gestehe endlich

– Die Franzosen sind schuld

– Die Vereinten Nationen sind schuld

– Mit Linux wäre Dir das nicht passiert

– Die Römer sind schuld

– Schade um Dein Laptop. Israel ist toll, viel Spaß bei uns

– Die Palästinenser sind schuld

– Es gibt gar keine Palästinenser

Und so weiter, und so fort. Man scrollt durch Seiten von Paranoia, Rechthaberei, Ignoranz, Hass und verbalem Völkermord. Ein paar versöhnliche Töne gibt es zum Glück auch, sogar Entschuldigungen. Sogar von Leuten, die sich eigentlich gar nicht entschuldigen müssten. Da fällt uns David Sullivan ein:

Now beneath this lonely junction on the northbound M6
We spray our words of signature on the concrete bridge
And between the words of wisdom and the slogans of despair
Someone`s just gone and written „I`m sorry“ there
(New Model Army, „Marrakech“)

Note to self: Klar an der Kante, gleich sind sie da. Musik: Melechesh, Lyriel, Hypocrisy, Hiram.

Kaufen, verkaufen, halten

Nicht der Besitz oder Nichtbesitz der Dinge gibt uns den Kick, sondern der Erwerb und die Veräußerung. Diese Erkenntnis ist ja schon fast eine Binsenweisheit. Das, was wir haben, verursacht uns im Grunde genommen nur Probleme, es will geputzt, in Schuss gehalten, sicher verwahrt, in geeignetem Rahmen vorgezeigt oder unbedingt verborgen sein und muss schlimmstenfalls versteuert werden. Das, was wir haben wollen, regt unsere Fantasie an, erscheint uns unentbehrlich. Nichts könnte praktischer, moderner, angesagter sein. Und wie beneiden wir die, die es bereits haben. Das, was wir unbedingt loswerden wollen, liegt uns wie Wackersteine im Magen. Wie gerne sind wir bereit, es für einen Appel und ein Ei loszuschlagen, um die Wonne des gewonnenen Stauraums auszukosten. Dabei schmieden wir bereits seit Wochen Pläne, welche Köstlichkeit die entstandene Lücke füllen könnte.

So und nur so ist beispielsweise der Erfolg von ebay zu erklären. Es dürfte einen ganzen Wust von Artikeln geben, die eigentlich ständig auf der Reise sind, zwischendurch angeschaut, dann schnell wieder verpackt, bis sie irgendwann als Irrläufer in einem Verteilzentrum enden, eingestampft und vergessen werden. Weil das Grundprinzip im Großen wie im Kleinen gültig ist, sind die Nachrichten voll von Aufsehen erregenden Transaktionen. Heute waren ein paar besonders schöne Stücke dabei:

1. Die Hypo Group Alpe Adria (Und morgen die Bayerische Landesbank?): Sicher, so eine Landesbank macht sich gut. Ein repräsentativer Bau nebst schicker Dienstwagenflotte und die größten Nieten der eigenen Partei kann man in den Aufsichtsrat abschieben. Noch besser macht sich eine transalpine Tochtergesellschaft, die freistaatliche Interessen in Österreich und auf dem Balkan wahrnimmt, also hochriskante Beteiligungen eingeht und sich an faulen Verbriefungsgeschäften versucht. Gibt es etwas Schöneres, als dem schlechten Geld das gute hinterherzuwerfen, Steuermillionen, nein, Steuermilliarden, mit vollen Händen. Und wenn man etwas verkauft und dabei noch kräftig drauflegt, fühlt sich das nicht geil an? Sagen Sie doch mal, Herr Seehofer.

2. Thomson Correctional Center in Illinois: Zu den unverkaufbarsten Artikeln überhaupt dürfte der durchschnittliche Guantanamo-Insasse gehören. Zwar ist die Mehrzahl der Jungs in ihren schicken orangen Overalls möglicherweise doch nicht so gefährlich, wie ursprünglich angenommen, aber man weiß ja nie. Unser frischgebackener Friedensnobelpreisträger hat das inzwischen auch festgestellt. Was macht man nun, wenn man an seinem Wahlversprechen festhalten und den auf Kuba gelegenen Schandfleck US-amerikanischer Sicherheitspolitik tilgen will? Man kauft sich ein Hochsicherheitsgefängnis und verordnet den „feindlichen Kämpfern“ einen Umzug. Damit steigt immerhin deren Chance auf ein Gerichtsverfahren nach rechtsstaatlichen Prinzipien, man verschafft sich etwas Luft und die CIA darf in ihren anderen Folterknästen weiter wurschteln. Tja, quod licet Jovi, non licet bovi. Wie fühlt man sich denn so als Oberochse, Herr Obama?

3. Heiße Luft: Ganz einfach: Ich schalte meinen 600-Watt-Boliden, meinen Heimserver und meine Firewall endgültig ab und verzichte zukünftig auf Fleisch. Ihr schafft eure Autos ab, bescheidet euch mit 16°C Innenraumtemperatur (so wie ich) und zieht einen Pulli über. Wer bereits ein eigenes Kind hat, verhindert durch geeignete Maßnahmen die Entstehung weiterer. Das vermelden wir nach Kopenhagen, dann können sie dort einpacken und etwas sinnvolleres tun, als das hochnotpeinliche Geschacher fortzusetzen. Jeder weiß, dass wir die Zukunft unserer Spezies verheizen werden. Wir sind zu blöd und zu bequem, um das abzuwenden. Diese Erkenntnis ist aber anscheinend überhaupt nicht zu verkaufen. Also verkauft man die letzten Urwaldreste für ein paar Milliarden und sich selbst und alle anderen für dumm.

Note to self: Wann jetzt? Musik: Baroness, Pearl Jam, Converge, Psyopus.

Mit viel Milch

Es gibt Dinge, die kann man nicht mehr besser machen, mögen sich auch Heerscharen von Designern, Verfahrenstechnikern und Produktmanagern ihre hoch bezahlten Köpfe darüber zerbrechen. Geht man über diesen Zustand der Perfektion hinweg, kommen furchtbare Dinge dabei heraus, man denke nur an die dritte und alle folgenden Platten von Blumfeld. Es ist genau wie bei einem Gemälde. Die wahre Meisterschaft des Urhebers offenbart sich in seinem Vermögen, den Punkt im kreativen Prozess festzustellen, an dem das Produkt fertig ist.

An jedem Morgen befasse ich mich mit der Zubereitung von Kaffee. Nicht Espresso, nicht Cappuccino, nicht Latte macchiato. Kaffee. Filterkaffee. Also genau die Variante des schwarzen Muntermachers, die meine pommerische Großmutter väterlicherseits stets mit einem stimmlosen kurzen E am Wortende auszusprechen pflegte. Dazu verwende ich die im folgenden abgebildeten Gerätschaften:

Melitta

Mehr braucht es nicht. Ich mag die raue Griffigkeit der Filtertüte, wenn ich sie – noch im Halbschlaf- zweimal an den Rändern falte, den Geruch aus der Kaffeedose, das seltsam satte Geräusch, mit dem der Trichter die Befüllung mit der genau bemessenen Portion quittiert. Ich liebe den Dampf und das Aufquellen, wenn das kochende Wasser sich mit dem Mehl vermählt und das leise Rinnen in den Bauch der Kanne einsetzt. Wenn es darum geht, das Material vom trockenfallenden Böschungsrand mit gezieltem Schwall in die Mitte des Filters zu spülen, macht mir keiner etwas vor. Nur Dilettanten verschütten dabei die Hälfte, oder befördern – eine Horrorvorstellung – Teile der Feststofffraktion ins Filtrat. Beide Teile der Apparatur, die Kanne und den Filter, verwende ich seit fast zwanzig Jahren.

Nennt mich ignorant, ich brauche keine Kaffeemaschine, die durch ihr vulgäres Geröchel am Ende des Brauprozesses die morgendliche Andacht stört. Ich verzichte dankend auf die Verwendung einer Presskanne, alleine das Wort ist schon eine Beleidigung. Neumodischen Firlefanz a la Senseo und Co. mögen spleenige Hipster einsetzen, ich nicht. Erst recht werde ich die Benutzung dieser italienischen Edelmaschinen, deren Druckwerte Gesprächsstoff auf Architektenparties sind, konsequent boykottieren. Die Konsistenz der Creme interessiert mich nicht und über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

Der Kaffeemaschinen-Hype der letzten Jahre hat wenig damit zu tun, dass unsere Geschmacksanforderungen an das Heissgetränk signifikant zugenommen hätten. Dies traue ich, ehrlich gesagt, nur ganz wenigen Bonvivants zu. Nein, es geht darum eine weitere, durch und durch profilneurotische, dekadente Masche auszuleben. Sage mir, wie du deinen Kaffee zubereitest und ich sage dir, wer du bist. Das Drama, das mit dem Bereiten dieser snobistischen Welle verbunden ist, wird spätestens dann offensichtlich, wenn der Elitebrüher wegen der ständig porösen Dichtungen das Wasser nicht mehr halten kann. So, und jetzt erst mal ein gemütliches, ganz schlichtes Käffchen…

Note to self: Großzügigeres Wegwerfen, musikalisches Feng Shui. Musik: Blumfeld, Scornage, Baroness.

Die 10 besten Alben 2009

So, mit weiteren bedeutsamen Neuerscheinungen ist 2009 nicht mehr zu rechnen. Hier ist meine höchst subjektive Auswahl der musikalischen Meilensteine des ausklingenden Jahres:

Platz 10: Clutch – Strange Cousins From The West

10

Die amerikanischen Stoner-Rocker von Clutch ziehen ihr Ding durch, unbeirrbar wie ein Containerfrachter. Das jüngste Release klingt genau so retro, wie der Vorgänger. Vielleicht ist dieser erdige Sound wirklich nur mit analogen Bandmaschinen und Verstärkern aus den 70ern zu erzielen, jedenfalls weckt das Album in mir den Wunsch, ein Holzfällerhemd und Cowboyboots anzuziehen und mit einem langhubrigen Einzylinder gen Sonnenuntergang zu brettern.

Platz 9: Eels – Hombre Lobo

09

Mark Oliver Everett ist ein komischer Vogel, das ist mal klar. Seine Machwerke sind oft genug so dermaßen schön deprimierend, dass man in der dunklen Stube sitzen und gedanklich in die Boxen kriechen möchte. Das neue Album ist ein wenig garagiger und roher ausgefallen und gefällt mir deshalb besser als der Rest des Katalogs. Man kann immer noch hier und da ins Kissen weinen, muss es aber nicht.

Platz 8: Ahab – The Divinity Of The Oceans

08

Schwer, schwerer, Ahab. Die deutschen Funeral-Doom-Metaller erzählen auf diesem Album die traurige und zerstörerische Geschichte des Walfangschiffs „Essex“ und seiner Besatzung. Im Vergleich zu anderen Vertretern des Genres ist die Musik geradezu abwechslungsreich, ohne jedoch die düstere, unglaublich dichte Atmosphäre zu zerstören. Da stimmt einfach alles. Während die Gitarren langsam die Trommelfelle zersägen, manchmal aber auch überraschend leicht und sphärisch daherkommen, röchelt Daniel Droste sich Richtung Armageddon. Anspieltipps: Tombstone Carousal, Nickerson`s Theme.

Platz 7: Kings of Convenience – Declaration Of Dependence

07

Die beiden Norweger haben wieder einmal ihre akustischen Klampfen ausgepackt und singen uns eins. Musikalisch ist das Gesamtwerk des Duos weder besonders anspruchsvoll, noch besonders originell, da fügt sich auch das mittlerweile dritte Studioalbum nahtlos ein. Darauf kommt es aber auch nicht an. Mir gefällt einfach die unnachahmliche Sprödigkeit des Materials. Wenn man schon Lagerfeuermucke macht, sich dabei aber vornimmt, verdammt cool und verdammt urban zu klingen, dann ist das sicher ein Drahtseilakt. Die Kings kriegen es wieder mal hin. Keine Ahnung wie. Prima Musik zum Aufstehen und Frühstücken.

Platz 6: Behemoth – Evangelion

06

Zu diesem Album habe ich ja bereits einen Beitrag verfasst. Deshalb nur ganz kurz die Feststellung, dass sich das Werk seit August immer noch in meiner „heavy rotation“ befindet. Es ist Musik für Metal-Traditionalisten, aber das ist ja nichts Schlimmes.

Platz 5: Iwrestledabearonce – It`s All Happening

05

Auch zu diesem Album gab es bereits eine Rezension in diesem Blog. Das Werk hat sich auf meinem iPod festgesetzt und entlockt mir immer wieder ein breites Grinsen. Leider habe ich sämtliche Konzerte in der näheren Umgebung verpasst. Ein Jammer.

Platz 4: Diabolo Swing Orchestra – Sing Along Songs For The Damned & Delirious

04

Eine Platte, die unbestreitbar das Attribut „Wundertüte“ verdient. Kaum hat man sich in einen Track reingehört, wird einem der nächste entschlossen um die Ohren gehauen. Im Unterschied zum ebenfalls genialen Vorgänger ist das aktuelle Werk der Schweden eher der nord- und osteuropäischen Folklore verpflichtet, der Gesang ist abwechslungsreicher und es gibt durchaus besinnliche Momente, aber nur ganz kurze.

Platz 3: Psyopus – Odd Senses

03

Psyopus kann man nur lieben oder hassen. Wer nicht auf extrem anstrengenden Mathcore steht, der wird mit ihrer Musik nichts anfangen können. Selbst Rezensenten, die sich zu Dillinger Escape Plan und Co. noch wohlwollend äußern, können bei der neuen Scheibe aus Rochester/NY nur mit dem Kopf schütteln. Mal abgesehen davon, dass hier technische Perfektion auf die Spitze getrieben wird, überzeugt mich das Album durch ausgefeilteres Songwriting und eine Produktion der Extraklasse. Manche meinen ja „Odd Senses“ sei seelenloses Geschraddel. Es ist das genaue Gegenteil.

Platz 2: Obscura – Cosmogenesis

02

Im Bereich „Technical Death Metal“ brachte 2009 eine reiche Ausbeute an herausragenden Platten, ich nenne stellvertretend mal „Those Whom The Gods Detest“ von Nile und „Raptus“ von Punish, trotzdem ist „Cosmogenesis“ meine TDM-Lieblingsplatte des Jahres. Das liegt daran, dass die Stücke bei aller Frickelei griffig und gut verdaubar sind und im Vergleich zu manch anderem Brett einfach hängen bleiben. Es finden sich eben noch Melodien und eingängige Elemente darin. Den Wettlauf „Wer schafft die meisten Basstrommelkicks pro Zeiteinheit?“ oder „Welcher Gitarrist hat das beste Sweeping?“ würden Obscura nicht gewinnen, aber darum geht es ja nun auch ganz bestimmt nicht.

Platz 1: Converge – Axe To Fall

01

Ist das nun Mathcore, New-School Hardcore oder einfach moderner Metal? Ich weiß es auch nicht. Converge waren ihrer Zeit immer schon voraus, sie gehören sicherlich zu den innovativsten Visionären im Bereich kopfige Extremhärte. Man kann trefflich darüber streiten, ob „Axe To Fall“ den bisherigen Schaffensgipfel „Jane Doe“ der Combo überragt, jedenfalls hat die Platte das Potential dazu. Zahlreiche Gastmusiker haben sich an diesem Opus beteiligt (Uffe Cederlund/Disfear, Steve Von Till/Neurosis, Mookie Singerman/Genghis Tron) und das bringt, gerade bei den doomigen Tracks, eine Menge Spannung in die Kiste. Natürlich hören sich Converge überwiegend immer noch so an, als würde die ganze Band unbedingt schnell aufs Klo müssen. Natürlich offenbart sich die Magie dieser Musik nur dem, der sich für die chaotischen und bizarren Momente zu öffnen vermag. Natürlich ist die Spekulation, was Kurt Ballou alles spielen würde, wenn er keine chronische Sehnenscheidenentzündung hätte, durch und durch beängstigend. Aber es gibt auf dieser Platte etwas Neues: „Axe To Fall“ ist erwachsener, angekommener, abgeklärter als Converge jemals waren. Ein Genuss von vorne bis hinten, ein hochüberlegenes Album.

Es gibt eine ganze Reihe von Platten, die nur sehr knapp an meiner Top 10 vorbei geschrammt sind: Dazu gehören der Erstling von Batillus, „Tales From The Grave In Space“ von Gama Bomb, „A Taste Of Extreme Divinity“ von Hypocrisy, „Wrath“ von Lamb of God und natürlich „World Painted Blood“ von Slayer. Doch, 2009 war, so gesehen, ein verdammt fettes Jahr.

Natürlich brachte aber auch dieses nahrhafte Jahr unglaubliche Enttäuschungen. Zuvorderst ist da „All Shall Fall“ von Immortal zu nennen. Mir ist klar, dass man von ihnen nicht mehr den Rumpel-Black Metal der Anfangsjahre erwarten darf, aber ein Album auf den Markt zu werfen, das so dermaßen beliebig klingt und außer dem prächtigen Gekrächze von Abbath so gar nichts Charakteristisches und Eigenständiges mehr hat, das ist schon ein herber Abfall. Furchtbar sind auch die letzten Platten von Caliban und Killswitch Engage. Liegt vielleicht auch daran, dass Metalcore inzwischen ganz einfach zu ausgelutscht ist. Auf beiden Alben gibt es schon nette Stücke, aber mehr als nett darf es schon sein. Genau deshalb ist auch „Black Clouds & Silver Linings“ von Dream Theater bei mir durchgefallen. Gefällig und gewohnt perfektionistisch, aber bis auf die Coverversionen einfach einfallslos. Ja und dann ist da noch „Crack The Skye“ von Mastodon, manchmal ertappe ich mich beim Mitwippen, meistens tut diese weichgespülte Anlehnung an die großen Progressive Rock-Bands der 70er aber einfach weh. Sicher sehr intelligent gemachte Musik, aber nicht mehr Mastodon. Das Ende einer großen Band?

Note to self: 52,3! Musik: All of the above.

Cool, cooler, SuperC

Die Krönung des „Grundpraktikums Organische Chemie“ war die so genannte „Doppelanalyse“, soll bedeuten: Man erhielt ein Einmachglas mit einem Gemisch zweier unbekannter Substanzen und musste anhand ausgefuchster Trennungs- und Reinigungsverfahren nachweisen, um welche Stoffe es sich dabei handelte. Meine beiden Substanzen hießen ortho-Nitroanilin und ortho-Nitrobenzaldehyd. Nun kann sich vielleicht auch der chemische Laie leicht vorstellen, dass sich zwei Substanzen umso schwerer voneinander trennen lassen, je ähnlicher sie sich sind (vergleiche: Zucker/Salz, Zucker/Sand). Meine beiden Substanzen klebten zusammen wie „Pech und Schwefel“, deshalb stimmten meine Schmelzpunkte nie. Dann hieß es: Noch mal von vorn anfangen. Da man das Praktikum erst bescheinigt bekam, wenn die Analyse anerkannt war, blieb ich als letzter aus meinem Kurs übrig, während bereits der Folgekurs den Raum in Beschlag nahm. Mir wurde ein Eckchen zugewiesen, in dem ich weiter kochen durfte. Man muss wissen, dass die meisten Nitroverbindungen eine leuchtend gelbe, unglaublich intensive Farbe haben. Wäre ein Besucher zur Türe herein gekommen, hätte sich ihm folgendes Bild geboten: Die ersten sechs Tischreihen besetzt mit Zierden der Wissenschaft in strahlend weißem Outfit und hinten links ein in verschiedenen Gelbtönen eingefärbter, verzweifelt brabbelnder, damals schon ziemlich kahler Mensch, dem die Schutzbrille im Gesicht festgewachsen schien. Weshalb ich das alles schreibe? Nun, an einem Pfeiler neben meinem Arbeitstisch hatte ein ehemaliger Leidensgenosse einen Zettel mit einem Zitat von Albert Einstein angebracht. Dort stand:

“If we knew what we were doing, it wouldn`t be called research.“

Genau daran musste ich denken, als ich heute bei der Durchsicht des online-Angebots eines Lokalblatts las, dass die Geothermie-Tiefenbohrung, ein Projekt des hiesigen Instituts für Markscheidewesen, Bergschadenkunde und Geophysik, zur Beheizung und Lüftung des SuperCs mit Erdwärme, nunmehr bei einer Tiefe von 2000 Meter abgebrochen werden musste. Ursprünglich wollte man mindestens 2500 m erreichen.

Mal abgesehen davon, dass das SuperC ein Gebäude von ausgeprägter Hässlichkeit ist, und dass man auf einer Seite des Baus wegen der Fassadenneigung die Fenster zwar kippen, aber nicht ganz öffnen kann, wird mit dem jüngsten Scheitern in der Tiefe die Serie von Pleiten, Pech und Pannen somit fortgeschrieben.

Man muss wissen, dass die Gegend um Aachen eine der tektonisch brisantesten Ecken Deutschlands ist. Wir tanzen sozusagen auf dem Vulkan. In dem Zusammenhang kann ich mich noch gut an die Serie leichter Erdbeben erinnern, die meine Heimatstadt 1992 erschütterte. Man darf den Geophysikern also zu dem Plan gratulieren, genau in diesen Grund und Boden eine Tiefenbohrung abzuteufen. Ich bin ehrlich gesagt erleichtert, dass man nun ein Einsehen hat. Immerhin: Der gestrige Umspülversuch brachte das Wasser mit einer Temperatur von 50°C wieder an die Oberfläche. Dass die Gummidichtungen der verwendeten Pumpe bereits bei dieser vergleichsweise geringen Temperatur aufquollen und unbrauchbar wurden – geschenkt. Es handelt sich ganz offensichtlich um ein Experiment, dessen Väter und Mütter sich dem oben angeführten Einstein-Zitat durch und durch verpflichtet fühlen. Wunderbar!

Irgendwann gab ich wieder mal meine Derivate bei Frau Müller, der Mother Superior des Organikums, ab. Sie führte die Röhrchen in die Schmelzpunktapparatur ein und begann die Proben zu erhitzen, während ich mir mit nitrogelben Fingern eine Kippe drehte und nervös auf einem niedrigen Schemel, den ich den „Büßerhocker“ nannte, hin und her rutschte. Die Kristalle schmolzen, Frau Müller las die Temperatur ab, warf mir einen Blick zu, der Mitleid, Abscheu und „Ich kann dich nicht mehr sehen“ zu gleichen Teilen enthielt, und sagte „In Ordnung, Herr Brottschnoff.“ Ich war erlöst, auch wenn die Schmelztemperaturen höchstwahrscheinlich außerhalb des Toleranzbereichs lagen. Ich war frei. So gesehen fühle ich mich den gescheiterten Bohrern vom Superloch in inniglicher Seelenverwandtschaft verbunden.

Note to self: Füße still halten! Musik: Parajubu, Psyopus, Pascal Comelade.