DieeinstmitdemBärenrangen

Manche Mitmenschen finden ja, mir sei der sichere Geschmack für gute Musik irgendwann in den letzten Jahren abhanden gekommen. Ich kann dann immer nur mit Schultern zucken. Auch Debatten darüber lohnen sich nicht: Was dem einen sin Uhl, ist dem anderen sin Nachtigall. Für mich spielt keine Rolle, wie erfolgreich sich der Kram, den ich gerne mag, verkauft. Weder in der einen, noch in der anderen Richtung. Ich höre gern Musik, bei der man auch wirklich zuhören muss, um etwas davon zu haben. Ich höre gern Musik, die mit virtuosem Können und Spielfreude gemacht ist. Ich höre gern Musik, die extreme Emotionen transportiert. Aus genau diesen drei Gründen habe ich eine Schwäche für Mathcore.

Nun muss ich allerdings zugeben, dass die Auswahl in diesem Genre überschaubar ist. Wenn man die Scheiben von Converge, The Locust, The Dillinger Escape Plan und Psyopus durchsichtig gehört hat, dann freut man sich diebisch, wenn etwas gänzlich Innovatives in der Richtung rauskommt. Eine solche Offenbarung sind die beiden Tonträger von iwrestledabearonce, besonders das gerade erschienene erste Full-length-Album „Its All Happening“.

iwabo

Also: Man nehme The Dillinger Escape Plan, Björk, Ghengis Tron, Circa Survive und Flyleaf, schüttele einmal kurz durch und das Ergebnis ist der wirrste, verstörendste und gleichzeitig rührendste Mathcore, den man sich vorstellen kann. Harte, extrem flotte Teile wechseln sich mit polyrhythmischen elektronischen Passagen ab, witzige Samples mischen das Ganze noch zusätzlich auf, dazu kommen Versatzstückchen, die auch als Fusion oder Jazzrock durchgehen würden. Kaum hat man sich auf ein Thema eingestellt, stellt die Band das bisher gespielte auf den Kopf. Die Musik des Sextetts aus Louisiana ist ein Überraschungsei im Überraschungsei im Überraschungsei.

Liest man sich mal ein paar Interviews durch, dann wird schnell klar, dass die Bärenringer nichts ernst nehmen, auch sich selbst nicht. Und angesichts ihrer Werke scheint das auch keine oberflächliche Attitüde zu sein. Man fragt sich schon, wie man sich solche Musik aus dem Kopf drücken kann (und Mucke für den Kopf ist es zweifellos, da groovt nix, da wird nicht mit dem Fuß gewippt), wenn man aus einer Kleinstadt im Süden der USA kommt. Ich hoffe jedenfalls, dass sich die Kapelle ihre Unbekümmertheit noch eine Weile erhalten kann, auch wenn sie jetzt bei Century Media unterschrieben haben.

Die Sängerin heißt Krysta Cameron und sie hat alles drauf: Tiefe Death Metal Growls, hysterische Hardcore Screams, wunderschönen Klargesang, halb atonal Kippendes, ein unglaubliches Spektrum, das mich grün vor Neid werden lässt. Dass sie dabei auch noch aussieht, wie eine Buchhalterin, rundet das Bild ab. Iwrestledabearonce sind ein Phänomen. Und dass wahrscheinlich 99% aller Hörer den Kram nicht mal 10 Sekunden durchhalten, ficht mich nicht im Geringsten an. Vorschlag: Versucht es doch mal mit den folgenden 3 Minuten 22 Sekunden:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=ZrFTR9fucr8&hl=de&fs=1&]

Note to self: Du lässt sie wirklich verhungern? Erbärmlich! Musik: Porcupine Tree, Naglfar, Iwrestledabearonce.

3 Antworten auf „DieeinstmitdemBärenrangen“

    1. Damit befindest Du Dich in bester Gesellschaft 🙂 Zugegeben, es geht nah dran an die Grenze des Erträglichen, auch für mich, aber es ist auch sehr erfrischend, manchmal brauche ich das. Den heutigen Tag habe ich übrigens bis jetzt hauptsächlich mit Tori Amos verbracht, also, Du siehst, ich bin auch für Sentimentalität und weiche Töne durchaus zu haben 😀

  1. Das freut mich, dann kann ich ja hier auch in aller Öffentlichkeit zugeben, dass ich momentan fast nur noch Willy/Mink DeVille höre – absoluter Favorit: Heaven Stood Still.
    Tori Amos macht schöne Musik.

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