Shuffeliges

Es ist mal wieder Zeit für eine Bestandsaufnahme der kürzlich ganz legal herunter geladenen Gratismucke, die zurzeit meinen iPod bevölkert. Es sind einige bemerkenswerte Leckerlis dabei:

SF

Vor ein paar Wochen hatte ich hier das Album „Gambling on the Richter Scale“ der US-amerikanischen Sludge-Metal-Combo „Kowloon Walled City“ vorgestellt, die im Moment sehr fleissig ist. Von diesen Herren gibt es ein Stoner-Rock-Nebenprojekt namens „Snailface“ mit inzwischen zwei Veröffentlichungen. Natürlich findet man viele Zutaten wieder, die bei den Helden des Genres (Brant Bjorg, Kyuss, Mindfunk, QOTSA) entlehnt sind, allerdings orientieren sich Snail Face stärker an Grunge, Postrock und an den progressiven Wurzeln aus den Siebzigern. Auf dem Debüt sind einige echte Ohrwürmer, wie etwa „Drug School“ und „Dancing on Landmines“, zu hören, dazu kommen sphärische Intermezzi und Collagen wie „Shitty Decanter“. Das Material ist glänzend produziert, wobei der rohe Charme der Proberaumatmosphäre immer wieder durchschimmert. Sehr schön!

TN

Weiter geht es mit einer Band aus der Umgebung von Karlsruhe mit dem merkwürdigen Namen „The Nuri“. Auf ihrem 2007er Debüt „Masquerade“ gibt es eine ziemlich bunte Mischung von Alternative und Progressive-Rock. Wenn man mal das jugendliche Alter der fünf Musiker berücksichtigt, dann zeugt die Platte von erstaunlicher musikalischer Reife. Außerdem hört man sehr deutlich, dass kein Profi-Produzent das Material glattgebügelt hat, trotzdem ist die Aufnahme qualitativ über jeden Zweifel erhaben, nämlich transparent und sehr ausgewogen abgemischt. Erstaunlich ist außerdem die Qualität des Songwritings. Man balanciert gekonnt zwischen Eingängigkeit und kleinen überraschenden Schlenkern. Die Keyboards sind mir manchmal eine Spur zu opulent und verspielt, geschenkt. Insgesamt begeistert mich vor allem, dass es sich bei The Nuri nicht um eine zusammengecastete Abziehbildtruppe handelt, sondern um Musiker zum Anfassen, die eine sehr eigenständige Vorstellung von ihrem Projekt offensichtlich mit Erfolg durchziehen. Bravo und weiter so!

PSOTY

Nun zu einer Prise vortrefflicher instrumentaler Herbstmucke aus Großbritannien. Der Name der Kapelle ist „Pet Slimmers Of The Year“, was auch immer das heißen soll. Die Musik erinnert mich an eine ruhigere und nachdenklichere Ausgabe von „And So I Watch You From Afar“, die ebenfalls von den britischen Inseln kommen und sich ebenfalls einen etwas sperrigen Namen zugelegt haben. Die Pet Slimmers bieten dichte und sich behutsam steigernde Klangcollagen, die man sich wunderbar geben kann, wenn man dem bunten Laub beim Fallen zuschauen will. Lediglich der Opener „Moravka“ fällt ein wenig wuchtiger aus. Solche Musik nennt man heute wohl Post-Metal (siehe: Isis, Red Sparowes etc.), ich kann mit diesem Etikett überhaupt nichts anfangen. Ganz offensichtlich geht es hier weniger um technische Finesse, als um das Erzeugen einer bestimmten Stimmung. Entsprechend ist das Schlagzeug fast schon minimalistisch, der Bass banddienlich und die Klampfenabteilung sehr effektlastig. Dazu passt auch der Sound der Platte: Arm an Höhen, sehr kompakt, sehr von unten und von hinten. Neben dem hier vorgestellten aktuellen Album „…And The Sky Fell“ gibt es noch eine EP aus dem vergangenen Jahr, die auch empfehlenswert ist. Musik zum teetrinken und träumen.

EW

OK, wenigstens eine richtige Metal-Scheibe muss natürlich auch bei dieser Versammlung musikalischer Appetithappen dabei sein. Das schwedische Trio Everwhere hat eine neue EP mit dem Titel „One by One… Dead“ rausgebracht. Damit ist bereits folgendes klar: Es handelt sich hier um klassischen skandinavischen Death Metal ohne Kompromisse. Erwartungsgemäß bietet die Scheibe Gitarrenraserei zwischen Melodiebögen und Stakkato-Riffs, aggressive Growls und ein infernalisches Schlagzeug. Nichts davon ist neu, nichts ist innovativ, aber Spaß macht es trotzdem. Die Songs sind im Midtempo gehalten, mäßig verschachtelt und so dermaßen typisch Ikea-ländisch, dass es eine Freude ist. Die Produktion lässt keine Wünsche offen: Knackig, trocken, auf dem Punkt. Damit hat man sich gegenüber dem etwas muffigen Vorgänger „Black Dawn“ klar gesteigert. Gut so!

ABGO

Zum Schluss möchte ich noch eine ganz und gar ungewöhnliche Veröffentlichung aus Frankreich vorstellen. Die Band und ihre erste Platte heißen „A Backward Glance On a Travel Road“. Es handelt sich dabei um ein Projekt des äußerst talentierten Multi-Instrumentalisten Emmanuel Jessua und des Schlagzeugers Thibault Lamy, die man vielleicht als Mitglieder der Progressive Metal-Band „Hypno5e“ kennt. Und es fällt wirklich schwer, diese Musik einem bestimmten Genre zuzuordnen. Man könnte vielleicht sagen, dass es im weitesten Sinne neoklassischer Ambient ist, der von akustischen Gitarren dominiert wird. Hinzu kommen ungewöhnliche Instrumente wie Harfe, Glockenspiel und allerlei experimentelle Perkussion, elektronische Spielereien, Samples und glockenklarer Gesang. Ein bisschen dEUS ist drin, ein bisschen Pink Floyd, ein bisschen Weltmusik und eine Prise barocke Klassik. Das Resultat ist komplex, trotzdem eingängig und vertrackt bizarr. Die Stimmung ist düster melancholisch, wie der Soundtrack zu einem leisen, ganz langsamen Weltuntergang. Handwerklich lässt das Album keine Wünsche offen, es sind große Könner mit jahrelanger Erfahrung am Werk. Ich möchte alle Leser, denen, wie ich weiß, meine musikalische Vorlieben mitunter ziemlich auf den Senkel gehen, dazu einladen, sich diese Platte wirklich mal in aller Ruhe anzuhören, denn ich halte sie für ein Meisterwerk.

Note to self: Unmaßgeblich, ausgesetzt, allein. Musik: All of the above.

Eine halbe Million

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Ach was wäre ich gerne dabei gewesen. Seit der 0:5 Niederlage gegen St. Pauli im Einweihungsspiel war der neue Tivoli irgendwie ein schwarzes Loch, wenigstens aus emotionaler Sicht. Das hat sich gestern geändert. Jetzt ist es das Stadion, in dem eine Mannschaft, die sich in den letzten Wochen kontinuierlich gesteigert hat, endlich an die glorreichen Pokalzeiten anknüpfen konnte. Nach den Ausschnitten, die ich gestern gesehen habe, war der Sieg verdient, auch wenn den Mainzern ein reguläres Tor aberkannt wurde.

In allen Artikeln auf der Alemannia-Homepage und in den Lokalnachrichten betonen Spieler und Trainer, wie wichtig es wäre, dass die Aachener wieder in größerer Zahl zu den Spielen kommen. Ich hoffe sehr, dass mit dem überraschenden Erfolg im Pokal auch die Zuschauerzahl ein bisschen nach oben geht. Der Verein steht immer noch finanziell mit dem Rücken zur Wand. So gesehen sind vielleicht die 512.000 €, die als Prämie für das Erreichen des Achtelfinals überwiesen werden, das wichtigste Ergebnis des gestrigen Spieltags. Wenn jetzt die Firma Hellmich noch dazu überredet werden kann, den Bau der Geschäftsstelle wieder aufzunehmen (Ein Schmierenstück sondergleichen ist diese Angelegenheit), dann sieht die Zukunft meines Lieblingsclubs wieder ein bisschen freundlicher aus.

Note to self: Signalkonstanz. Wer funkte quer? Musik: Wir sind Helden, Exit To Freeways, Hebosagil, Snailface.

Es tanzt das ZNS

ZNS

Aufstehn! Schwarz vor Augen.
Voll die kalten Finger.
Was soll ich machen
beim zitternd Erwachen?

Der Dämon, der mich heut aus dem Bett geworfen hat, hat auch nichts zu lachen. Wir hauen uns die Stirnen an der gleichen rauhen Mauer auf. Nur steht er eben genau auf der anderen Seite. Wir können uns hören. Mich bestreikt die Deutsche Bahn AG, ihn die uralten Maschinen. Ein paar Minuten hab ich schließlich noch lose. Die Sonne scheint. Ich sehe einem mickrigen weißen Terrier zu, wie er in ein frisch angelegtes Beet einen erbärmlich kleinen Haufen scheisst.

Es tanzt das ZNS
tanzt das ZNS
tanzt das ZNS

Wenn Wellen sich nicht mehr finden, ausfransen, unscharf werden. Wenn nicht mal das klappt, was jahrelang eingeübt, sich tausendfach bewährt hat. Wenn Gesichter wie Seifenblasen aus Eis sind, erstarrt, leer, doch zum Äußersten gespannt. Hier hat keiner eine Marke gesetzt. Was unter Schmerzen geboren wird, muss unter Schmerzen verloren gehen.

Es tanzt das ZNS
tanzt das ZNS
tanzt das ZNS

Einen Eintopf will ich euch kochen, scharf und sämig. Mit allen Unentbehrlichkeiten. Und ersaufen sollt ihr darin, wenn ihr die Köstlichkeit kosten wollt und euch nur ein bisschen zu weit über den Rand lehnt. Solcher Art sind die minimalen Verhängnisse, die am Ende den Ausschlag geben. Schwärend und pulsierend. Deshalb wundert man sich so sehr, wenn man endlich da liegt.

Es tanzt das ZNS
tanzt das ZNS
tanzt das ZNS

Note to self: Äpfeln, früh. Musik: Einstürzende Neubauten

Schlicht, ganz schlicht

Da sitzen sie und reden. Wie zivilisierte Menschen. Ganz ohne Wasserwerfer, Pfefferspray, Trillerpfeifen, Kastanien. Das scheint mir schon mal ein erheblicher Vorteil gegenüber den Vorkommnissen der letzten Wochen zu sein. Gleichzeitig werden die Grenzen des Verfahrens deutlich: Zwar bemüht man sich um Allgemeinverständlichkeit, doch fallen Begriffe wie Fahrstraßenausschluss, Tunnelgebirge, durchgebundene Züge, Kopfwende, Relation, Überwerfung. Es sitzen sich Experten gegenüber, die nicht mal entsprechende Powerpoint-Vorlagen zur Hand haben, um dem Laien die besprochenen Sachverhalte verständlich zu machen.

Der Schlichter ist ganz in seinem Element und lockert die Diskussion durch launige Bemerkungen auf, gleichzeitig hat man mitunter den Eindruck, dass er nicht mehr ganz mitkommt. Zur Meinungsbildung kann das Prozedere nur sehr bedingt beitragen. Das hat vor allem damit zu tun, dass sich beide Seiten systematische Verzerrungen der Ausgangsparameter bei den durchgerechneten Szenarien und sogar gezielte Desinformation durch Zurückhalten von Unterlagen vorwerfen. Besonders schwierig wird es bei der Einbeziehung von prognostizierten Fahrgastaufkommen und Güterverkehren.

Man redet jetzt zur Tagesordnung, zum Gesprächsverlauf, zu gegenseitigem Respekt, zum würdigen Umgang miteinander. Die ganze Sache scheint zu zerfallen. Aus der zweiten Reihe preschen putzige Schweizer und heisere Professoren vor. In der ersten Reihe versuchen sich die Gegner in der Kunst der Polemik, die andere Seite kontert mit kalt lächelnd zur Schau gestellter Professionalität.

Während die Ministerin gerade den Schlichter ein bisschen zusammenfalten will und der bärbeißig zurückkeilt drängt sich mir folgendes auf: So ausgefuchst das Konzept für den Durchgangsbahnhof auch sein mag, so relevant die Argumente der Gegner auch sind: Zwischen einer guten bestehenden und einer möglicherweise geringfügig besseren Lösung stehen mehr als 6 Milliarden Euro an öffentlichen Ausgaben und hohe Gewinne für Immobilienspekulanten.

Der Teufel steckt im Detail, das muss sich auch der Commander der HMS Astute heute gedacht haben, als er das größte und teuerste Atom-U-Boot der britischen Flotte vor der schönsten Insel der Welt, der Isle of Skye, an der schottischen Küste auf Grund gesetzt hat. Zum Glück ist der Eimer dicht geblieben. Genau so könnte nach meinem Eindruck das Projekt S21 vor die Wand fahren: Der Betriebsplan ist vorläufig, alle Fahrzeuge im Regionalverkehr müssen umgerüstet werden, die weiteren Investitionen für das Gesamtkonzept zum Schienenverkehr in Süddeutschland sind erheblich, die Finanzierung dieses Konzepts ist nicht gesichert. Man wünscht sich, dass sich einer am Bug aufstellt und lotet.

Note to self: Q-Flash, ein Debakel. Musik: Keine, Glotze.

Ein warmer Hauch

Nach über zwei Jahren gab es gestern mal wieder eine Keynote von Apple, die sich ausschließlich mit der Macintosh-Plattform beschäftigte. „Back to the Mac“ lautete das sinnreiche Motto und hoch waren meine Erwartungen. Es ist bezeichnend, dass die Veranstaltung auf dem Apple-Campus im kleinen Kreis abgehalten wurde, denn nur noch ein Drittel des Unternehmensgewinns wird mit Computern generiert.

OK, es gibt ein neues iLife-Paket, da freuen wir uns natürlich. Renoviert wurden iPhoto, iMovie und Garageband. Die Innovationen sind meiner Meinung nach überschaubar, aber immerhin. Die Vorführung der neuen Trailer-Funktion in iMovie machte schon Spaß. Ehrlich gesagt komme ich immer noch am besten mit der Version 6HD und ihrem sehr einfachen Interface zurecht. Man wird alt…

Die Demonstration einiger neuer Funktionen aus dem kommenden neuen Mac OS „Lion“ fiel für mich enttäuschend aus. Natürlich, wir wissen nicht, was der Löwe alles unter der Haube haben wird. Technische Feinheiten, wie ein neues Filesystem (statt HFS+), ein verbesserter Finder, ein verbesserter AFP-Stack oder verbesserte Funktionen der beiliegenden Dienstprogramme werden hoffentlich endlich umgesetzt. Was zu erwarten war: Es kommt der App-Store für den Mac. Natürlich bleibt abzuwarten, ob die namhaften Software-Lieferanten sich dieses Vertriebswegs bedienen werden. Die spannendste Frage blieb unbeantwortet: Wie verhält es sich mit der Lizensierung? Kann ich ein im App-Store erworbenes Programm weiter verkaufen? Kann ich es auf mehreren Rechnern einsetzen? Was ist, wenn ich auf einen neuen Rechner umsteige? Das Prinzip des iOS-App-Stores bleibt jedenfalls erhalten. Apple kontrolliert, was dort angeboten werden darf und ein Programm, das Apple -aus welchen Gründen auch immer- nicht gefällt, wird dort nicht vertrieben. Steve Jobs ist zu meinem übergroßen Bruder geworden.

MBA

So und jetzt zu den neuen Macbook Air Modellen: Schick sind sie, ultraportabel sind sie, vom Preis her noch gerade verkraftbar. Die technische Ausstattung geht in Ordnung, abgesehen davon, dass es keine Option für ein mattes Display gibt. Außerdem fehlt ein SIM-Kartensteckplatz für 3G-Netze. Profis werden natürlich nach wie vor zum Macbook Pro greifen. Ob mobile Computer tatsächlich in Zukunft so funktionieren werden, wie sich Steve Jobs das vorstellt (minimale Schnittstellenausstattung, Speicherung in der Wolke) das wird die Zukunft zeigen. Es freut mich jedenfalls, dass Apple jetzt ein Subnotebook mit 11-Zoll-Bildschirm im Programm hat, denn das war überfällig.

Mal was anderes: Was wäre denn gewesen, wenn Steve ganz am Ende der Präsentation folgendes angekündigt hätte: Eine Mac-Hauptplatine für den kundigen Bastler: i3/5/7kompatibler-Sockel, 4 DIMM-Steckplätze, ein PCI-Slot, zwei PCIe-Slots, GB-Ethernet, USB 3.0 und Firewire 800 onboard. So eine Platine mit Original-EFI könnte für 250 Tacken über die Theke gehen oder im Bundle mit einer Mac OS DVD für 400 EUR angeboten werden. Das wäre doch was. Ach ja…

Note to self: Und wieder einer. Musik: iPod-Mix „Neue Helden 20“

Die Trägheit der Masse

Also eins vorweg: Es geht in diesem Beitrag nicht so sehr um meine ganz persönliche Masse. Das wäre ein ganz anderes, zurzeit wenig erquickliches Thema. Nein, dieser Artikel handelt von den allenthalben in den Medien thematisierten aktuellen Problemen der Deutschen mit der repräsentativen Demokratie.

Volksentscheide und Bürgerbegehren werden gefordert, egal ob es um umstrittene Bahnhofsprojekte, Kopftuchverbote oder Atommüllendlager geht. Die besonderen Probleme, die plebiszitäre Elemente für unser Staatswesen bedeuten, werden dagegen gerne ausgeblendet. Schauen wir uns mal die Volksbefragung im Bundesland Hamburg zum Thema Schulpolitik an, denn der Ablauf dieser Veranstaltung und das Ergebnis zeigen ganz deutlich die Risiken solcher Bürgerbeteiligungen auf.

Es ist ja nicht so, als wäre das Abstimmungsvolk nicht in der Lage, sich eine Meinung zu bilden. Doch wird die eigene Meinung nur in den seltensten Fällen einer Extremposition entsprechen und „eigene Vorschläge“ sind auf einem Abstimmungszettel nun mal nicht vorgesehen, man hat die Wahl zwischen schwarz oder weiß, nicht aber zwischen zusätzlichen Grautönen. Dazu kommt aber noch ein weiteres Problem. In Hamburg wurde die Initiative „Wir wollen lernen“ von einem professionellen Meinungsmacher mit erheblichem Personal- und Mitteleinsatz gefördert. Den Befürwortern der Schulreform stand ein solches privates Engagement nicht zur Verfügung. Die Reform sollte in erster Linie den Interessen des Bevölkerungsanteils dienen, der sich ohnehin bei der Beteiligung am politischen Prozess schwer tut. Und alle, die jetzt „selbst Schuld“ denken, sollten sich mal eine Podiumsdiskussion mit einem Schichtarbeiter und einem Vertreter des hanseatischen Geldadels vorstellen

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Mangel an Attraktivität des politisch Erforderlichen. Auch wenn niemand die Chancen eines integrativen Bildungssystems ernsthaft bestreiten kann, wird man im Zweifelsfall einer Lösung den Vorzug geben, die die Entfaltungsmöglichkeiten der eigenen Blagen möglichst nicht behindert und damit die Spaltung der Gesellschaft vorantreibt. Das St. Florians-Prinzip ist der Intimfeind der direkten Demokratie.

Der entscheidende Nachteil von Volksbefragungen ist aber das Mobilisierungsproblem. Man könnte der Ansicht sein, dass bei einer Befragung der Bürger zu einem konkreten Vorhaben eine hohe Beteiligung schon deswegen garantiert ist, weil das Totschlagargument „Die Politik macht ja eh, was sie will“ eben nicht gegeben ist. Tatsächlich ist es aber so, dass bei der Abstimmung über eine Detailfrage diejenigen sich nicht aufraffen, die diese Detailfrage als nicht relevant für das eigene Dasein ansehen. Wer keine Kinder oder erwachsene Kinder hat, der geht möglicherweise eben nicht zur Volksbefragung zur Schulpolitik. Dazu kommen Protestler, die an der eigentlichen Entscheidung kein Interesse haben, sondern den Regierenden eins auswischen wollen.

Bei aller berechtigten Kritik an der repräsentativen Demokratie sollten wir also berücksichtigen, dass Plebiszite ganz bestimmt kein Allheilmittel sind. Die Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen ist eher dadurch zu begründen, dass sich der Staat angesichts der Wirtschafts- und Wachstumsgläubigkeit selbst immer ohnmächtiger macht, aber das ist eine ganz andere und sehr traurige Geschichte.

Note to self: Es gibt nur eine Lösung. Musik: Wir sind Helden.

Barrage de la Gileppe

Ein wunderschöner Tag an der frischen Luft. Heute erkundeten wir den Stausee der Gileppe südwestlich von Eupen, anfangs bei Sonnenschein, später bei bedecktem Himmel. Windstill war es und ein allerletzter Rest sommerlicher Wärme durchdrang die morschen Knochen.

g1Staumauer und Entnahmebauwerke von der Plattform in halber Höhe des Aussichtsturms

Den Talsperrenfan erfreut die mutige Architektur der Entnahmetürme, die schöne Ausführung des Steinschüttdamms mit heimischer Grauwacke und die großzügige Ausstattung der Straße auf der Mauerkrone, da kann der Wasserverband Eifel-Rur nicht mithalten.

g2Aussichtsturm

Typisch belgisch mutet dagegen der monumentale Panoramaturm mit Außenaufzug, das zugehörige Portalgebäude und die Ausführung des benachbarten Aussichtshäuschens an: Sichtbeton, Pseudo-Sci-Fi-Design und jede Menge Protz.

g3Blick ins Unterwasser: Links altes und neues Krafthaus, rechts Einmündung der Hochwasserentlastung

Der Stausee war gut voll, die Turbinen arbeiteten und die Szenerie war alles andere als überlaufen, im Gegenteil: Wir hatten Mauer und Turm fast für uns.

g4Der Löwe: 13,5 m hoch, 180 Tonnen Sandstein

Die Mauer wird beherrscht von einem beachtlichen Sandstein-Löwen mit knackig-muskulösem Hintern, wilder Mähne und trotzig vorgestreckter Tatze. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Tatsache ist: So etwas baut heute keiner mehr. Ich fühlte mich an das Turbinenhaus des Staubeckens Heimbach erinnert: Lange her die Zeiten als man technische Triumphe noch feiern und mit entsprechend stolzer Ausschmückung auszeichnen konnte.

g5Zugang zum Entnahmeturm: Ein UFO in Ostbelgien

Unser Ziel war selbstverständlich die komplette Umwanderung des Stausees. Auf der Karte (bzw. bei Google Earth) sah das aus, wie eine Rentnertour: Breite, asphaltierte Wege, topfeben und maximal 10 km zu gehen. Der erste Abschnitt erfüllte diese Erwartungen. Wir kamen gut voran, gönnten uns Pausen auf sonnenbeschienenen Bänken, überlegten, wo man dann später am Tag noch hinlaufen könnte.

g6Schöner Schiefer am Wegesrand

g7Auslass des Tunnels von der Vorsperre der Soor

Auf halber Strecke erreichten wir den Auslass des Tunnels, der die Soor mit der Talsperre verbindet. Eine Schautafel zeigte eindrücklich, wie heftig es aussieht, wenn dieser Durchstich bei geöffneten Drosselklappen betrieben wird und das Wasser aus der Vorsperre durch den Durchlass schießt. Entsprechend monumental ist auch die Schussrinne ausgeführt, über die das Wasser in den Stausee geführt wird.

g8Die Gileppe kurz vor dem Einmünden in den See

Die Wanderbegleitung, gestählt durch zahlreiche Touren mit dem Blogger, hatte ihr nagelneues GPS dabei, zum Glück. Bei unseren bisherigen Wanderungen hatten sich zwei Grundsätze herauskristallisiert: Die Strecke war grundsätzlich wesentlich weiter als im voraus berechnet. Das lag zumeist daran, dass wir uns grundsätzlich verlaufen haben. Heute witzelte ich noch, dass die Route ja überhaupt kein Verlaufungspotential besäße, ein Rundweg um einen See eben. Es kam jedoch anders: Wir verpassten einen Abzweig im wunderschönen Eichen/Buchen-Mischwald, fanden uns plötzlich von Wiesen umgeben und stellten mittels GPS fest, dass wir ganz schön vom rechten Weg abgekommen waren.

g9Na denn Prost!

Nun gut, der Vorteil einer GPS-unterstützten Wanderung liegt ja auch darin, dass man weiß, wo man sich gerade relativ zum Ausgangs- und Zielpunkt befindet. So kam es, dass wir uns entschlossen ein Stück querfeldein zu gehen, um schnellstmöglich wieder unseren Rundweg zu erreichen. Wir schlugen uns durchs Unterholz, passierten Bäche und Schonungen. Von einem topfebenen Verlauf der Strecke konnte keine Rede mehr sein, im Gegenteil, es ging ganz schön bergauf und bergab. Als wir den See dann endlich wieder durch die Bäume schillern sahen, waren wir doch erleichtert. Nach 19,2km erreichten wir schließlich wieder die Staumauer. Eine schöne Tour.

g10Abschied von der Gileppe

Note to self: Dornenvögel? Nicht mit mir. Musik: Disappearer, Decrepit Birth.

Glück auf!

Chile hat eine Fläche von fast 756000 Quadratkilometern. Heute besteht das Land im Grunde nur aus einem Loch mit einem Durchmesser von 70cm. Wir werden Zeuge einer merkwürdigen Inszenierung: Nicht nur Vertreter der internationalen Medien, der Minengesellschaft, des Bergbauministeriums sind vor Ort, sondern auch die Staatsoberhäupter Chiles und Boliviens. Nationalflaggen sind auf beiden Seiten des Rettungsschachts aufgespannt. Es gibt Videoaufnahmen aus der Grube, wir können live dabei sein, wenn die Verschütteten in die Rettungskapsel, die ein bisschen wie eine Mondrakete aussieht, steigen. Wir haben erfahren, dass die zu Rettenden für die Fahrt nach oben nicht nur mit Thermo-Overalls und frischen Unterbuxen, sondern auch mit personalisierten weißen Socken ausgestattet werden. Wenn die Mineros an die Oberfläche kommen, dann tragen sie Designer-Sonnenbrillen, sind frisch rasiert und frisiert und wirken ein bisschen wie Popstars.

Sicher, die hoffentlich erfolgreiche Rettungsaktion ist ein großer Erfolg für alle Beteiligten. Es ist auch kein Wunder, dass die chilenische Regierung diesen Erfolg als identitätsstiftendes Ereignis ausschlachtet, um den Nationalstolz und das Zusammengehörigkeitsgefühl zu fördern. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass die Kumpel die ersten Augenblicke an der Erdoberfläche, wenn sie ihre Frauen, Kinder und Geschwister umarmen und sich bei den Rettern bedanken, in privater Atmosphäre durchleben könnten.

Vor ein paar Jahren hatte ich die Gelegenheit im Bergwerk Ibbenbüren bis auf eine Teufe von 870 m einzufahren. Wenn man die Hitze und Schwüle in einem Bergwerk am eigenen Leibe erfahren hat und das im wörtlichen Sinne bedrückende Gefühl erlebt hat, das Millionen Tonnen von Gestein über dem Kopf erzeugen, dann bekommt man eine Ahnung davon, was die 33 in San Jose mitgemacht haben. Ob sie tatsächlich langfristig von dem Trauma der Verschüttung genesen werden, das kann heute keiner sagen.

Im Fernsehen sehen wir ein ziemlich dünnes Drahtseil über eine Rolle laufen, mal schneller, mal langsamer. Bei aller technischen Präzision und nüchternen Berechnung, die hinter dem ganzen Vorgang steckt, ist und bleibt es ein Wunder.

Note to self: Balkon winterfest. Musik: Isis, Vakante Genies, Oasis.

şehir dışında

Bin froh, dass das Spiel vorüber ist. Natürlich bin ich auch froh, dass wir die Türken klar geschlagen haben, aber in erster Linie ist es gut, dass das Spiel vorüber ist.

Der Ärger setzte ein, als ich das inzwischen sattsam bekannte Interview mit Hamit Altintop im Internet las, in dem die Entscheidung Mesut Özils für den DFB zu spielen, heftig kritisiert wurde. Es ist nun mal so, dass Özil alle Jugendmannschaften des DFB durchlaufen hat und deshalb seine Entscheidung für Deutschland ins Bild passt. Umgekehrt haben die Altintops seit der U-18 für die Türkei gespielt und sich deshalb für die türkische A-Mannschaft entschieden. Das habe ich nicht zu kritisieren. Die Welt des Profisports ist voll von solchen Fällen. Nein, was mich ärgert ist die Tatsache, dass Altitop Özil vorwarf, er habe sich wegen des Geldes und wegen des Prestiges für die Nationalmannschaft entschieden. Erstens ist es kein Geheimnis, dass türkische Scouts durch alle europäische Länder ziehen und junge Talente mit hohen Geldbeträgen ködern. Zweitens ist es der Traum eines jeden Spielers mal Welt- oder Europameister zu werden und ich erlaube mir die Feststellung, dass die Wahrscheinlichkeit dafür für ein Mitglied der deutschen Auswahl höher ist, als für ein Mitglied der türkischen Mannschaft. Drittens sollte der Herr Altintop einfach mal zugeben, dass er bei einer realistischen Einschätzung seiner fußballerischen Möglichkeiten nicht davon ausgehen durfte, in der deutschen Nationalmannschaft Karriere zu machen, es hat ja selbst für die türkische Nationalmannschaft oft genug nicht gereicht bei ihm.

Der Ärger wurde erheblich größer, als Özil beim gestrigen Spiel permanent von den türkischen Fans ausgepfiffen wurde. So ist das nämlich bei vielen Türken: Wenn Özil bei der WM die Engländer fast alleine aus dem Turnier befördert, dann steht am nächsten Tag in der Hürriyet „Unser Mesut schießt die Deutschen ins Viertelfinale“. Wenn er dann gegen die Türken antritt, ist er ein Vaterlandsverräter. Wurde gestern gegen Sahin gepfiffen, gegen Ömer, gegen die Altintops? Natürlich nicht. Türkischer Nationalstolz ist oft genug eine merkwürdig doppelbödige Angelegenheit. Erbärmlich!

Als Özil gestern das zweite Tor für Deutschland erzielte, da wurden die Pfiffe leiser. Die Deutschen waren den Türken läuferisch, spielerisch, taktisch und im Zweikampf haushoch überlegen. Mit einem Podolski in WM-Form wäre ein 5:0 herausgekommen. Beim dritten Tor für Deutschland verließen die türkischen Fans reihenweise das Stadion. Nicht mal ein Applaus nach Abpfiff für die eigene bemühte und rackernde Mannschaft war drin. Türkische Fußballbegeisterung ist oft genug eine merkwürdig doppelbödige Angelegenheit. Erbärmlich!

Note to self: Sirenentest? Luftangriff? Musik: Toundra, Watain, Olde Growth.

Hölle voller Geigen

Auch wenn Black Metal im Grunde Message-Musik ist, die von Überzeugungstätern gemacht wird, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen für die Elite der Menschheit halten und den Rest zum Satanismus bekehren oder in den Selbstmord treiben wollen, so haben schwarzmetallische Klänge, die einfach nur eine dunkle und sehr eigene Ästhetik und Weltsicht akustisch auskleiden wollen, bestimmt ihre Berechtigung. Eigentlich sind mir solche Vertreter (Immortal, Satyricon) lieber als die ideologisch verblendeten Schwachköpfe (Watain, Marduk, Mayhem, Dissection, Taake, Burzum).

So gesehen hat auch die Musik von Dimmu Borgir durchaus etwas für sich, auch wenn jetzt die Hardcore-BMler wieder „Verräter“ und „Poser“ schreien. Die Dimmus haben ein neues Album mit dem Titel „Abrahadabra“ vorgelegt. Hören wir mal rein:

DB

Spätestens seit „Death Cult Armageddon“ aus dem Jahr 2003 sind die Norweger stets mit opulenter Orchesterunterstützung unterwegs. Und man darf schon kritisch anmerken, dass sich die Band dabei oftmals verzettelt hat. Es gelang ihr fast nie, die unterschiedlichen Farben des riesigen Klangkörpers in den Arrangements vernünftig einzusetzen. Heraus kam meist ein traniges, überladen wirkendes Geschwurbel, wie man es beispielsweise auch von Metallicas unsäglicher Platte „S&M“ kennt.

Ich finde, dass die neue Langrille in diesem Punkt wesentlich gelungener ist. Man hat diesmal das Norwegische Radio Orchester und überdies einen 38köpfigen Chor verpflichtet. Natürlich bleibt das collagenhafte Moment erhalten, man hat über weite Strecken den Eindruck, den Soundtrack eines Endzeit-Films zu hören. Selbstverständlich kann man sich darüber streiten, ob dieses monumentale Produkt wirklich originell ist. Ganz klar, manche Passagen klingen wie eine Gratwanderung zwischen Carmina Burana und Leder & Nieten-Kitsch. Aber man hört deutlich, dass die Band den einmal eingeschlagenen Weg konsequent weiter gegangen ist und inzwischen mit den Klangmöglichkeiten besser umzugehen weiß. Das Ergebnis ist deshalb stimmiger und vermag den Hörer wirklich zu fesseln. Die Atmosphäre ist dicht und düster, natürlich auch irgendwo operettenhaft, aber alles passt zusammen. Die ausgezeichnete transparente Produktion des Albums und die gelungene Abmischung verdienen ebenfalls Anerkennung.

So und jetzt das Kernproblem: Darf man solche Musik als aufrechter Metaller überhaupt hören? Ich meine schon. Die Zeiten der True-/Untruediskussionen sind vorbei. Das Gerede darüber, dass ernst gemeinter Metal kommerziell nicht erfolgreich sein dürfe, ist ohnehin von gestern. Dimmu Borgir werden nie zu meinen Lieblingsbands gehören, aber sie haben es verdient, dass man sich mit ihnen genau so ernsthaft auseinandersetzt, wie mit anderen Metalgrenzgängern (Negura Bunget, Samael, Apocalyptica, Opeth, Enslaved). Als Bonustrack hat die Kapelle eine äußerst grenzwertige Cover-Version des Deep Purple-Klassikers „Perfect Strangers“ aufgenommen und nimmt sich damit auch ein bisschen selber auf den Arm. Das passt ganz gut ins Bild: Nicht alles so eng sehen ist die Devise.

Note to self: Stacheliger Skorpion, stacheliger. Musik: Dimmu Borgir, Watain, Enslaved.