Versuchung, Zwietracht, Krieg

Ein Film spaltet die Welt. Gemeint ist das Machwerk Fitna des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders. Der Mann steht seit einiger Zeit unter Polizeischutz, schläft jede Nacht in einer anderen Wohnung, damit ihm das Schicksal Theo van Goghs erspart bleibt, der von einem islamistischen Wirrkopf ermordet wurde. Auch ich muss gestehen, dass ich einige Hemmungen hatte, dieses heiße Eisen anzufassen. So weit haben sie uns schon (oder wir sind noch nicht weit genug).

Kurz nachdem das Video, das kein niederländischer Fernsehsender auszustrahlen bereit war, auf der Internetseite von LiveLeak veröffentlicht worden war, war es auch schon wieder verschwunden. Die Betreiber der Seite sahen sich massiven Morddrohungen ausgesetzt und wollten Leib und Leben ihrer Angestellten nicht riskieren. Man kann das verstehen. Gleichwohl sollte man den Film natürlich gesehen haben, wenn man darüber diskutieren will. Wer das möchte, kann ihn bei Google finden. An dieser Stelle eine ausdrückliche Warnung: Der Film enthält schockierende Bilder, die allerdings zum größten Teil in anderem Zusammenhang bereits im Fernsehen und Internet zu sehen waren.

Ich will in diesem Beitrag auf inhaltliche Einzelheiten aus Fitna nicht eingehen. Jedem, der noch alle Sinne zusammen hat, wird auffallen, dass hier die berechtigte Ablehnung der Wahnsinnstaten fanatischer Islamisten mit einer generellen Verurteilung des Islams auf populistische Art und Weise vermengt wird. Auch zu den angeblichen Übersetzungsfehlern bei der Übertragung der zitierten Inhalte aus dem Koran will ich mich nicht äußern, da ich weder den Koran gelesen habe, noch des Arabischen mächtig bin.

Folgendes ist aber anzumerken: Einerseits muss allen Korankritikern klar sein, dass beispielsweise im Alten Testament der Bibel Episoden vorkommen, die zur Gewalt bis hin zum Genozid auffordern und Greueltaten, die an Ungläubigen begangen werden, legitimieren. Andererseits ist mir klar, dass der Koran von vielen Muslimen und einflussreichen islamischen Religionslehrern als unabänderliches Testimonium verstanden wird, das Wort für Wort umzusetzen ist. Wer angesichts dieser Tatsache allerdings davon spricht, dass es einen gemäßigten Islam nicht geben kann (so wie dies von beispielsweise von Wilders oder Oriana Fallaci behauptet wurde), der verkennt schlicht, dass Millionen von Muslimen eben jene gemäßigte Ausübung ihrer Religion tagtäglich mitten unter uns praktizieren.

Ärgerlich finde ich die Reaktion des niederländischen Regierungschefs Balkenende auf die Veröffentlichung von Fitna, der sich öffentlich entschuldigte. Wir sind in Europa zu recht stolz auf Meinungsvielfalt und freie Meinungsäußerung und auch so ein einseitiges Machwerk wie Wilders Film, der natürlich auf Scharfmacherei und Hetze aus ist und nur in Schwarz und Weiß unterteilt, aber kein Grau kennt, ist eine solche zulässige Meinungsäußerung. Noch viel ärgerlicher ist selbstverständlich die unsägliche Forderung einer Entschuldigung des holländischen Staates, die von der Regierung Saudi-Arabiens verbreitet wurde. Wie Saudi-Arabien mit Andersgläubigen und Konvertiten umgeht, kann man ja nun aus zahlreichen Quellen (zum Beispiel der Verfassung des Landes) entnehmen. Wer sich tagtäglicher schwerster Verbrechen gegen die Menschenwürde schuldig macht, sollte dann wenigstens in so einem Fall den Mund halten.

Wenn durch Fitna der Ton zwischen der westlichen Welt und den islamischen Ländern schärfer wird, hat Wilders sein wichtigstes Ziel bereits erreicht, das sollte uns klar sein. Außerdem sollten wir erkennen, dass die derzeit im Aufschwung befindliche radikale Auslegung des Korans und der daraus resultierende Terrorismus vor wenigen Jahrzehnten ohne jede politische Bedeutung war, und diese hoffentlich auch bald wieder verlieren wird. Ich bin der Auffassung, dass eine Mäßigung in der islamischen Welt nur von innen kommen kann. Ob sie gelingt, hängt nicht zuletzt von der Möglichkeit einer fairen Teilhabe an den globalen Ressourcen ab. Bis dahin müssen wir selbst mutig für den Erhalt unserer Werte und Rechte eintreten, dies können und dürfen wir keinesfalls Scharfmachern vom Schlage eines Wilders und erst recht nicht Bush und Cheney überlassen.

Note to self: Zeitumstellung, wozu zum Teufel. Musik: Garmarna, In Extremo.

0 Antworten auf „Versuchung, Zwietracht, Krieg“

  1. was mich am meisten ankotzt ist, dass man gefahr läuft, in dieser Diskussion generell beifall von der falschen seite zu erhalten. ich habe keinen bock, mit rechten in einen topf geschmissen zu werden, ich habe aber auch keinen bock, verbotsforderungen zu stellen (meinungsfreiheit!) und eine andere seite zu unterstützen, die meinungs- und entfaltungsfreiheit ebenso ablehnt und die grundgesetzlich verbriefte religionsfreiheit zur durchsetzung ihrer interessen nutzt. früher wäre es für mich einfacher gewesen, zu sagen: wilders irrt, hoch das ideal des multi-kulti. aber im frankenberger viertel war von einer verhärtung der fronten nicht viel zu spüren, anders als in mülheim, kalk und höhenberg. wenn „jugendliche mit migrationshintergrund“ allzu sehr ihrem Klischee entsprechen und der Zusammenprall von Kulturen und – vor allem – Generationen auch mit Rufen wie Scheiss-Deutscher und Nazi enden, dann kann ich das noch auf einen jugendlichen drang zur provokation schieben. wenn ein nachbar von einem genossen diesem sagt, er möchte nicht mehr, dass ihre kinder zusammenspielen, weil die kinder meines genossen ungläubige sind, dann weiß ich nicht, was ich tun kann, um meinen traum einer demokratischen, freien und pluralistischen gesellschaft am laufen zu halten. mein genosse ist übrigens auch ratlos, nicht einmal erbost. zurück zu fitna: leider ist wilders nicht derjenige, dem man abnehmen könnte, dass es ihm hauptsächlich darum ginge, islamistische radikale vorzuführen. aber manches mal wünschte ich mir mehr mut, sich ganz klar von diesen radikalen strömungen zu distanzieren.

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