Das untere Plenum

Furchtbare Bilder aus Japan flimmern über die Mattscheibe. Wenn man berücksichtigt, dass in dem ostasiatischen Hochtechnologie-Land, wie in keinem anderen, in erdbebensicheres Bauen investiert wird und mit welchem Aufwand dort Katastrophenpläne ausgearbeitet und -übungen abgehalten werden, dann darf man daraus ableiten, was für ein Armaggedon das Beben in einem beliebigen anderen Land ausgelöst hätte. So katastrophal die Auswirkungen für die Betroffenen sind, von Opferzahlen wie in Haiti ist man zum Glück weit entfernt. Noch.

Die Nachrichten über die Notabschaltung und Flutung von Atommeilern in der betroffenen Region und die letzten Meldungen bezüglich der Probleme mit der Kühlung können zwei ganz unterschiedliche Regungen auslösen: Nackte Panik angesichts einer möglichen Kernschmelze oder Erleichterung darüber, dass die immerhin teils aus den 70ern stammende Technik sich bei der heftigen Beanspruchung der letzten Stunden bislang so gut bewährt hat.

Wie schön wäre es, wenn die Meldungen zu der nuklearen Hitzewallung ein wenig sachlicher und sortierter daher kämen. Ich meine, jetzt mal ehrlich: Die Berichterstattung über das Beben nimmt so viel Raum ein, da muss es doch möglich sein, einen Fachmann für kerntechnische Anlagen ranzukarren, der mit nüchternen Worten erklärt, wie ein Siedewasserreaktor arbeitet, was genau im Falle der Notabschaltung passiert, was Nachzerfallswärme ist, was ein Containment ist und ein Core-Catcher. Er könnte sicher erklären, warum in Fukushima eine Explosion des Reaktors mit nachfolgendem Graphitbrand wie in Tschernobyl nicht passieren kann, aber auch, wie sich eine Kernschmelze auswirken würde, also ob das geschmolzene Material im Reaktorbehälter, nämlich im unteren Plenum verbleiben würde, oder sich durch das Containment fressen könnte und damit Radioaktivität freigesetzt würde.

Der geneigte Leser soll nicht den Eindruck haben, der Blogger sei ein Kenner der Materie. Aber ich habe heute Nachmittag ein Stündchen im Internet investiert, weil ich einfach wissen wollte, was Sache ist. Es muss doch mindestens möglich sein, dass ein Redakteur mit naturwissenschaftlichem Basiswissen das Gleiche tut und die Fakten in knapper Form aufbereitet. Dann könnte man auch als Laie zu einer realistischen Einschätzung des maximal möglichen Verhängnis kommen.

Die kommenden Stunden werden zeigen, ob die atomare Katastrophe noch abzuwenden ist: Bei der automatischen Notabschaltung wurden die Regelstäbe zwischen die Brennelemente gefahren, das kühlende Reaktorwasser strömt durch die engen Lücken zwischen den Stäben. Durch die Restwärme der Brennstäbe bilden sich gasförmige Reaktionsprodukte, die den Druck im Reaktorbehälter ansteigen lassen. Bei Reaktoren neuerer Bauart befinden sich hinter den Notventilen Kondensationskammern mit Filtern, um den Großteil der Radioaktivität zurückzuhalten. Ob das in Fukushima auch der Fall ist, konnte ich nicht ermitteln. Die Nachzerfallswärme in einem Siedewassereaktor beträgt ca. 7% der Nennleistung, das wären in diesem Fall etwa 100-300MW. Da bei Reaktoren aus den 70ern kein Wasserbehälter über dem Reaktorkern vorhanden ist, mit dessen Volumen man den Behälter vollständig füllen könnte, reicht die Konvektion (temperaturbedingte Strömung) nicht aus, um diese Wärmemenge abzuführen. Daher ist bei unzureichender externer Kühlung davon auszugehen, dass die Brennstäbe schmelzen werden. Allerdings besteht eine gute Chance, dass das stählerne Containment die Temperatur des geschmolzenen Materials aushält. Das war jedenfalls in Three-Miles-Island der Fall: Der Reaktor war zwar nachher schrottreif, aber er hielt stand. Drücken wir die Daumen. Und vergessen wir nicht, dass gerade in Japan viele Menschen ganz andere und viel konkretere Sorgen haben. Es ist eben alles relativ.

Edit: Samstag, 12.März, 9:19Uhr:

Da haben wir den Salat: Die Kernschmelze ist offenbar bereits im Gange, in Fukushima hat es mehrere Explosionen gegeben, zumindest Teile der Reaktorhülle sind weggebrochen, andere Meldungen besagen, dass der gesamte Reaktorblock in die Luft geflogen ist, die Radioaktivität im Kontrollraum liegt um den Faktor 1000 über den Normalwerten, es wird zur Einnahme von Jodtabletten geraten. Das ist der GAU, da gibt es nichts zu beschönigen.

Note to self: Erbärmlich. Musik: Oceansize, Godspeed To You Black Emperor!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.