Die Über-Frau

Darf man über Wintersport schreiben, angesichts von mindestens zwei schmelzenden Reaktoren, Tausenden von Toten, Zehntausenden von Obdachlosen und unfassbaren Zerstörungen in Japan? Wahrscheinlich nicht, ich mache es aber trotzdem:

Das letzte Rennen bei der Biathlon-WM im sibirischen Chanty-Mansijsk war die Staffel der Frauen. Die russischen Gastgeber hatten die Terminierung mit Bedacht gewählt, denn man rechnete sich bei dieser Disziplin die größten Medaillen-Chancen für das heimische Team aus. Um es vorweg zu nehmen, der Plan ging nicht auf. Bereits die erste Starterin des Quartetts schoss drei Runden und damit war der Traum aus, bevor er richtig angefangen hatte. Den deutschen Starterinnen ging es nur wenig besser. Miriam Gössner auf Position zwei hatte nach solidem Beginn von Andrea Henkel auch zwei „Fahrkarten“ geschossen, die Mannschaft belegte zwischenzeitlich nur den 6. Platz mit einem Abstand von mehr als einer Minute auf die Spitze. Die Führung hatten die ukrainischen Athletinnen übernommen, die sich von den widrigen Bedingungen am Schießstand mit heftigen Böen nicht beirren ließen und mit der Präzision eines Uhrwerks trafen. Als Tina Bachmann Lena Neuner mit etwa 50 Sekunden Rückstand in die Loipe schickte, war allenfalls der dritte Platz noch möglich, es sollte anders kommen. Neuner, die schnellste Biathletin der Welt, machte Sekunde um Sekunde gut, dann kam das letzte Schießen im ungeliebten Stehendanschlag. Lena haute unfassbare 5 Treffer in schneller Folge raus und bewies, dass sie zurzeit in der Form ihres Lebens ist, trotzdem war die Ukraine immer noch mit etwa 30 Sekunden vorn, eigentlich ein sicherer Vorsprung. Innerhalb der verbleibenden 2 Kilometer holte die Deutsche nicht nur diese 30 Sekunden auf, sondern kam mit 25 Sekunden Vorsprung ins Ziel. So etwas habe ich noch nicht gesehen, und ich habe schon einige Biathlonrennen angeschaut. Selbst die Trainer konnten nur mit dem Kopf schütteln.

Neuner ist jetzt zehnfache Weltmeisterin und das deutsche Team belegt vor allem wegen der drei Goldplätze der Überathletin den ersten Platz im Medaillenspiegel der WM. Der absolute Wahnsinn.

Note to self: Weniger, weniger und mehr. Musik: Meshuggah, Deftones.

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