Das Adagio

Nicht nur die moderne Populärmusik hat ihre absoluten Überhits, Stücke, die jeder kennt und sei es auch nur aus der Werbung oder als Beiwerk in Fernsehkrimis oder Dokumentationen. Oftmals ist nur die Melodie bekannt, die Einordnung in eine musikalische Epoche gelingt auch noch, aber der Urheber oder gar der Name des Werks bleibt im Dunkeln. Immer wieder stolpert man darüber und das kann einen richtig fuchsig machen.

So weit es die klassische Musik im weitesten Sinne betrifft, kann jeder ein paar Stücke aufzählen, die zu den Welthits gehören: Der notorische Canon in D-Dur von Pachelbel dürfte dazu gehören, Händels Largo, das Requiem von Mozart, der vierte Satz aus Beethovens „Neunter“, natürlich auch das Fantasie-Impromptu von Chopin, der erste Winter-Satz aus den „Jahreszeiten“ von Vivaldi und die Toccata in d-Moll, das Arioso und das unereicht schöne Air „Auf der G-Saite“ von Johann Sebastian Bach.

Tja, und dann ist da noch dieses andere Stück, das jeder nach den ersten 2 Takten der Orgel erkennt: Getragen, mystisch, majestätisch schön. Beerdigungsmusik sagen manche. Kitschig sagen andere. Auch wenn ich das Werk seit Jahren kenne und mitsummen kann, bis vor einer Stunde kannte ich weder seinen Titel noch den Komponisten, obwohl ich schon einige Male das große Netz danach abgesucht hatte. Ein Largo oder Adagio musste es sein, keine Frage. Barocke Generalbassmusik war es, soviel war klar.

Heute morgen saß ich mit meinem ersten Kaffee am Rechner und verfolgte mit einem Auge und mäßigem Interesse die Kür eines chinesischen Eislaufpaars, eine Wiederholung der nächtlichen Olympiaübertragung (ja, ich bin völlig bescheuert, eigentlich wollte ich nur sehen, wie sich Tatti Hüfner und Frau Geisenberger im zweiten Lauf geschlagen hatten). Und während die über und über geschminkten Asiaten ihre ersten kunstvollen Schritte machten, erklang genau die Musik, der ich schon länger auf der Spur war und dann sagte der Kommentator die erlösenden Worte: „Musik: das Adagio in g-Moll von Tomaso Albinoni“. Ich hätte ihn knutschen können.

Natürlich hat youtube unzählige Versionen des Stücks auf Lager, manche wunderschön, manche unfreiwillig komisch. Mir gefällt diese hier am besten, weil sie so schön getragen und furchtbar traurig ist und den abgründigen Charakter unter der sehr eingängigen Melodie unterstreicht: Herbert von Karajan und die Berliner Philharmoniker:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=mz4dpbk8YBs&hl=de_DE&fs=1&]

Die Wikipedia (und wahrscheinlich jeder halbwegs musikalische Gebildete, ich Ignorant) kennt die ungewöhnliche Geschichte der Komposition, denn *das* Adagio von Albinoni ist wahrscheinlich gar nicht von Albinoni, sondern von Remo Giazotto. Und es ist auch nicht seit den Hochzeiten des barocken Venedig ein Welthit, sondern wurde erst 1958 herausgegeben, eben von Giazotto, einem Biographen Albinonis, der angeblich auf der Grundlage eines Triosonaten-Fragments, notiert auf einem inzwischen verschollenen „Zettel“, der angeblich aus der Staatsbibliothek Dresden stammte, das Stück in seiner heute bekannten Form verfasste.

Und richtig, wenn man dann andere Stücke von Albinoni zum Vergleich anhört, dann findet man zwar das Eingängige wieder, das Gefühl für wirklich schöne Melodien, aber seine Musik ist „schlicht“, austauschbar. Es ist barocke Gebrauchsmusik, streng contrapunktisch und kein bisschen spannend. Offensichtlich bedurfte es einiger Jahrhunderte, der Wiener Klassik und vor allem der Romantik, damit aus dem Melodiefragment das werden konnte, was dieses Adagio ausmacht.

Note to self: Tauwetter. Nicht für mich. Musik: Tomaso Albinoni, Georg Philipp Telemann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.