Wenn ich sing'

Gerade zurückgekehrt aus unserem heimeligen Proberaum, in dem immer noch ein bisschen die feuchte Wärme vom August hängt. Der typische Geruch aus Verstärkerabluft, Leder, altem Teppich und Musikerschweiß. Und es funktioniert noch: Mit den ersten Akkorden fällt der Ärger und Frust von mir ab. Es ist kein blödes Klischee, dass das Mikrofon wie ein Bier riecht, dass das Summen der Amps elektrisiert, aufstachelt, Sinn stiftet. Jemand, der keine Musik macht, kann sich das einfach nicht vorstellen. Hermann van Veen hat mal gesagt: „Es gibt nichts Schöneres – es gibt nichts Schöneres als Singen. Das ist das Allerschönste. Sogar wenn ich traurig singe, bin ich sehr glücklich.“ Er hat absolut recht. Etwas Komisches passiert mit mir, wenn ich singe, etwas Gutes. Erklären kann ich es nicht. Der folgende Text stammt von Klaus Hoffmann (und ich werde nie im Leben vergessen, wie es war, als ich ihn zum ersten Mal hörte. Das weiche Licht durch die Bäume des Ostfriedhofs, der Geruch ihres Bettes und die glückliche Schwere, die sich in jeder Zelle eingenistet hatte), ich gebe ihn hier wieder ohne irgendwelche Rechte daran zu haben. Sollte sich irgendein Rechtsverdreher bemüßigt fühlen, mich deswegen zu belangen, dann sei es so:
Wenn ich sing‘
Und du hast Pferde gekauft oben im Norden Bamiyans
Hast die Mädchen aus Frankfurt gesehen,
die ihre Wünsche in die staubige Straße spuckten
Die wollten weiter zu den Gurus nach Goa
Und du warst viele Joints unterwegs von Pantcho nach Tschadscha
Und bist dir kein Stück näher gekommen
Und du hast in dir gesessen viele Nächte im klaren Frost
Den Ochsen in dir gesucht bis er oft greifbar nah war
Warst auf den Märkten von Istanbul und in den Kneipen von Ivano
Mal vegetarisch, mal steakversessen
Und bist dir kein Stück näher gekommen
Und hattest Träume von Castaneda und Bloch
Hast dich in den Nächten wie’s trunkene Schiff durch Sehnsüchte gewälzt
Mit fremden Körpern die Scham bekämpft
Die suchten in dir, was du suchtest
Und du hattest am nächsten Morgen den faden Geschmack von Kastanien
Und bist dir kein Stück näher gekommen
Und standest so oft an der Wand mit dem hochmütigen Blick des Richters
Du wärst so gern beteiligt gewesen an der Spontanität der anderen
Hattest immer ein „aber“ bereit
Sprangst dann doch mitten hinein, ohne zu denken
Erlebtest ein paar Momente des Glücks
Und warst minutenlang du …
Wenn ich sing‘, ist ein Mantra in mir
Wenn ich sing‘, dann sing‘ ich mit dir
Wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, dann bin ich mir nah
Wenn ich sing‘, ist die Angst nicht mehr da
Wenn ich sing‘, wird ein Augenblick wahr
Wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, dann bin ich dir nah
Wenn ich sing‘, singt alles heraus,
Was kaputt, verboten, zerschlagen, im Aus
Wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, dann bin ich mir nah
Wenn ich sing‘, singt mein Kopf, mein Schwanz und mein Herz
Wenn ich sing‘, singt die Hoffnung, der Krampf, mein Schmerz
Wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, dann bin ich dir nah
Wenn ich sing‘, fliegt ein Stück Unterdrückung heraus
Wenn ich sing‘, werden Stimme und Worte zur Faust
Wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, dann bin ich mir nah
Wenn ich sing‘, sing‘ ich mit Papa Vignon,
mit Bibi und Robert und mit Rimbaud
Wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, dann bin ich dir nah
Wenn ich sing‘, weiß ich noch immer nicht warum
ich sing‘, ich weiß nicht, vielleicht
Wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, wenn ich sing‘, dann bin ich dir nah
Wenn ich sing‘, dann bin ich mir nah
Wenn ich sing‘
Singst du!
Note to self: Ein Tag voller Niederlagen bedeutet: Morgen aufstehen und es besser machen. Musik: Deep Purple, Dead Moon

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