Erlösung

Es folgt ein Fußballartikel, aber vielleicht ist er auch für diejenigen Konsumenten lesenswert, die sich nicht für das beste Spiel, das die Menschen erfunden haben, interessieren.

NT

Manchmal machen mich Fußballspiele, unabhängig von ihrem Ausgang, sehr nachdenklich. Wenn ich mit ein paar tausend Anderen in der Kurve stehe und es so ein Tag ist, dann frage ich mich merkwürdige Fragen. Zum Beispiel: Das entscheidende Tor für uns ist gerade gefallen. Für wie viele der Anwesenden war das der beste Moment der Woche? Wie viele schaffen es, genau wegen dieses Heimsiegs, sich noch einmal zusammenzureißen und nicht das Gas aufzudrehen? Wie viele Frauen und Kinder entspannen sich, weil sie wissen, dass sie heute nicht verprügelt werden? Wie viele werden beseelt lächeln und nicht heulen, während sie sich ins Koma saufen? Wie viele haben es gar nicht wirklich mitbekommen, auch nicht mitbekommen wollen, weil sie nur dastehen, weil sie immer da stehen und schon so viele gewonnene und verlorene Spiele gesehen haben, die nichts änderten?

Ich bin einer von euch. Ich schreie, singe, klatsche mit euch. Wir sind so laut, dass es mir in den Ohren klingelt, so laut, dass der Schall, der vom Dach auf den Rasen geworfen wird, das Spielfeld ruinieren, zumindest aber große Stücke herausreißen müsste. Mein Nebenmann ist eigentlich ein Nebenjunge. Wenn sein Ellenbogen meine Seite trifft, fühlt es sich gut und richtig an. Die erste Minute der Nachspielzeit. Es ist zu warm für Ende September. Ich kann euch riechen. Von der Grundlinie wird der Ball in den Strafraum gespielt, dort steht Auer. Es wird still, ganz still für eine Zehntelsekunde. Er stoppt das Leder gekonnt ab und legt es sich noch ein kleines Stückchen vor. Eine weitere Zehntel vergeht, langsamer als die letzte. Sein starker Fuß, der rechte Fuß, trifft den Ball. Er schlägt am kurzen Pfosten ein. Der Lärm kehrt unvermittelt und mit voller Wucht zurück. Wir reißen die Arme hoch. Danke danke. Bitte bitte. Bibiana Steinhaus pfeift ab. Das Plastik zerbrochener Bierbecher knirscht unter meinen Füssen. Die Sonne steht über der Stadt. Ich drehe mich um. Zwischen den Betonrippen werden Schwarzgelbe herausgespuckt und dahin zurückgeworfen, wo sie herkamen. Es hat sich nichts geändert, denke ich mir. Neben mir lacht einer. Ca. 50, übergewichtig, rotgesichtig, die Klamotten abgetragen, den Becher in der Hand, Schaum überm Mund. Er brüllt über den Vorplatz: „Aachen ist die schönste Stadt der Welt.“ Das Licht auf dem Pflaster ist goldgelb wie Bier. Einer, der erlöst wurde. Und für ein paar Sekunden macht er mich heil.

Note to self: Du musst wissen, was Du tust. Für uns beide ist es schon seit Jahren zu spät. Etwas Respekt hätte ich erwartet, vorschreiben kann ich ihn Dir nicht. Aber ich habe es satt, Dir goldene Brücken zu bauen, die Du nicht betreten willst. Musik: Between the buried and me – Mordecai.

8 Antworten auf „Erlösung“

  1. Die Gegner haben doch auch Fans mit Frauen und Kindern.
    Es ist schon lange her, da war ich mal mit meinem Bruder auf dem Tivoli. Aachen gegen Duisburg, Aachen gewann. Auf dem Weg zum Auto kamen uns drei Duisburger entgegen, wahrscheinlich zumindest angetrunken und so sauer, dass sie meinen Bruder anbrüllten:“Scheiß-Aachener!“, ihn packten und ins Dornengebüsch am Straßenrand schmissen. So blöd es sich anhören mag: Wäre ich nicht wie eine Furie dazwischengegangen (Keiner fasst meine Kinder an oder meinen Bruder oder meine Freunde, wenn ich dabei bin!) (Mich selbst hingegen verteidige ich nicht – bescheuert, was?), hätten sie ihn sicher noch verprügelt. So haben sie vor Verblüffung von ihm abgelassen und sich wohl jemand anderen gesucht – vielleicht ihre Frauen.

    1. Naja, die gegnerischen Fans und ihre Befindlichkeiten interessieren mich ehrlich gesagt nur am Rande 🙂 Immerhin sah man auf der Krefelderstr. allenthalben Hellblaue und Schwarzgelbe einträchtig beim Bier sitzen.
      Ich bin ja überzeugt davon, dass Außerirdische oder Archäologen, die die Reste unserer so genannten Zivilisation in ein paar zehntausend Jahren ausgraben, die in jeder Stadt vorhandenen Spielstätten als Tempel identifizieren würden. Und tatsächlich hat ein gemeinsam erlebter Sieg, oder eben eine gemeinsam durchlittene Niederlage den Charakter eines Gottesdienstes.
      Das von Dir geschilderte Erlebnis hättest Du übrigens auch bei einem beliebigen Auswärtsspiel der Alemannia haben können. Die Fans, die da unterwegs sind, gehören zu einem Gutteil in die unterste Schublade. Das ist bei mir der Punkt, wo der Spaß aufhört. Man könnte so etwas übrigens stark einschränken, wenn jeder Fan vor dem Eintritt ins Stadion ins Röhrchen pusten müsste. Warum wird das nicht gemacht? Weil auch die Randale, so lange sie unter einer gewissen Schwelle bleibt, die durch die Medienwirksamkeit bestimmt ist, kalkulierter Teil des Brot-und Spiele- bzw. Überdruckventil-Konzeptes ist. Da braucht man sich nichts vorzumachen, mitmachen muss man das deshalb noch lange nicht. Alkohol und Massenveranstaltungen passen nicht zusammen und daran halte ich mich auch fast immer.

  2. Ich wollte mit meiner Schilderung keineswegs die Aachener Fans verherrlichen und die Duisburger in die Tonne kloppen. Ich wollte nur sagen, dass jeder Sieg automatisch auf der anderen Seite Niederlage bedeutet, und wenn die Frauen der einen Seite am Tage des Sieges verschont bleiben, so gibt es dann aber eben Frauen auf der anderen Seite, die die Prügel beziehen.
    Das ist ein sehr weites und bitteres Feld (Kann ein Feld bitter sein?), das mit Fußballanhängerschaft nur noch bedingt zu tun hat, eher mit Frusttoleranz, Umgang mit Niederlagen, Aggressionsstau und Wutauslassen an Schwächeren etc.
    Alkohol (-missbrauch) spielt natürlich auch eine verstärkende Rolle – ein, zwei Bier sind ja völlig in Ordnung, aber viele machen da nicht Schluss. Und das mit der untersten Schublade stimmt ganz gewiss.

    1. Schon klar, das hatte ich auch so verstanden. Der Hintergrund des Artikels war ja im Grunde der Mechanismus der Massenpsychose, beispielsweise beim Fußball (aber auch bei Demos, selbst schon erlebt: Man wacht dann sozusagen zwischendrin auf und fragt sich: Was machst Du hier eigentlich gerade?). Der Unterschied zwischen den gegnerischen Fans und der eigenen Seite ist der, dass es mit letzterer einen emotionalen Solidarisierungseffekt gibt, der zumindest über 90 Minuten andauert. Das kann im Extremfall dazu führen, dass man sich plötzlich in den Armen eines großen bärtigen Bodybuilders mit Goldkettchen und feuchter Aussprache wiederfindet und das ganz in Ordnung ist. Wie gesagt: Im Extremfall. Also: Natürlich ist es gleich schlimm, wenn ein Kartoffelkäfer oder ein Löwe seine Frau vertrimmt, nur mit dem einen feiert man, als wäre es ein langjähriger Freund. Das finde ich eben schon merkwürdig. Und richtig merkwürdig wird es, wenn man Leute, mit denen man schon öfters im gleichen Block gestanden hat, in anderem Zusammenhang, also z.B. abends in der Stadt trifft.
      An weniger distanzierten, fröhlichen Tagen komme ich gut damit klar, im Grunde genommen ist die gemeinsame Euphorie bzw. der gemeinsame Katzenjammer einer der Gründe, warum ich gerne zum Spiel gehe. Der letzte Sonntag war keiner dieser Tage.

  3. Es kann übrigens ganz furchtbar sein, wenn man sich in einer Masse (oder in einer kleinen Masse = Gruppe) befindet und die gewünschte „Massenpsychose“ bleibt aus … Das Schlimmste, was es auf dem Gebiet des Sports (??) in dieser Hinsicht gibt, ist „Turnen für Frauen“ im örtlichen Kleinverein. Ihr Männer könnt euch das gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn die Übungsleiterin die Damen animieren will, Euphorie und Gruppengefühl zu entwickeln. Da lob` ich mir den Fußballplatz!

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