Entspannung

An der kritischsten aller Fronten zeichnet sich eine gewisse Entspannung ab. Ich kann gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin. Der erzwungene oder freiwillige Umgang mit medizinischen Themen, das hat auch der gestrige Tag wieder deutlich gezeigt, birgt eben doch ein gewaltiges Elends-, Spannungs- und Unmutspotential. Wie auch immer, jedenfalls habe ich den Kopf wieder ein bisschen freier und damit auch Gelegenheit (und sogar Zeit!) mich über anderes zu ereifern:

Im Jahr 2008 hat die Stadt Aachen beschlossen, die öffentlich zugänglichen Altpapiercontainer abzuschaffen. Deren Fassungsvermögen reichte ohnehin nie aus und so stapelten sich an den Standorten unansehnliche Kartons, die nach jedem mittleren Regenguss Auflösungserscheinungen zeigten. Da jeder Haushalt ohnehin über eine blaue Tonne verfügt, sollte das kein Problem sein, ist es aber doch. Bei uns im Haus sind die beiden Behälter meist schon einen Tag nach der Leerung völlig voll. Klar, wir haben überdurchschnittlich viele Studenten und Singles, die sich von TK-Pizzen ernähren, umfangreiche Mitschriften erst anfertigen und dann wegwerfen und einen Selbständigen, der Mainboard-, Grafikkarten-, Netzteil- und jede Menge anderer Kartons und Kartönchen zu entsorgen hat. Eine Entspannung der Altpapiersituation ist also nicht zu erwarten, auch weil Unitymedia jeden von uns jeden Monat darüber informiert, dass Internet per TV-Kabel so viel geiler als DSL ist, auch weil wir von unseren Versicherungsgesellschaften fast jede Woche gefragt werden, ob wir uns gegen Vulkanausbrüche in Schaltjahren absichern wollen, auch weil jeder Grill und jeder Chinese inzwischen einen Lieferservice und eine Bestellhilfe in katastrophalem Deutsch hat. So stand ich halt heute wieder mit einem ganzen Schwung Zellulose unter dem Arm in der Garage. Die Mitbewohner hatten bereits ein Zwischenlager neben den Tonnen eingerichtet. Na dann packe ich meinen Kram doch direkt oben drauf. Papier ist geduldig.

Ganz wenig entspannt ist zurzeit mein Lieblings-Erklärbär Jan Fleischhauer (schon wieder die gleiche Kerbe, sorry, ich kann nicht anders). Kein Wunder, schließlich zerlegt sich die ehemalige Pünktchenpartei gerade selber, die Union vollzieht einen Linksruck und die Wahlergebnisse tun ein Übriges, um dem schwarzen Jan Tränen der Wut in die Augen zu treiben. Sieh mal, Herr Fleischhauer, es gibt gar keinen Grund sich Sorgen zu machen: Die Großkopferten verdienen fast schon wieder so viel, wie vor der globalen Finanzkrise, die Energiewende wird einen gewaltigen Investitionsschub bringen, die Ausplünderung der Sozialkassen durch den Medizinisch-Industriellen-Komplex läuft ungebremst weiter, genau so wie die Kapitalflucht in Steueroasen. Alle deine armen Leistungsträger, deren Umschmeichelung du permanent einforderst, haben ihre Schäflein längst im Trockenen, ach was sage ich, im Vollklimatisierten. Bleib locker Jan!

Andernorts fliegen Sicherungen. Das ist ein Job für einen Elektriker, nicht für einen IT-Consultant, sage ich mir. Möglicherweise gibt es ein 600W-Netzteil weniger auf der Welt, na und? Ich hänge jetzt ganz entspannt meine Wäsche auf, putze ganz entspannt mein Bad, bringe höchst entspannt ein paar Überweisungen zur Bank und werde zur Tagesschau einen 12jährigen „The Glenlivet“ zu mir nehmen. Man muss sich auch was gönnen können.

Note to self: Ein paar Kristalle, unglaublich, meine Liebe, jedenfalls für mich. Musik: Black Stone Cherry, Nirvana, Japanische Kampfhörspiele.

Eine Antwort auf „Entspannung“

  1. leeven jong, sulang do dich widder övver altpapiercongtainer ereifern kanns, es de welt noch ens in ordnung… und ich kann mich wieder beruhigt zurücklehnen und die zerdrückten daumen entspannen.
    übrigens war ich auch ohne fachkundige begleitung auf wissenschaftlicher grenzlandtour: archäologie im steinbruch, architektur am bunker, psychologie in ““tricht und kulinarik im la finestra…
    leeve jrööß un bess demnähx
    dinge blogghead

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