Hört, was sich nicht gehört!

Für Kenner der Szene ist die Geschichte ein alter Hut. Merkwürdig, dass SPON sich ausgerechnet jetzt dazu entschließt, darüber zu berichten:

In aller Kürze die Fakten: Thomas Gurrath war bis vor kurzem nicht nur Lehramtsreferendar in Baden-Württemberg, sondern in seiner Freizeit Frontmann der Death Metal Combo „Debauchery“ (die es inzwischen zu einiger Bekanntheit gebracht hat und auch beim diesjährigen W:O:A auftrat). Das interessierte absolut Niemanden, bis Gurrath wegen einer geplanten Tour um Urlaub bei seinem Dienstherrn nachsuchte. Da wurde die Angelegenheit ruchbar. Und plötzlich entsetzte sich die Schulleiterin über die Freizeitaktivitäten des unbescholtenen Vegetariers und nahm ihn heftig ins Gebet. Auch der Leiter des Stuttgarter Seminars legte ihm nahe, er solle doch den Mädchennamen seiner Mutter annehmen (damit die bereits im Internet vorhandenen Videos, Texte und Bilder nicht mehr mit dem angehenden Lehrer assoziiert werden könnten) und dem Death Metal glaubhaft abschwören, für mindestens drei Jahre. Nur dann stünde der Karriere nichts im Wege. Gurrath zog die Konsequenzen und kündigte seinen Job.

Wohlverstanden: Man muss Death Metal nicht mögen. Debauchery-Auftritte sind eine Orgie von Kunstblut, dargebracht wird wildes Geknüppel und Lyrics mit zahlreichen Kraftausdrücken, Frauenfeindlichkeit und brutalen Inhalten. Die Frage ist nur: Darf man einem Lehrer mit unverhohlenem Druck nahelegen, er möge sich fürderhin nicht mehr in seiner Freizeit in die Kunstfigur „Blutgott“ verwandeln, da er ja damit die Persönlichkeitsentwicklung seiner Schüler stören und sie alle zu kleinen Monstern machen würde?

Gurrath ist nicht mit seiner Kettensäge zur Arbeit gegangen, er hat keine Werbung für seine Kapelle im Unterricht gemacht und sein Hobby verschwiegen. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass die Schüler irgendwann entdeckt hätten, dass ihr Lehrer sehr extreme Musik mit problematischen Inhalten macht. Was hätte das geändert? Wer heute heranwächst, der ist von einer Cyberwelt und anderen Medien umgeben, die von Gewalt und Pornografie strotzen. Deshalb sollten Eltern ihre Kinder beim Konsum von Internet und Co beaufsichtigen und natürlich an geeigneter Stelle Riegel vorschieben.

Sicherlich hätte auch Gurrath sich gerne im Unterricht der Diskussion gestellt, was der Unterschied zwischen Realität und extremer Inszenierung ist. Er hätte vielleicht besser als manch anderer erklären können, dass solche Inszenierungen ein Ventil sein können und dass man sich vielleicht besser auf einem Death Metal Konzert mit Kunstblut bespritzen lässt, als die aufgestaute Aggression auf der Straße rauszulassen und Leute zu verprügeln. Denn wahr ist, dass die Anhänger von brutalem Metal im Durchschnitt friedlicher und schüchterner sind als Fans anderer Musik-Genres.

So weit hat man in Stuttgart nicht gedacht. Die Spießbürgerlichkeit hat gesiegt und ihren Scheuklappenblick (Metal, Killerspiele, Amokläufe) wieder einmal unter Beweis gestellt. Ein bisschen Radikalenerlass schimmert außerdem durch. Armes Baden-Württemberg.

Note to self: Nicht mal rumstochern im Nebel darf ich. Zertretung für die Katz. Musik: Cryptosy, Mortiferous Scorn.

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