Torturen im Grünen

Angesichts des zunächst vortrefflichen Wetters begab ich mich gestern mal wieder an den Busen von Mutter Natur, allerdings nicht ohne vorher den im Grunde beschaulichen Ort schmerzlicher Niederlagen aufzusuchen: Das Waldstadion.

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Zu Schulzeiten wurden dort die Bundesjugendspiele abgehalten, eine durch und durch peinliche Veranstaltung, jedenfalls für mich. Man kann von den Segnungen der gar nicht so leichten Leichtathletik für die Stählung des kindlichen Körpers halten, was man will, ich hätte darauf gerne verzichtet.

Der Vierkampf begann meist mit der Disziplin „Sprint“. 100m über die Tartanbahn, stets unter dem Gejohle der Klassen- und Kurskameraden zu bewältigen. Die Läufergruppen wurden vom sportlichen Lehrkörper nach vermutlichem Leistungsvermögen eingeteilt. Ich fand mich entsprechend meist in einer Reihe mit notorisch übergewichtigen Stoikern, teiggesichtigen pickeligen Weichlingen und schmächtigen blassen Computerfreaks wieder. Wir bildeten den zusammengefegten Rest für den hoffnungslosen Hoffnungslauf. Nach schwachem Start verfiel ich stets sofort in meinen üblichen Laufmodus: Die Nase gen Himmel, den Oberkörper verkrampft und immer von hinten nach vorne abrollend. Bei Mittelstrecklern spricht man oft davon, dass der Läufer im Endspurt „hart wird“ und deshalb nicht auf Geschwindigkeit kommt. Nun, ich wurde bereits nach 15 Metern hart und noch härter, als ein Leidensgenosse nach dem anderen an mir vorbeizog. Der zeitnehmende Sportlehrer schüttelte dann unmerklich mit dem Kopf und protokollierte meine Nichtleistung.

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Weiter gings zum Kugelstoßen: Angerostet waren die Teile und hinterließen entsprechende Flecken in der Halsbeuge. Trotzdem war diese Disziplin noch am leichtesten zu ertragen. Wo genau die Kugel auf der harten Asche aufschlug, war eh nicht zu ermitteln. Ebenfalls unproblematisch war der nachfolgende Weitsprung, da die zu Kampfrichtern beförderten Oberstufenschüler immer äußerst großzügig maßen. So legte man den Grundstein für Siegerurkunden und es machte Spaß, die damals von der Mode geforderten weißen Tennissocken richtig einzusauen.

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Der 800m-Lauf bildete den krönenden Abschluß der Veranstaltung. Diese Distanz gilt zu recht als härteste aller Strecken: Von einem austrainierten Athleten als langer Sprint zu bewältigen, für mich scheinbar endlos. Und während die ersten bereits im Ziel waren, quälte sich das „Grupetto“, dessen verzweifeltes Mitglied ich war, immer noch auf der Gegengeraden.

Ja, so war das damals. Vielleicht hätte ich gestern eine Ehrenrunde gehen sollen, im Gedenken an all die mäßig begabten Aachener Schulkinder, die sich dort immer noch Jahr für Jahr quälen. Ich unterließ es, obwohl das stille weite Rund im fast frühlingshaften Sonnenschein dazu einlud, sich mit ihm zu versöhnen und irgendwie sehr friedlich aussah, jedenfalls friedlicher als der völlig vereiste Hühnertalweg im Schneeregen, auf dem ich mich knapp 2 Stunden später wiederfand.

Note to self: Zu empfindlich, mein ganz Lieber. Musik: Opeth, Naked City, Throwdown, Joanna Newsom.

Eine Antwort auf „Torturen im Grünen“

  1. Kann deine leidvollen Erfahrungen aus tiefstem Herzen nachempfinden. Mir ging es ziemlich ähnlich… Die einzige Disziplin, die ich immer erstaunlich glanzvoll bewältigt habe und die mir wirklich Spaß machte, war der Weitsprung. Alles andere war das pure Grauen. Auf die einzige Siegerurkunde – dank grandioser Leistungen im Weitsprung – meines kleinen Lebens bin ich daher heute noch relativ stolz. Ansonsten war man an diesem Tag lieber krank (z.B. Kreislaufprobleme bei den meist ja sehr sommerlichen Temperaturen) oder anderweitig unpässlich ähnlich wie beim Schwimmunterricht. Da hatte man dann halt auch schon mal 2-3 Mal im Monat seine Tage…
    Hüpfe und klatsche heute lieber mit meinen Erstklässlern die Einmaleinsreihen rauf und runter und bin erstaunt, dass die Kids eher ko sind als ich oder ziehe meine 80 Bahnen im Stadtbad. Alles ohne Stress und völlig freiwillig. Gegen ein Eifeltürchen mit dem Skidman hätte ich auch nichts einzuwenden – nur nicht den Kermeter… 😉

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