Wundenlecken

Darf man sich darüber freuen, wenn eine Reaktorkatastrophe einer ehemals links-alternativen Partei, die heute in erster Linie die gutverdienenden Mittelalten vertritt, dazu verhilft nach mehreren Jahrzehnten in BW die schwarze Regierung abzulösen? Ich weiß es auch nicht. Die Zeiten, in denen ich bei den Grünen mein politisches Zuhause sah, sind lange vorbei. So lange, wie die Entscheidungen zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr, Trittins Dosenpfand und der Unterstützung für Schröders unsägliche Agendapolitik. Und wenn man den Bogen schlägt vom grünen Einzug in den Bundestag mit handgeklöppelten Pullis und Sonnenblumen bis zu Kretschmann, der ungefähr so links-alternativ ist, wie eine Portion Maultaschen, dann merkt man vor allem, dass man steinalt ist.

Anlass zur Freude gab es gestern natürlich aber trotzdem: Freude über das verdatterte Gesicht von Philipp Rösler, die herunterhängenden Mundwinkel von Lindner, Westerwelle und Brüderle. Auch die Altersmilde von König Kurt, der noch mal davonkam, der konsternierte Mappus und der sich windende Herman Gröhe wussten zu begeistern. Lediglich Frau Nahles blieb irgendwie blass, schien aber auch vergrippt zu sein und machte lediglich in ihrer Lieblingsdisziplin „Wir reden uns alles schön“ ein paar Punkte.

Wollen mal abwarten, was jetzt geht im Ländle. Ramsauer hat ja schon das Zudrehen des Geldhahns angedroht, für den Fall, das S21 gekippt werden sollte. Ob man den EnBW-Deal von Mappus noch irgendwie zurückdrehen kann, da bin ich mal gespannt. Und für unsere tolle Bundeskanzlerin wird es schwerer und schwerer angesichts der Machtverhältnisse im Bundesrat. Mit jedem Schritt, den sie aus der neoliberalen Ecke auf die Opposition zugehen muss, gräbt sie sich parteiintern das Wasser ab. Eine Zwickmühle, aus der man nur mit Basta-Politik (und Neuwahlen) oder mit Stillhalten und Aussitzen (die Methode Kohl) herauskommen kann. Ich nehme Wetten an, dass sie sich für die zweite Möglichkeit entscheiden wird. Keine Wetten nehme ich zum politischen Schicksal Westerwelles an, ich glaube er wird weiter vor sich hinschlingern, das Ansehen Deutschlands in der Welt weiter beschädigen und jetzt wieder jede Gelegenheit nutzen, in innenpolitische Kerben zu hauen, Hauptsache Profilierung. Und sollten uns die gestrigen Ergebnisse tatsächlich von Birgit Homburger befreien, dann wäre das eine wunderbare Wendung für uns alle.

Note to self: Zusammengefunden. Musik: Parajubu, Kvelertak, Kyuss.

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