Weniger ist mehr

Ich haue mal wieder in die gleiche Kerbe, aber das Thema lässt mich seit Jahren nicht los und heute habe ich eine bemerkenswerte Webseite dazu gefunden. Sie wird von Kelly Sutton betrieben, einem Programmierer, der zurzeit in New York lebt. Kelly hat sich dazu entschlossen, seinen ganzen überflüssigen Krempel loszuwerden, so dass die unbedingt erforderlichen Dinge schließlich in zwei Taschen und zwei Kartons passen werden. Die Deadline ist der 1. Dezember 2010. Das Projekt ist nicht als politisches Statement aufzufassen, sondern soll Kelly dazu befähigen, seinen ganzen Hausstand jederzeit an jeden Ort der Erde transportieren zu können, um sich dort eine Zeit lang aufzuhalten.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich von der Wachstums- und Konsumidee, die unserer ökonomischen Ordnung zugrunde liegt, überhaupt nichts halte. Ebenso bescheuert finde ich die weit verbreitete Vorstellung, dass wir uns über das definieren, was wir uns anschaffen und leisten können. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, ich will mal zwei kurz umreißen: Jedem ist klar, dass unser globales Habitat nicht mit unbegrenzt verfügbaren Rohstoffen ausgestattet ist. Die Idee von einem immer weiter wachsenden Konsum ist deshalb ein Wahnwitz, denn am Raubbau verdienen wenige, unter der Verknappung leiden aber alle. Zwotens erzeugt jedes Ding, das wir besitzen, Stress. Das fängt bei der Inbetriebnahme an, setzt sich bei Pflege, Reinigung, Lagerung und Verbringung fort und mündet in Ärger bei der Entsorgung. Jedes Ding kostet Zeit, und Zeit, das sollten wir nie vergessen, ist fast das Einzige, was man tatsächlich haben, oder nicht haben kann.

Ich schaue mich in meinen etwas über 40 Quadratmetern um. Würde ich eine Liste machen, so wie Kelly, dann wäre sie ellenlang und die Rubrik „verkaufen oder verschenken“ wäre mit Abstand die umfangreichste. Nehmen wir mal an, Sutton würde zum Begründer einer Massenbewegung werden, was würde das bedeuten? Alle derzeit wichtigen ökonomischen Parameter würden nach unten zeigen. Allenthalben würde man „Krise“ schreien. Die Preise für so ziemlich alle Produkte außer Lebensmittel würden zunächst ins Bodenlose fallen. Die Dinge würden in viel stärkerem Maße zwischen Konsumenten auf Zeit zirkulieren, dabei würden sich solche Waren durchsetzen, die hochwertig, langlebig und leicht zu warten sind. Das würde nicht nur eine radikale Änderung der Leitlinien der Produktentwicklung bedeuten, sondern auch den Markt als quasi ideale Verteilungsplattform neu etablieren, nämlich als Treffpunkt mehr oder weniger gleichberechtigter Teilnehmer. Wir würden Produzenten dafür bewundern, dass sie Dinge machen, die mehr Leute dauerhaft besitzen als loswerden wollen, weil sie sie wirklich brauchen und eben gut brauchen können (!).

Durchbrechen werden wir den derzeitigen Teufelskreis nur, wenn wir das Antriebsmoment „Haben wollen“ los werden. Und festzustellen, was man wirklich nötig hat, erscheint uns zwar schwierig, in Wirklichkeit ist es aber ganz einfach.

Note to self: Fast. Frust. Fertig. Musik: Syd Barrett, The Cure, Sylvain Luc & Bireli Lagrene.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.