Schneeig, eisig, seifig

Als am gestrigen Nachmittag Flocke auf dicke Focke träge und beschwert von feuchter Last meine Pseudohinterhofidylle in ein weißes Wintermärchen verwandelte, war das Grund genug, stündlich die Webseiten der Lokalpresse und der Alemannia zu checken, ob denn die Partie gegen Lautern auch wirklich stattfände. Sie fand statt, angesichts des Ergebnisses hätte man sie vielleicht doch besser verschoben, aber jetzt mal chronologisch:

16 Uhr: „Das Spiel findet definitiv statt!“ verspricht die Kartoffelkäferseite und zeigt den neuen Tivoli in schönster Wintersonne mit mäßig beflocktem Vorplatz. Eine Verheißung! Ich besprühe meine Winterschuhe vorsorglich ausgiebig mit Nano-Nässeblocker. Stinkt zwar widerlich das Zeug, ist aber bestimmt besser als klamme Zehen.

17 Uhr 45: Angesichts der heutigen Straßenverhältnisse scheint eine großzügige Zeitplanung angezeigt zu sein. Im Usenet lese ich etwas über die extrem unpünktliche ASEAG und der Eindruck verfestigt sich. Also: Zwei Paar dicke Socken raussuchen, Extra-Longsleeves, Fleece-Pulli, Nierengurt, obligatorischer Schal, obligatorische Mütze, obligatorische Handschuhe, Fleece-Jacke, Windjacke und natürlich die langen Arjen-Robben-Gedächnisunterhosen. Weniger geht heute nicht. Die ganze Zeit hat es munter weiter geschneit. Uff!

18 Uhr 5: Eingemummelt wie ein Polarforscher verlasse ich die Hütte und schon beim ersten Schritt vor die Türe stelle ich fest, dass die Burtscheiderstraße bereits gesperrt ist, jedenfalls von unten nach oben. In der Gegenrichtung tasten sich PKW im Schneckentempo gen Innenstadt. Am alten Zollhaus steht ein Bus quer, weiter unten noch einer. Die Rennleitung blinkt mit ihrem Blaulicht herum. Das Trottoir ist kaum begehbar, spiegelglatt, besonders die bereits verdichteten belaufenen Abschnitte, die ich zu vermeiden versuche. Bei der Überquerung der Zollamtsstraße lege ich mich zum ersten Mal beinahe hin.

18 Uhr 30: Der Elisenbrunnen ist erreicht, von fahrbereiten Bussen ist weit und breit nichts zu sehen. Wenn ich mit dem Tempo weiterlaufe, schaffe ich es vielleicht gerade pünktlich zum Anstoß. Forscheres Ausschreiten wird sofort bestraft. Allenthalben zeigen Mitpassanten die typischen hektischen Ausgleichsbewegungen, wenn sie ihres Gleichgewichts verlustig gehen. Es zieht gewaltig. Ich schnüre die Kapuze noch ein bisschen enger, mache die Musik noch ein wenig lauter und schlittere Richtung Hansemann.

18 Uhr 50: Nun mischt sich Regen in den Schnee und der Untergrund verwandelt sich endgültig in eine Rutschbahn. An fast allen Bushaltestellen stehen Schwarz-Gelb-Beschalte und hoffen noch auf einen Bus, wobei sie pro verstrichenen 10 Minuten ein imaginäres Bierchen vor Spielbeginn von ihrer Liste streichen. Die Hoffnung auf ÖPNV habe ich inzwischen aufgegeben. Immerhin scheint der Nässeblocker seinen Dienst zu tun. Ein Lob der Nanotechnologie. Meine Rückseite muss aussehen, wie ein mittelprächtiger Eisberg, jedenfalls wenn ich den Beschneiungsgrad der Vorderseite der mir entgegen Kommenden zugrunde lege.

19 Uhr: Ach was solls. Ich lasse alle Zurückhaltung fahren und stapfe mit Gleichmut und längeren Schritten über den blanken Untergrund. Wenn das Schicksal heute die Unfallchirurgie für mich vorgesehen hat, bitteschön. Außerdem gewöhnt man sich an das Gerutsche. Kurz hinter dem Abzweig Grüner Weg überholt mich der Mannschaftsbus aus Kaiserslautern.

19 Uhr 20: Die Krefelderstraße liegt vor mir. Kaum was los. Klar, die stehen noch alle im Stau. Ich klemme mir noch frischen Tabak an der Stammtanke und bin sogar zur vereinbarten Uhrzeit am Eingang Südwest B.

19 Uhr 45: Unglaublich: Er kommt tatsächlich mit dem Fahrrad und tut, als könnte ihn kein Wässerchen trüben. Ich bin fassungslos, aber natürlich auch erleichtert, dass er sich nicht aufs Maul gelegt hat. Der Platz sieht doch ganz manierlich aus, außerdem ist es drinnen deutlich weniger zugig als draußen. Schön sieht es aus, wenn der Schnee durch das Flutlicht fällt, von Turbulenzen wieder nach oben geschleudert wird, bevor er endgültig der Schwerkraft gehorcht.

20 Uhr 18: Anpfiff. Der neue Mann für hinten links heißt Jepsen, ist Däne und ungefähr so klein wie Marko Marin, nur nicht ganz so dribbelstark und flott. Aber ausgekocht ist er, naja 32 eben, wenn du da nicht ausgekocht bist, spielst du 6. Liga.

20 Uhr 35: Diagonalpass von Lautern aus dem rechten Mittelfeld. Casper nicht im Bilde, Burkhardt gar nicht da, Olajengbesi haut drüber. Der Lauterer steht mutterseelenallein da, Aufsetzer ins lange Eck, Stucki fliegt umsonst. Schade auch.

21 Uhr 5: Wenig Erwärmendes bis zur Pause. Der Burkhardt sollte noch mal mit Papa Fiel sprechen, wie man einen Sechser spielt. Auer will zum Zweikampf getragen werden. Lautern steht kompakt, tut so viel wie nötig ist und der Fünfer köpft alles, aber auch wirklich alles raus.

21 Uhr 30: Das zweite Gegentor ist eine Kopie des ersten. In der Mitte macht keiner dicht. Außen in der Kette ist Todeszone, wieder ins lange Eck. Die Sache ist gelaufen. Dann noch ein Elfer für Lautern. Drei Null. Bitter.

22 Uhr 15: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Mund abputzen. Inzwischen ist es ein bisschen wärmer geworden. Die Bürgersteige haben sich in pitschnasse Matschwege verwandelt. Die Busse fahren wieder. Im Park an der Therme fehlen nur ein paar Schneehasen, dann wäre die Idylle perfekt. Ach ja…

Note to self: Wo keine Muskeln sind, da kann auch nichts schmerzen, oder? Musik: Between The Buried And Me, Fall Out Boy, Naked City, Baroness.

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