Verblendet

Ich mag skandinavische Fernsehkrimis. Wirklich. Die Fälle der Kommissare Beck oder Wallander sind für mich Perlen des Genres und schlagen deutsche, englische und erst recht US-amerikanische Verfilmungen meist um Längen. Selbst die Mehrteiler mit Kommissarin Lund und die Reihe „Der Adler“ konnte man sich gut geben. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens schaffen es die Drehbuchautoren meist überzeugend die Widersprüche in den Persönlichkeiten der Ermittler darzustellen: Einerseits moralisch integer bis zur Selbstaufgabe, andererseits mit kaputten Biographien und zerrütteter Gesundheit, bindungsunfähig, misanthropisch, unzulänglich. Zweitens liefert die skandinavische Landschaft stets Bilder von bedrückender Düsternis. Das merkwürdige Licht des späten Tages im Sommer und die Dunkelheit des Winters tun ein Übriges und die Einrichtung der typischen, leicht angegammelten hölzernen Landhäuser rundet den Eindruck trefflich ab. Ein passenderes Sujet für das unangenehme Treiben von Serienmördern und anderen finsteren Gesellen kann es nicht geben.

Aus diesen Gründen hatte ich mich sehr auf die Ausstrahlung der Millenium-Reihe, die vom ZDF mit viel Tamtam angekündigt wurde, gefreut. Wahrscheinlich bin ich der einzige auf der Welt, der die Bücher von Stieg Larsson nicht gelesen hat. Gestern lief der zweite Teil von „Verblendung“. Um es vorweg zu nehmen: Ich bin ziemlich enttäuscht.

Einerseits ist es einem Krimi nicht zuträglich, wenn gut zu gut und böse nur böse ist. Man kann dann weder die Antriebskräfte der Verbrecher, noch die Entrüstung der Aufklärer wirklich nachvollziehen. Wenn man die Biographie von Larsson kennt, dann kann es nicht verwundern, dass er als aufrechter Linker stets die Gleichung Großkapital = chauvinistische Amoralisten bedient. Der Plot von „Verblendung“ ist ruckelig und irgendwie auch bieder. So gesehen haben möglicherweise schon die Romanvorlagen entscheidende Schwächen. Viel entscheidender sind aber die handwerklichen Unzulänglichkeiten der Verfilmung: Die Dialoge sind holzschnittartig, die Einstellungen lieblos aneinander gestückelt. Ein wirklicher Spannungsbogen wird nicht aufgebaut. Die handelnden Figuren, besonders die Nebendarsteller, bleiben blass und schablonenhaft. Wirklich überzeugt haben mich eigentlich nur Peter Haber als eiskalter, aber verbindlich lächelnder Bösewicht Martin Vanger und Noomi Rapace als sinistre, immer an der Grenze zum Wahnsinn wandelnde Lisbeth Salander. Mikael Nyqvist als Blomkvist wirkt dagegen stets abgelenkt und unbeteiligt, er stolpert durch die Handlung wie ein angeschossener Elch. Der Originaltitel des Romans lautet „Männer, die Frauen hassen“. Wir sehen im Film zwar ständig Männer, die Frauen erniedrigen und quälen, aber wir erfahren nichts über ihre Motive. Im Gegenteil: Das Verhaltensmuster wird als nebenbei erlernt oder naturgegeben dargestellt. Und diese Erklärung greift, gerade bei Berücksichtigung von Larssons Sozialisation und Werdegang, viel zu kurz. Es wird nicht mal die Frage aufgeworfen, wie die Täter, die ja eigentlich Monster sind, trotzdem als Nachbarn, Freunde und Familienangehörige funktionieren können. So gesehen ist die Verfilmung eine verpasste Chance. Mal schauen, ob die kommenden Teile den fatalen Eindruck aufbessern können.

Note to self: Nicht grummeln, das Beste wünschen. Musik: Melechesh.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.