Unschönes im Nordosten

Der gestrige Tag erbrachte eine wichtige Erkenntnis bei der Frage nach den Orten, wo man keinesfalls abgemalt sein möchte (auch so ein komischer Ausdruck). Per Pedes ging es von Eschweiler über Röthgen, Stich, Pumpe, Steinfurt, Stolberg, Atsch, an Eilendorf vorbei bis nach Rothe Erde und dann nach Hause. Immerhin fast 16 km bei wunderschönem Wetter, die leichte Rötung der Pläte kündet davon.

Nordöstlich von Aachen hat sich an den Hauptverkehrsstraßen all das versammelt, was man als Gegenteil eines Speckgürtels subsumieren könnte: Trinkhallen, Imbissbuden, Kleinindustrie, Werkssiedlungen, stinkende Bauernhöfe, Reihenhausversuche mit den unsäglichen rötlichen Klinkern, Kläranlagen, Ruderale, dazwischen schüchterne Weichholzbestände, Hecken, Stacheldraht und einsamste Bushaltestellenhäuschen, die Heinz im Sinn and the Geteiltdurchs als Spielstätten für Spontangigs im Grünen nutzen könnten:

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Die Bergbau- und Erzverhüttungsgeschichte der Region ist immer noch sehr präsent: Kirchen heißen St. Barbara, Schlägel und Eisen zieren so manches alte Bürgerhaus, Museumsgruben und Industrieruinen säumen die Straße. Dazu nicken Galmeiveilchen im Wind. Schön ist das alles nicht, aber eben sehr typisch. Die begleitenden Gerüche passen ebenfalls ins Bild: Diesel, Bitumen, Rost, verbranntes Gummi, Silage, Gülle.

Selbst der letzte Abschnitt der Tour, der durch die Wiesen und Felder südlich von Eilendorf führt, bietet wenig Beschauliches. Rollerchaoten knattern über die Feldwege, Inlineskater und Nordic Walker geben sich der Lächerlichkeit preis, Hunde in allen Größen führen ihre Herrchen und Frauchen aus, Traktoren mit enormen Schluffen kriechen über Stoppelfelder. Ich bin froh, als der Lousberg sich am Horizont zeigt und die Nähe der Stadt und das Ende des Weges ankündigt. Und spätestens im Frankenberger Viertel kehrt die Lebendigkeit und die Leichtigkeit zurück. Ich setze mich ein bisschen in den Schatten und genieße es, wieder in der Stadt zu sein.

Note to self: Dokosieg und Spaghetti a la casa. Besser gehts nicht. Musik: Maximo Park, Melvins, Mogwai, And so I watch you from afar, Backyard Babies.

4 Antworten auf „Unschönes im Nordosten“

  1. ja, ja, wie sehr kann ich von ganzem herzen zustimmen! nachdem ich unlängst in einem schwersten anfall geistiger umnachtung die weite ebene zwischen rhein und wurm durchmessen hatte, musste ich feststellen, dass die gegend ab weißweiler noch übler war, als ich sie in erinnerung hatte. fünfzehn jahre sind eine lange zeit, und zwischenzeitlich gebaute ortsumgehungen trugen nicht unbedingt zur landschaftsverschönerung bei (genauso wenig wie fehlende radkarten zur orientierung… aber das nur am rande bemerkt). tatsächlich: die gegend trägt noch schwer an ihrer schwerindustriellen vergangenheit und an den zersiedlungssüden der neuzeit. immerhin steht sie mit letzterem nicht allein: in allen speckgürteln reihen sich solche sünden eine an die andere. und dort, wo selbst im umkreis meines großdorfes noch vor kurzem (i.e. vor weniger als fünfzehn jahren) leidlich vergangenheitsbelassene dörfer zu finden waren, werden sie nun abgeschnürt von nicht einmal leidlich ansehnlichen großsiedlungen. wie schon an anderer stelle diskutiert: der mittelstand möchte sein häuschen im grünen, egal wie mickrig dieses grün auch sein mag…
    was ich nun nicht tun werde ist auch nur ein wort über die gefahrene strecke des helden zu verlieren. wie gesagt: ich war schwer umnachtet, und dem muss nicht jeder nacheifern. umso verständlicher erscheint mir nun allerdings das ungläubige staunen, als ich in nothberg, diesem passend benannten ort, nach genuss der mit weitem abstand miesesten bratrolle spezial nach dem weg nach aachen gefragt habe. „sie wollen mit dem fahrrad nach aachen?“ war die gegenfrage, bevor sich die gäste vielsagende blicke zuwarfen – und das, ohne zu wissen, von wo ich gekommen war.
    abschließend anzumerken bleibt, dass ich zwecks ankündigungsanrufen ein händy dabei gehabt hätte, allerdings selbstverständlich nicht die notwendigen telefonnummern… das nächste mal werde ich erst planen und dann fahren, aber vermutlich nicht mehr mit dem rad. und nach einer freundlichen, aber leider nur kurzen aufnahme habe ich tatsächlich noch eine längere gefunden, so dass es tatsächlich noch ein netter abend wurde. dies hatte allerdings nicht mit der ahlen tant““ zu tun, die mit großem aufgebot auf dem marktplatz eine wahlveranstaltung abhielt. aber das ist noch ein anderes thema, und zwar eines über das ich mich derzeit nicht einmal in meinem dahingeschiedenen blogg auslasse…

    1. Also ich muss zumindest gestehen, dass mich in Atsch gewisse heimelige Gefühle heimsuchten. Es schien sich aber auch so überhaupt nix verändert zu haben. Selbst der Halbstarke mit seinem Mofa ohne Auspuff war immer noch unterwegs und schien im Gegensatz zum Vorüberwanderer kein Jahr gealtert zu sein. Allerdings war es glaube ich das erste mal, dass ich diese Ecke zu Fuß besucht habe. Der Berg rauf zum Dreieck kam mir jedenfalls erheblich länger vor als in meinen automobilen Erinnerungen.

      Selbstverständlich kann ich mit diesen Minimalspaziergängen gegen die radsportlichen Großtaten gewisser Spontanbesucher kein bisschen anstinken. Meine Ehrerbietung ist Dir gewiss. Es tat mir auch ehrlich leid, dass nichtmal für ein erfrischendes Schlückchen auf dem Balkon Zeit war, aber das war eben nicht zu ändern. Der Abend verlief übrigens noch recht bunt und ich war gegen drei nach einem Marsch von Kerkrade dann schon wieder ziemlich ausgenüchtert zu Hause. Also das nächste Mal gerne ausführlicher nach fernmündlicher Absprache, gell 🙂

  2. wer lesen kann ist klar im vorteil… offenbar hapert`s da bei mir: ich dachte, du seist die 16 km rad gefahren… 16 km laufen läuft schon unter wanderung, da nehme ich glatt alles impliziert lästerliche zurück! 😉
    seltsam: trotz der sieben jahre, die ich in atsch leben durfte, war mir alles merkwürdig fremd, aber vermutlich, weil ich dort nur zwei zustände kannte: zu hause in meinem viel zu kleinen zimmer – oder möglichst weit weg. doch, den schlagbaum am igelweg zum wald kannte ich noch, den treffpunkt der dorfjugend, zu der ich entgegen der weißsagung meiner eltern niemals gehört habe. den weg dahinter richtung iehlendorp hatte ich allerdings kürzer in erinnerung, und vor allem: weniger steil. meine schwäche, die mich dort zum absteigen zwang, mag aber auch der vorangegangenen wegstrecke geschuldet gewesen sein.
    dass man nach einem spaziergang von kerkrade bis zum aachener hauptbahnhof ausgenüchtert ist, kann ich mir allerdings sehr gut vorstellen. das erinnert mich an eine silvesterfeier anno 1995, als ich völlig strack in köln-mülheim eingestiegen bin, die allerdings nicht wie erwartet die zwei haltestellen nach deutz fuhr, sondern scharf rechts abbog und über die mülheimer brücke auf die andere rheinseite fuhr. clever wäre gewesen, einfach sitzen zu bleiben und bis zum hauptbahnhof zu fahren, von wo aus es über die hohenzollernbrücke nur ein kurzer weg bis nach hause gewesen wäre. leider ist man volltrunken nicht clever. stattdessen bin ich an der ersten haltestelle hinter der mülheimer brücke ausgestiegen und auf verschlungenen pfaden mehrere stunden durch die stadt gelaufen… immerhin war ich im letzten drittel der wegstrecke wieder nüchtern genug, mein zu hause auch zu finden – und hatte am nächsten morgen keinen kater. was lehrt uns das? genau. aber wer hat schon bock darauf, jeder lustigen fete einen langen frischluftspaziergang folgen zu lassen…
    bess demnähx, leeve jong, ich lass von mir hören!

    1. Isch `abe gar kein Fahrrad signore blogghead! Mein letztes Velo wurde bei dem legendären Megaunfall vor meiner Haustür dahingerafft. Obzwar es zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr fahrtüchtig war und somit nur als schmückendes Accessoire des Verkehrsschildes (Zeichen 286), an das es angekettet war, diente, hat die Haftpflichtversicherung des betrunkenen Verursachers sogar den Neuwert ersetzt. Jetzt gibt es das Fahrrad nicht mehr, auch kein Zeichen 286, aber dafür den einzigen Parkplatz auf der Burtscheiderstraße, der nicht im Anwohnerparkbereich liegt. 🙂

      Seit ich einigermaßen regelmäßig ein bisschen zu Fuß gehe, nehme ich Strecken unter 20km eigentlich nicht mehr als Wanderungen wahr. Das soll nicht aufschneiderisch klingen. Lustig ist, wie sich die Zeit-Weg-Perspektive dabei verschiebt, das kennst Du sicher auch vom Radfahren, genau wie das schöne Gefühl, wenn man die körperliche Beanspruchung eigentlich nicht mehr wahrnimmt und alles wie von selbst läuft. Man kann wunderbar dabei über so alles mögliche nachsinnen, Kontemplation at its best.

      Wahrscheinlich geht es Dir mit Atsch so, wie es mir mit Schleckheim geht: Alles ein bisschen zu klein, alles ein bisschen zu eng, alles ein bisschen zu vertraut und dann doch wieder fremd.

      Bleibt die Sache mit dem Fahrrad: Es juckt mich schon, mir wieder eins anzuschaffen, auch wenn ich dann im Burtscheiderberg zur Fraktion der Absteiger gehören würde. Mal schauen.

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