Dauerfrost

Gell, wenn die ersten Flöckchen aus grauem Himmel rieseln, dann kann man sich ein innerliches, gedankliches „Ach, schön“ nicht verkneifen. Es ist dies ein kindliches, ein Schneemann- und Iglubauendes „Ach schön“. Ein paar Stunden später, nach etlichen Kippen mit klammen Pfoten auf dem eisigen Balkon, nach Rutschereien auf nicht geräumten Gehwegen, nach Bekanntschaft mit schmutzigen Matschspritzern, die von Winterreifen in Richtung unsrer eigentlich ziemlich sauberen Hosenbeine geschleudert wurden, sieht die Sache dann schon wieder anders aus.

Das große Rieseln begann hier am gestrigen Abend, ich schaute gerade den besten Tatort seit einigen Jahren, da bemerkte ich, dass die kümmerlichen Reste der nicht ernst zu nehmenden Erstteilbeschneiung nun zu einer fast geschlossen Decke ergänzt worden waren. Und das Häutchen blieb liegen, denn knackige -3°C meldete mein Außenthermometer. Heute hat es noch gar nicht aufgehört, mal kommt ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger, aber es hält sich dran. Ehrlich gesagt ist das das Einzige, was mich momentan wirklich kratzt. Einige andere Sachen jucken mich dagegen nicht mal:

Zum Beispiel das Wikileak-Dingens: Es kann sich doch keiner darüber wundern, dass die Amerikaner auch schon gemerkt haben, was für Hampelmänner und -frauen unsere Regierung bilden. Selbst die Regierung hat sich wohl schon so was gedacht, ein gutes Beispiel bildete da der Entwicklungshilfeminister gestern bei Frau Will: Demontiert, belanglos, aber absolut in sich ruhend. Der Außenminister kann das genau so gut. Frau Homburgers Reaktion wäre mal interessant gewesen, da wäre wahrscheinlich mehr Feuer im Laden gewesen.

Dann die Spielchen der Hamburger Grünen: Lasst sie doch. Natürlich ist abzusehen, dass man auch im nächsten Senat nicht ohne sie auskommen wird, das macht sie übermütig. Und Muttis Schmährede bei der Generaldebatte im Bundestag brachte dann das Fass zum überlaufen. Dem Kommentator bei SPON, der wie eine beleidigte Leberwurst über die Machtgeilheit der GAL fabulierte, sei ein fröhliches „Aufwachen, Bursche“ zugerufen. Der Rupfungsprozess geht jetzt bei den Bürgerlichen (!) weiter und zwar um so schneller, je schneller die Reste unserer Nachkriegswohlstandsgesellschaft wegerodieren.

Ah und dann die Schweizer mit ihrer Ausschaffungsinitiative. So etwas brauche man hierzulande auch, regten sich die Foristen beim Spiegel und bei der Süddeutschen auf. Liebe Leute, haben wir längst, jeden Monat geht allein eine Maschine mit abzuschiebenden Straftätern Richtung Türkei. Nur sind das bei uns Fälle, bei denen Richter diese Maßnahme geprüft haben, es gibt keinen Automatismus, denn wir sind eben immer noch so eine Art Rechtsstaat. Bei uns kann auch nicht die erworbene deutsche Staatsbürgerschaft bei Straftätern ausländischer Herkunft wieder aberkannt werden. Eine Sache hätte mich dann doch noch interessiert: Warum gibt es im Katalog der Verbrechen, die den Schweizerstaat zur Ausschaffung berechtigen, kein einziges Delikt aus dem Bereich Wirtschaftskriminalität? Na warum wohl? Na egal, die Schweiz wird jetzt vom Pöbel regiert. Abhaken.

Note to self: Gimli abgeschaltet. Verkaufen lohnt nicht. Musik: Neurosis, Thou, Everfailed, Amity in Fame.

Noch schlichter

Die öffentlichen Sitzungen zum Projekt S21 nähern sich dem Ende. Die Teilnehmer haben sich mit Zahlen beworfen, sich durch trockenste Materie gekämpft, stadtplanerische und architektonische Aspekte beleuchtet, Bäume umarmt und Juchtenkäfer geherzt. Einige besonders skurile Punkte werden mir unvergessen bleiben, zum Beispiel der „geologische“ Morgen, an dem die Bahn AG den Projektgegnern anbot, sich in einem eigens in Frankfurt am Main eingerichteten Datenraum durch 300 Aktenordner mit hochgeheimen Gutachten und Prüfberichten zu fressen und die Weitergabe der dabei erhaltenen Informationen mit einer Strafandrohung von 500.000€ zu bewehren. Ich habe das meiste nicht intensiv, sondern nur mit einem Auge verfolgt. Heute ging es jedoch um die Kosten bzw. die Kosten-Nutzenrechnung, für mich die Kernfrage der ganzen Angelegenheit.

Ich will niemanden langweilen, aber nach Vortrag der eigens beauftragten Wirtschaftsprüfer erscheint mir die Kostenrechnung der Bahn verdammt optimistisch, eigentlich zu optimistisch zu sein. Wenn man berücksichtigt, dass alle Auftragsnehmer über ein ausgefeiltes Nachtragsmanagement verfügen und deshalb ein nicht geringer Kostenanteil erst dann auflaufen wird, wenn das Projekt in der Mache ist, dann wird die Abweichung nach oben wohl ganz erheblich sein. Für rund 4,5 Mrd. ist S21 nicht zu bekommen, der in dieser Summe ursprünglich enthaltene Risikozuschlag von etwa 1 Mrd. (!) ist binnen Jahresfrist bereits bis auf einen kümmerlichen Rest aufgezehrt. Das vorgelegte Zahlenmaterial (Optimierungschancen) legt den Schluss nahe, dass die Bahn mit erheblich geschönten Kosten operiert.

Die Sternstunde des Schlichtungstages war dann am frühen Abend bei der Kostenbetrachtung über die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm erreicht. Man beachte: Die Bahn plant schon ein paar Jahre, die Gegner haben umfangreiche Gutachten vorgelegt, drei Wirtschaftsprüfer haben Plausibilitätsuntersuchungen durchgeführt. Egal, als es um die Kosten für einzelne Tunnelbauten ging, hatte Dr. Volker Kefer, Bahnvorstand im Bereich Technik und Infrastruktur, seinen großen Auftritt. Dieser Mann ist ein PR-Profi, der selbst härteste Angriffe mit jovialem Pokerface gar nicht mal unsympathisch weglächelt. Er schickte sich an, das gesamte Rechenwerk der Gegenseite mit einem Blatt Papier, einem Filzschreiber und einem Taschenrechner hinwegzufegen:

s211

s212

Zur Erklärung: Gesucht waren die Rohbaukosten für einen Tunnelkilometer. Kefer rechnete mit Kosten von 300€/m^3 Ausbruch los, schätze ab (π=3 usw.) und erhielt schließlich 22.500€ pro Tunnelmeter (und damit 1,75 Mrd für den Gesamttunnel, etwa die Hälfte der Kosten laut Gegengutachten) und jetzt kommts: Diesen Wert verkaufte er als Rohbaukosten, dabei hatte er bislang nur ein Loch gebohrt. Auf der Contraseite konnte man Gesichtszüge entgleiten und sich röten sehen. Es dauerte weitere 10 Minuten und bedurfte weiterer hitziger Wortgefechte, bis man Kefers gar nicht so kleine aber sehr gewiefte Schummelei (Ausbruchskosten ungleich Rohbaukosten) bemerkte. Ein Lehrstück in Sachen Desinformation. Besonders bemerkenswert: Die Angelegenheit war Kefer nicht mal peinlich, er ärgerte sich nur, dass man ihm nicht auf den Leim gegangen war. In dieser knappen Viertelstunde habe ich verstanden, wie die Bahn S21 handhabt. Weh uns!

Note to self: War ja klar, ist auch nicht schlimm. Musik: keine, Glotze.

A happy camper…

Joh, nach zähem Einstieg war es dann eigentlich ganz einfach. Der neuste Schnee-Leopard schnurrt, wie er soll, auf allen Hackintoshs:

Judas:

ju5

Jakob:

ja5

Luzifer:

lu5

Now I am a happy camper 🙂

Note to self: Schneekalte Füsse. Musik: KLarK Nova, Kathaarsys, Sammath Naur.

Das keltische Kätzchen

Für die Mehrzahl der Deutschen dürfte Irland aus grünen Hügeln, Schafen und dunklem Bier bestehen. Sehr viele haben Bölls „Irisches Tagebuch“ gelesen und seit dem ein romantisches und reichlich verklärtes Bild im Kopf. Die irische Republik war lange das Armenhaus Europas, wurde mit Abermilliarden aus europäischen Töpfen gepäppelt und lehnte dann den Vertrag von Maastricht per Volksentscheid ab.

Das ist erst ein paar Jahre her. Die Insel der Guinness-Trinker und Kartoffelbauern hatte sich zum keltischen Tiger gemausert: Rasantes Wirtschaftswachstum, niedrige Arbeitslosigkeit und noch niedrigere Unternehmenssteuern, ein Vorbild für die Politik Schröders und Blairs, die der „unsichtbaren Hand“ das Wort redeten. Man stand blendend da. Und heute? Heute ist man pleite.

Vergleicht man die irische mit der griechischen Staatsfinanzmisere, dann präsentieren sich die beiden Bankrotteure als Antipoden, deshalb ist der Vergleich so lehrreich. Während den mediterranen Olivenproduzenten ihre Wohltaten fürs Volk und ihre Nachlässigkeiten in der Korruptionsbekämpfung das Genick brachen, sind die keltischen Insulaner Opfer eines historischen Irrtums, die Krise ist ihnen nicht unterlaufen, sondern sie wurde begangen. Der griechische Niedergang ist eine Geschichte vom Auto-Parasitismus eines ganzen Volkes, der irische veranschaulicht in besonders eindringlicher Form die katastrophalen Folgen der Untaten von Spekulationsverbrechern.

Die irische Regierung übernahm ihre maroden Banken und erzielte so ein Haushaltsdefizit von sagenhaften 31%. Auch wenn jetzt an die 100 Milliarden (Hallo?) locker gemacht werden, um die Banken zu sanieren, gewonnen ist damit noch gar nichts. Ein strikter Sparkurs ist verabredet, der heftige Kürzungen im Sozialetat, aber keine Erhöhung der Unternehmenssteuern vorsieht, gerettet ist damit noch gar nichts. Es geht gerade nur darum ein Pflästerchen zu kleben, damit man denjenigen, die die Krise verursacht haben und jetzt schon wieder kräftig am Schuldenmachen verdienen, kurzfristig den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Was man tun könnte? Nun, man könnte der gemeinsamen europäischen Finanzpolitik eine gemeinsame Wirtschaftspolitik zur Seite stellen, die eine innereuropäische Konkurrenz auf Kosten der vernünftig haushaltenden Staaten verhindert. Man könnte sich zu der Erkenntnis durchringen, dass die globale Wirtschaft zu allererst an einem Übel krankt: An dem Verleihen von Geld gegen Zinsen nämlich. Man könnte sämtliche Banken auf Dauer verstaatlichen und akzeptieren, dass der Finanzsektor nur insoweit zum wirtschaftlichen Wohlstand beitragen kann, als er den tatsächlich wertschöpfenden Gliedern des Wirtschaftskreislaufs Kapital im Sinne einer echten Dienstleistung zeitlich beschränkt zur Verfügung stellt, aber selbst nicht danach trachtet, Wertschöpfung zu betreiben. Das ist Sozialismus? Ihr könnt mich mal!

Note to self: Auer, Aue, Aua. Musik. Salome, Soulfieri.

Fürchtet euch!

Wahrlich, ich sage Euch: Die Lage war noch nie so ernst. Unsere schöne Bimbesrepublik befindet sich im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus. Pakete werden geschickt aus Deutsch-Süd-West, eine späte Rache der Herero zweifellos. Das muss daran liegen, dass Lothar von Trotha am Waterberg eben doch nicht ganz kurzen Prozess gemacht hat. Ah, vielleicht war es auch nur der Bundesnachrichtendienst. Unser Innenminister ist ahnungslos.

Unser Innenminister. Bisher trat er im Vergleich zum geräderten Vorgänger ja noch halbwegs zahm auf, aber jetzt ist die Katze aus dem Sack. Es droht zumindest ein ganz erheblicher islamistischer Anschlag, die in Schutzwesten gekleideten und mit MP ausgestatteten Bundespolizisten künden davon. Und wenn nichts passiert, dann kommt wenigstens eine schöne kleine Vorratsdatenspeicherung dabei heraus. So geht das nämlich.

Kriegt ihr das mit? Wir werden systematisch verängstigt. Wir werden unsere komisch sprechenden Nachbarn melden, weil sie den Restmüll in die blaue Tonne werfen. Wir werden Teil einer unglaublichen Sammlung von amerikanischen Nacktscannerfotos sein. Wir werden das Kaninchen vor der Schlange sein: Regungslos, besinnungslos, dem Tod geweiht, auch wenn wir quicklebendig sind. Wir könnten auch anders, aber es fehlt ein bisschen Mut.

Verdammt, wir haben uns viel zu lange verlassen auf Mutti, auf Obama, auf Colgate und den weißen Riesen. Uns könnte nichts geschehen, haben wir gedacht, dabei passierte uns das Schlimmste. Eingelullt stehen wir da. Entmündigt, verlassen, verführt, rasiert, runtergebrochen stehen wir da. Macht euch das klar. Wir werden hinters Licht geführt und dort, wo man uns hinführt ist es kalt und klamm. Und das ist unsere Schuld. Die bösen Absichten der Männer am Drücker sind uns wohl bekannt. Es sind immer die gleichen: Sagt den Kälbern mit dem Strick um den Hals, dass sie sich fügen mögen bis zum Schluss. Diese Strategie ist ist eine Bolzenschussstrategie.

Möge es uns nicht erwischen. Mögen wir stärker sein und widerstehen. Mögen wir unterscheiden zwischen Wirrköpfen und kalter Berechnung. Angst vor der Angst ist die Sackgasse. Fürchtet euch nicht!

Note to self: Was ich noch sagen wollte abgewürgt. Viel Spaß in Berlin. Musik: Dimitri Shostakovich, Claude Debussy.

Die Blastula der Pandora

Jaja, nicht nur die CDU arbeitet sich gerade auf ihrem Parteitag am Thema PID ab, jeder sollte dieses Problem auf dem Schirm haben. Sollen wir zulassen, dass Embryonen nach genetischen Merkmalen ausgesucht werden? Kann es an dieser Stelle eine schwarz-weiß Entscheidung geben?

Ich will ein wenig weiter ausholen: Eigentlich würde sich die Frage gar nicht stellen, wenn man das Verfahren der in vitro Fertilisation generell untersagen würde. Dafür gibt es gute Gründe: So wenig wie ich bestreiten kann, dass sich in der erfolgreichen Fortpflanzung der biologische Sinn der menschlichen Existenz erfüllt, so überzeugt bin ich davon, dass es keinen Anspruch darauf gibt, auch wenn eine künstliche Befruchtung technisch machbar ist. Es gibt, verdammt noch mal, genug Menschen auf der Welt und es gibt zu viele kindliche Existenzen, die eigentlich der elterlichen Fürsorge dringend bedürfen, sie aber nicht erhalten, weil die biologischen Eltern aus verschiedenen Gründen dazu nicht in der Lage sind. Der Irrsinn beginnt dort, wo Paare den eigenen Kinderwunsch mit anonymen Eizell- und Samenzellspenden realisieren möchten und endet dort, wo lesbische Paare einen Besamer suchen, um die Früchte dieser Besamung dann in rein mütterlicher Umgebung aufzuziehen.

Man wird das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen können, so sehr ich das auch bedauere. IVF ist Realität und wird offensichtlich von der Mehrheit der Gesellschaft begrüßt. Also können wir auch dem Problem der PID nicht ausweichen. Deshalb werden wir irgendwann in naher Zukunft auch überlegen müssen, was ein genetischer Defekt eigentlich ist. Reicht es aus, wenn der in der Petrischale gewachsene Keim eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür besitzt kahlköpfig, kurzsichtig und übergewichtig zu werden? Noch reicht das nicht, aber die Grenzen sind fließend.

Wenn man PID konsequent zu Ende denkt, dann könnten wir eine Zweiklassengesellschaft bekommen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Hier die privilegierten, drahtigen, hochintelligenten Supermenschen, dort der traurige Rest. Es könnte allerdings genau so sein, dass die Anwender dieser Techniken erkennen müssen, dass sie ganz schwer auf dem Holzweg sind. Das liegt daran, dass wir noch viel zu wenig darüber wissen, inwieweit epigenetische Faktoren die Vererbung beeinflussen. Und noch größer könnte das Aha-Erlebnis werden, wenn sich herausstellte, dass wir durch eine bewusste Verkleinerung des genetischen Pools die Überlebenschancen der Spezies insgesamt aufs Spiel gesetzt haben.

Note to self: Der vermutliche Aufenthaltsort des Steckschlüsselsatzes. Musik: KLarK Nova.

Tiefpunkt am Hochkreuz

Mein Standpunkt zu allem Militärischen ist extrem, er ist radikalpazifistisch. Hätte man mich zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen, dann hätte ich wohl erhebliche Anteile der Dienstzeit wegen fortgesetzter Insubordination im Bau verbracht. Trotzdem, es gibt Grenzen, und das, was sich auf dem Aachener Waldfriedhof am gestrigen Sonntag zugetragen hat, geht mir ein ganzes Stück zu weit.

Soldatenfriedhöfe sollten Orte des Schweigens sein, denn die Sinnlosigkeit des grausamen Sterbens, die dort in ihrer ganzen Monstrosität dokumentiert wird, hallt doch ohrenbetäubend genug über die Gräberfelder. Natürlich darf nicht verschwiegen werden, dass zahlreiche Wehrmachtsangehörige nicht nur Opfer, sondern auch Täter und willige Werkzeuge der nationalsozialistischen Entmenschungsmaschine waren, aber ich bin der Ansicht, dass es genügend Gelegenheiten gibt, die im zweiten Weltkrieg verübten Kriegsverbrechen schonungslos anzusprechen und man deshalb am Volkstrauertag auf einem Friedhof keine Parolen skandieren sollte. Das ist keine Frage politischer Überzeugungen, sondern des Anstands.

Auch wenn es wichtig und notwendig ist, dazu beizutragen, dass die Verbrechen der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten, noch wichtiger ist das Anprangern der Idiotie der aktuellen, so genannten Verteidigungspolitik: Soldaten sind Betrogene, Soldaten sind Mörder, Soldaten sind fleischgewordene Einzelteile eines gewaltigen Irrtumsapparates, der all das in Abrede stellt, was uns eigentlich ausmachen sollte. Dies mag für einen Bundeswehrangehörigen, der in Kunduz vor dem Sarg seines getöteten Kameraden steht, schwer zu verstehen sein, es bleibt aber trotzdem richtig. Für heute schließe ich mit einem Zitat aus einem Text von Hanns Dieter Hüsch:

„Wäre doch der Mensch ein Volk von Drückebergern. Wir kämen uns näher und hätten viel Zeit die Erde fruchtbar zu machen und könnten erlöster von dannen ziehen.“

Note to self: Nicht belohnt. Musik: The Blind Surgeons Operation, Pigboat.

Rabimmel, Rabammel, Rabumm

KP

Rabimmel: Jaja, das Systemupdate auf 10.6.5 geisterte ja bereits seit einigen Tagen, eigentlich sogar Wochen, durch die diversen Mac-Seiten. Nichts Aufregendes im Grunde: Ein paar Bugfixes, verbesserte Stabilität, der übliche Marketingschwall aus Cupertino halt. Gestern spät abends bimmelte dann sozusagen das Glöckchen und das mehrere 100MB schwere Pflästerchen wurde in der Liste der Software Aktualisierung angezeigt.

Rabammel: Und zwar saß ich mit meinem Hackbook gerade auf dem Sofa, als das Paket aufschlug. Ah, es juckte mich in den Fingern: Sollte ich, oder sollte ich nicht? Beim letzten Update ging doch auch alles glatt. Man könnte also einfach den Button klicken und es darauf ankommen lassen. Andererseits habe ich mir doch eigens einen Test-Hackintosh, den billigen Jakob nämlich, zusammengebaut, damit ich solche Systemflicken eingehend testen kann und nicht ins offene appelsche Messer laufen muss. Der Bammel siegte, ich ließ die Finger davon, haute mich hin und träumte von intelligenten Zellen (eine ganz andere Geschichte).

Rabumm: Eins auf die Mutter der Porzellankiste: Das Update erzeugt auf dem Testrechner eine Kernel Panik nach der anderen. Ich will hier niemanden langweilen, aber es scheint ein Problem mit dem Sleep Enabler, oder dem AppleACPI-Plattformtreiber zu geben, oder beides. Und alle meine Versuche, die Reste des SleepEnablers aus dem Kextcache zu entfernen, scheitern grandios. Wenn ich doch nur wüsste, was da schief geht. Ich würde locker meinen Mantel mit einem armen Wissenden teilen oder ihm ein paar Dutzend Weckmänner spendieren. Ach ja, Nase voll, jetzt erst mal Probe…

Note to self: Ah siehe da, es rührt sich was im Weiler. Musik: Paolo Conte, Moshe Leiser, Rabih Abou-Khalil, Paco de Lucia.

Zero Music

Nein, das Rover ist nicht Canossa. Mehr will ich zu diesem Thema auch gar nicht schreiben. Gestern war ich dann nach langer Abstinenz wieder mal da. Den CD-Release von KLarK Nova, von denen ich schon so viel Positives erzählt bekommen hatte, konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Noch ziemlich geplättet vom Open House gings ab durch den Regen.

KN

Meine Erwartungen waren hoch, als das Quartett komplett in schwarze Kittel gewandet und maskiert wie ein Rudel Bankräuber die Bühne enterte, und sie wurden vollumfänglich erfüllt. KLarK Nova sind ein heller Stern am kaiserstädtischen Musikhimmel. Wer auf krause Musik, wie zum Beispiel Mr. Bungle, Fantomas oder Naked City, steht, der kommt voll auf seine Kosten. Die Stücke bestehen aus klar strukturierten und improvisierten Passagen mit häufigen, schrägen Breaks und zahlreichen dynamischen Variationen. Auf einem formidablen Rhythmusfundament breiten sich Dialoge von Gitarre und Hammond-Orgel bzw. Fender Rhodes aus. Der Gesang von Herrn Simons, der übrigens aussieht, wie der junge Tom Waits, wird sparsam und lautmalerisch eingesetzt und erinnert zuweilen sehr an Mike Patton.

Die Musik von KLarK Nova ist nicht leicht zu konsumieren und erfordert konzentriertes Zuhören, dann offenbaren sich aber kostbare Details und eine ganz besondere Stimmung, die einen wirklich gefangen nimmt. Das gestrige Doppelset (zuerst üppig elektrisch, dann minimalistisch halbakustisch) umfasste natürlich Stücke vom Debüt-Album „Zero Music“, aber zum Beispiel auch die mit Abstand schrägste Version von „Hoch auf dem gelben Wagen“, die man sich denken kann, insgesamt ein absoluter Hochgenuss.

Vergleicht man die Live-Performance und die CD, dann kann man zu dem Schluss kommen, dass die besondere Magie von KN auf der Bühne besser zum tragen kommt, weil die Band dann eben spontane Eingebungen zu einem durch und durch organischen Gesamtkontext verweben kann, darin liegt sicher ihre größte Stärke. An der Platte gibt es, davon abgesehen, nichts zu bemäkeln: Handwerklich und kompositorisch präsentiert sich das Aachener Quartett in absolut überzeugender Form. Die transparente und trotzdem wuchtige Produktion ist ein Traum. Ich habe selten ein so gut aufgenommenes Schlagzeug gehört. Aber besonders freut mich, dass man darauf verzichtet hat, das Material völlig glattzubügeln. Fazit: Hammerkapelle, tolles Album, weiter so!

Note to self: Schon wieder der Auer. Musik: keine, Fuppes.

Open House

OK, mit Verspätung erfolgt die Berichterstattung von unserem Gastspiel in Mönchengladbach-Wickrath: Um es vorweg zu nehmen: Es war einfach saugeil und für mich ein absoluter Höhepunkt der Bandhistorie von ANNA1.

OH1

Vielleicht lag es einfach an der Lokalität und der Befindlichkeit der dort Versammelten, dass wir uns so wohl gefühlt haben: Entspannt, gelöst, dankbar, unkompliziert. Und genau diese Stimmung übertrug sich auch auf die ANNAs.

OH2

Natürlich hat nicht alles geklappt, dazu stehen wir wohl zu selten auf der Bühne, aber jedenfalls ließen wir uns von technischen Problemen nicht aus der Bahn werfen. Außerdem hat sich der Probenmarathon der letzten Woche ganz bestimmt gelohnt. Vielleicht ist es so, dass die Kohlenrock-Combo jetzt endlich das Ausscheiden ihres fünften Mitglieds verkraftet hat und das verbliebene Quartett bei sich selbst angekommen ist.

OH3

Ein großes Kompliment gebührt dem Publikum. Es ist ja gar nicht so einfach, wenn man einer Kapelle zuhört, deren Stücke man überhaupt nicht kennt. Und unser Dank gilt allen, die geholfen haben, diesen Gig einzufädeln und uns beim Aufbau und Soundcheck unterstützt haben. You know, who you are. Ein etwas intensiverer Zuspruch aus den heimatlichen Gefilden wäre schön gewesen, umso mehr möchte ich denen danken, die sich an einem regnerischen Freitagabend für eine knappe Stunde auf die Bahn gepackt haben, um uns zu sehen: Klasse!

OH4

Note to self: Ein Netzteil und zwei Plecks. Musik: KLarK Nova.