Hanseatisch

Nein, Olaf Scholz, ausgestattet mit dem Charisma eines Überseecontainers und der rhetorischen Begabung eines Stockfischs, hätte in keinem anderen Bundesland eine echte Chance auf ein politisches Spitzenamt. Aber in Hamburg, wo es chic ist verkniffen, leicht hochnäsig und ein bisschen abgehoben zu sein, da hat er voll zugeschlagen, und zwar so heftig, dass ihm selber ein bisschen blümerant zumute war, das konnte man deutlich sehen. Tja, man muss auch gönnen können, also von mir aus Glückwunsch.

Inhaltlich ist das gestrige Ergebnis insofern interessant, als mit Scholz so ziemlich der letzte echte „Agenda 2010 Vertreter“ der Sozialdemokratie zur Wahl stand. Wir sehen also, dass fatale politische Ideen nicht so leicht auszurotten sind, jedenfalls nicht im fischköpfigen Norden, wo der hanseatischen Kaufmannsschaft und Wirtschaftskraft der unzerstörbare Anruch von Ehrbarkeit und sozialer Verantwortung anhaftet und jedes Heringsbrötchen und jeder Labskaus von der Smith`schen „unsichtbaren Hand“ höchstselbst angerichtet zu sein scheint. Wahrscheinlich ist der Sieg der alten Tante aber auch dadurch zu begründen, dass die Sozialdemokratie in der Hansestadt konservativer ist als so mancher CDU-Landesverband.

Ein erfreulicher Aspekt des gestrigen Urnengangs ist ohne Zweifel, dass das ziemlich durchsichtige Manöver der Grünen, die diese Wahl überhaupt erst herbeigeführt haben, nicht verfangen hat, obwohl laut Umfragen die Rot-Grüne Koalition das von den Hamburgern bevorzugte Regierungsmodell war. So gesehen ist es als Eigentor zu verstehen, wenn Claudia Roth gestern meinte, Stimmungen seien noch lange keine Stimmen. Genau so ist es Frau Roth und deshalb hat sich die GAL ohne Not aber mit Verve selbst von der Regierungsbank gekegelt. Wir wollen nicht vergessen, dass kein politisches Ziel der GAL in der Koalition durchgesetzt werden konnte, egal ob Moorburg, Elbvertiefung oder Einheitsschule – eine politische Bankrotterklärung, inhaltlich zu bedauern und nur mit Sarkasmus zu ertragen, denn mit Zähigkeit und ohne Schielereien auf Umfragewerte hätte sich da bestimmt noch was machen lassen.

Zum Schluss noch ein paar Sätze zu denen, die gestern mit einem blauen Auge davonkamen. Sowohl die Liberalen als auch die Linken waren erleichtert, überhaupt in die Bürgerschaft eingezogen zu sein. Man kann das verstehen. Auch wenn die paar Mandate, die man jeweils errungen hat, eigentlich nicht ins Gewicht fallen. Als gefährlich könnte sich erweisen, dass beide Parteien ihr Ergebnis als Indikator für eine Trendwende für die kommenden Abstimmungen sehen möchten, denn davon kann keine Rede sein. Das Eis ist verdammt dünn und an dieser Stelle scheint zumindest Gregor Gysi mit mehr Realitätssinn gesegnet zu sein als die selig lächelnde versammelte FDP-Parteispitze (ein Bild für die Götter!) mit ihrem Honigkuchenpferd Guido an der Spitze.

Note to self: Schmeckt einfach nicht, nicht mal ein bisschen. Merks dir. Musik: Rorcal, Aurea Borealis.

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