Der große fruchtige Bruder

Gestern wieder einmal Keynote zur Apple WWDC. Einen Live-Stream gibt es nicht, also ziehe ich mir den Ticker auf macnews.de rein. In den letzten Jahren sah das so aus, dass alle 3,4 Minuten ein paar Sätze von den Redakteuren im Publikum gepostet wurden. Gestern wurden uns im Minutentakt rausgewürgte Twitter-Brocken vorgeworfen „Tolles GUI“, „Geile Animation“, „Die Menge johlt“. Also entweder ich bin für solche Sprachkrüppelei zu alt, oder zu anspruchsvoll. Wahrscheinlich beides.

Zu den gestern gezeigten Meilensteinen: iOS lasse ich mal weg, interessiert mich kein bisschen. Mein Mobiltelefon ist 5 Jahre alt und ich benutze es tatsächlich nur zum Telefonieren und SMSen. Ein weiterer wichtiger Punkt war die Vorstellung vom neuen OS X 10.7 „Lion“. Jetzt mal ehrlich: Das, was uns da gestern präsentiert wurde, soll eine Innovation sein? Ein Meilenstein? Zum Totlachen! In Wirklichkeit ist es doch so: Mac OS X ist seit 10.5 „Leopard“ eigentlich fertig. Na gut, mit 10.6 kam ein runderneuerter Finder, 64bit für alle Programme, OpenCL, bessere Multiprozessor-Unterstützung und weitere Details unter der Haube, von denen der durchschnittliche Benutzer wenig mitbekommt, aber das wars dann auch. Mit 10.7 hält nun die Bevormundung und Verdummung der Benutzer endgültig Einzug bei Apple. Der Library-Ordner ist jetzt vom Nutzer nicht mehr änderbar. Warum, zum Teufel? Expose und Spaces verschmelzen zu „Mission Control“ (Welcher Hirni hat sich den Namen ausgedacht?), Full Screen Apps werden als Neuerung verkauft (Soll ich jetzt etwa ständig im Dock rumstochern, wie die Windozer?) und überhaupt verkündet man das Ende des Filesystems. Man wolle die Bedienung erleichtern. Ich hatte in den letzten Wochen das zweifelhafte Vergnügen mit iPad und iPhone ohne File-Manager (=Finder) zu arbeiten. Es ist grauenhaft. Aber Apple denkt eben so: User, Text, Pages auf, Pages zu, fertig. Wozu braucht man da noch Drag and Drop, wozu Metadaten? Und jetzt braucht man nicht mal zu sichern: Autosafe und Versionierung auf Dateiebene sind die Stichworte. Was soll das? Wenn ich eine Datei in mehreren Versionen brauche, dann speichere ich eben unterschiedliche Versionen ab. Warum soll ich eine Zeitleiste abklappern und suchen, wann ich was geändert habe. Tja, wahrscheinlich bin ich zu alt, oder zu anspruchsvoll, wahrscheinlich beides.

Jetzt kommt der Oberhammer (And there is one more thing…): „Lion“ kann man nicht kaufen. Das heißt, man kann keine DVD kaufen. Man kann es für 23,99 € runterladen. Noch mal: MAN KANN ES NUR RUNTERLADEN! (Entschuldigt, dass ich so schreie). Das bedeutet: Erst mal brauche ich eine Apple-ID, denn ohne geht der App-Store nicht. Natürlich werden meine persönlichen Daten beim Download gespeichert. Sollte ich mal eben eine Zweitinstallation auf einer anderen Platte vornehmen wollen, dann MUSS ICH ES NOCH MAL RUNTERLADEN. 4 Gigabyte! Nehmen wir mal an, eine Anwaltskanzlei oder Arztpraxis in MeckPomm, wo es nur DSL-Light gibt, möchte 5 Arbeitsplätze mit „Lion“ ausstatten, dann müssen sie 5 mal 4 GB runterladen, am besten gibt man den Angestellten dann zwei Tage frei. Nehmen wir mal an, ein Dienstleister möchte beim Kunden einen Rechner neu aufsetzen. Da heißt es dann: So, der Download läuft, ich lese jetzt mal meine Zeitung, Sie zahlen.

Um es ganz deutlich zu machen: Mit diesem unglaublich blöden Schachzug hat sich Apple für immer vom professionellen Computernutzer verabschiedet. Diese Firma ist nicht mehr ernst zu nehmen. ES IST EINE SCHANDE UND ES TUT MIR WEH, WENN ICH SEHE, WIE DAS BESTE BETRIEBSSYSTEM DER WELT OHNE GRUND RUINIERT WIRD. Das heißt, natürlich gibt es einen Grund: Apple wird jeden Benutzer ihrer Software auf der ganzen Welt kennen, sie werden gekaufte Programme, Bücher, Musik usw. ihren Kunden zuordnen können, sie werden Profile erstellen, sie haben damit die totale Kontrolle. Dagegen ist Google ein nasser Furz. In zahlreichen Foren liest man bereits, dass ganze Firmen den kurzfristigen Umstieg auf Windows und Linux planen und das kann ich gut verstehen. Wenn mein Telefonanbieter einen Schluckauf hat und ich deswegen meinen Server nicht neu aufsetzen kann, dann kann ich auch kein Geld verdienen. Und dann kann Apple mir den Buckel runterrutschen.

Es passt gut ins Bild, dass der neue Dienst „iCloud“ parallel vorgestellt wurde, der weder innovativ, noch besonders luxuriös ausgestattet ist. Demnächst will ich nur mal schnell mit dem Laptop ins Internet, aber wenn ich das Gerät einschalte, dann werden erst mal die 500 Fotos von Oma Ernas Geburtstag übers Netz synchronisiert, die ich gestern auf meinen Desktop geladen habe. Braucht keiner, aber alle Macianer kriegen es. Ah, und da sind wir schon beim Finalpunkt der ganzen Geschichte: Macianer will Apple eigentlich gar nicht mehr. 50 Millionen Menschen weltweit benutzen Mac OS, 200 Millionen iOS auf iPhone und iPad und die meisten Menschen, so ließ man uns gestern wissen, haben überhaupt keinen Computer, aber ein Mobiltelefon. Und deshalb braucht man sich um die paar Computerbenutzer auch nicht mehr zu kümmern. So sieht Apple das. Ah, wahrscheinlich bin ich nur zu alt, oder zu anspruchsvoll, wahrscheinlich beides.

Seit 1994 benutze ich Mac OS. Auf meinem Schreibtisch liegt die Installations-DVD von Ubuntu-Linux. Das werde ich jetzt mal installieren und mal schauen, wie gut ich damit zurecht komme. ICH HABE DIE SCHNAUZE VOLL von den Ignoranten aus Cupertino, die uns zu gleichgeschalteten, bevormundeten, strunzdoofen Konsumenten ihres halbgaren SCHEISSDRECKS machen wollen. Für den bin zu alt, zu anspruchsvoll, aber nicht blöd genug.

Note to self: Moses fertigbauen? Wozu? Musik: Tom Waits, Deftones, Nile, U2.

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