Was man werden will

Im Kindergarten wollten tatsächlich alle Jungs entweder Polizist oder Feuerwehrmann werden. So war das damals. Uniformen besaßen eine große Anziehungskraft, es gab noch so einiges was zu schützen sich lohnte und da Cowboys und Indianer anscheinend nicht mehr gebraucht wurden, ergab sich eben dieser Kompromiss. Später relativierte sich das natürlich: Die Mädchen sahen sich als Tierärztinnen, Models, Chefsekretärinnen. Die pubertierenden Herren der Schöpfung schwenkten auf Mathematiker, Fußballprofi oder KFZ-Mechaniker um. Ab der siebten Klasse wollte ich Biologe werden, der Traum wurde war. Der Rest ist Schweigen. Heutzutage, in den Zeiten von Flexibilität und globalen Herausforderungen befindet man sich nun ja gezwungenermaßen fast ständig in einer Phase der „beruflichen Neuorientierung“. Beim Stöbern in der Wikipedia entdeckte ich neulich einen inzwischen leider ausgestorbenen Beruf, der meine Ansprüche aufs trefflichste erfüllen würde, nämlich den des „Schmuckeremiten“. Als im feudalen Europa die barocke Gartengestaltung zugunsten des nach englischem Vorbild aufgebauten Landschaftsgartens aufgegeben wurde, war es Mode bei den adeligen Herren im üppigen Grün eine Klause oder künstliche Höhle einzurichten und sich dort eben einen solchen Asketen zu „halten“. Die Ausstattung der Behausung war spartanisch: Stundenglas, Bibel und ein Lager aus Stroh waren üblich. Neben der Meditation bestand die Aufgabe des Schmuckeremiten darin, sich zu bestimmten Zeiten im Garten sehen zu lassen, zu lustwandeln und dabei einen angemessen ernsthaften Gesichtsausdruck vor sich her zu tragen. Die professionellen Eremiten erhielten für gewöhnlich mehrjährige Verträge, wobei die Entlohnung aus freier Unterkunft und karger Verpflegung bestand (was einen angesichts der aktuellen Entwicklung der Reallöhne nicht wirklich abschrecken kann). In der Projektion (immer weiter klaffende Lücke zwischen Arm und Reich) ist ein solcher Job in gar nicht so ferner Zukunft doch möglicherweise wieder zu bekommen. Warum sollten sich die Bonzen und Großkopferten nicht am Anblick eines ernsthaften und genügsamen Menschen erfreuen dürfen, der ihre Fürstentum-großen Grundstücke durchstreift, wenn sie sich gerade mal nicht entscheiden können, mit welcher ihrer Yachten sie unterwegs sein wollen. Ich bleibe diesbezüglich also optimistisch und rechne in Bälde mit entsprechenden Angeboten.

Note to self: Den Sachverständigen muss man offenbar ins Gesicht springen, bevor sich was bewegt. Musik: Me First and the Gimme Gimmes, Neil Young, Melissa Auf der Maur

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