o.B.

Nein, in diesem Beitrag geht es nicht um die Diagnoselosigkeit in Krankenakten (o.B. = ohne Befund) und auch nicht um Artikel für die frauliche Monatshygiene, es geht um Menschen, die „ohne Bekenntnis“ sind, im Speziellen um ihre Rolle in Politik und Gesellschaft.

NG

Das vergangene Wochenende erbrachte unter anderem einen deutlichen Wahlsieg für einen orthodoxen muslimischen Ministerpräsidenten in der Türkei, die Bewerbung von Michele Bachman, einer Ikone der christlich-fundamentalistischen Tea-Party-Bewegung um die republikanische Präsidentschaftskandidatur und einen bemerkenswerten Essay „Mit Gott debattiert man nicht“ von Adrian Kreye in der „sueddeutschen“. Im Vormonat veröffentlichte Matthias Matussek seine Polemik „Das katholische Abenteuer“ und vor wenigen Tagen räsonierte der notorische Jan Fleischhauer über die „Selbstsäkularisierung“ der Evangelischen auf dem Dresdener Kirchentag. Es ist angerichtet:

In der Welt nach dem 11. September 2001 wird ein Leben ohne Gott zu einem losen Ende. Wo man vorher einen nachlässigen, pragmatischen Humanismus zur Schau stellen konnte, der nur noch locker an die ethisch-moralischen Wurzeln des christlichen Abendlandes geknüpft war, hat man nun eine Lücke. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ heißt es von Seiten der erstarkenden Gottesmenschen jeder Couleur. Als Fallstrick für die überzeugten Atheisten erweist sich dabei die prinzipielle Verhandelbarkeit der Grundfesten ihrer Position: Kein Humanismus, keine agnostische Ethikkonstruktion kann mit dem absoluten Anspruch göttlicher Handlungsvorschrift mithalten. Eine weitere Schwäche der atheistischen Geisteshaltung ist ihre Sprachlosigkeit bei den sogenannten letzten Fragen und das trostlose Ergebnis jeder Beschreibung der menschlichen Existenz als temporäres, unfertiges Zwischenergebnis biomolekularer Wechselwirkung. Diese prinzipiellen Defizite wurden durch die jüngsten Versuche offensiver Abgrenzung (s. obiges Bild) nur noch stärker beleuchtet, auch wenn die dort propagierte Stoßrichtung im Sinne einer gewissen hedonistischen, unangestrengten Lässigkeit unseren säkularen, materialistisch orientierten Gesellschaften westlicher Prägung eigentlich sehr entgegen kam. So weit, so schlecht.

Es kann in der Auseinandersetzung um politische Inhalte und ihre vorgebliche Gottgefälligkeit für Atheisten nur darum gehen, die eigene Position als Minimallösung zu präsentieren, dies aber mit lauter Stimme. Die Erfahrungen der Menschheitsgeschichte geben uns recht. Realpolitik hält sich nicht mit „-ismen“ auf und schon gar nicht mit Glaubensbekenntnissen. Die Diskussion um religiöse Begründungen ideologischer Überzeugungen ist das hilflose Umsichschlagen eines Popanz, das sollte auch der Letzte inzwischen begriffen haben. Man mag die atheistische Lückenhaftigkeit wegen ihrer freudlosen, wenig sinnlichen Beschreibung menschlicher Perspektiven geißeln, doch wird man sich immer dann auf sie besinnen, wenn es Spitz auf Knopf steht. Das liegt daran, dass sie den kleinstmöglichen Überbau von quasi-natürlichen Konzepten wie beispielsweise dem „Brutto-Inlandsprodukt“ oder „There is always a bigger fish“ repräsentiert. Denn natürlich hatte Brecht recht: Erst kommt das Fressen, aber dann eben die Moral und nicht etwa das Vaterunser.

Das größte Manko der Atheisten, so wird häufig behauptet, sei ihre Verbissenheit. Vielleicht habe ich mit den vorangegangenen Abschnitten ein weiteres Beispiel für diese These geliefert. Deshalb will ich mit einem Text schließen, der sich einer der letzten Fragen politisch unkorrekt und augenzwinkernd annähert:

Diese Frage war tatsächlich Bestandteil einer Zwischenprüfung im Fach Chemie an der University of Alabama.

Zusatzfrage:
Ist die Hölle exotherm (gibt Hitze ab) oder endotherm (absorbiert Hitze)?

Die meisten Studenten begründeten ihre Meinung unter Bezug auf das Boyle`sche Gesetz (Gas kühlt sich ab, wenn es expandiert und erhitzt sich, wenn es komprimiert wird) oder mit einer Variante davon.

Ein Student allerdings schrieb folgendes:

Zuerst müssen wir wissen, wie sich die Masse der Hölle über einen bestimmten Zeitraum hinweg verändert. Deshalb benötigen wir Angaben über die Rate mit der Seelen sich in die Hölle hineinbewegen und mit welcher Rate sie sie wieder verlassen. Ich denke, wir können mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass eine Seele, einmal in der Hölle, diese dann nicht mehr verlässt. Um zu ermitteln, wieviele Seelen die Hölle betreten, müssen wir die verschiedenen Religionen betrachten, die es heute auf der ganzen Welt gibt. Die meisten dieser Religionen legen fest, dass die Seelen all derjenigen, die nicht dieser Glaubensrichtung angehören, unweigerlich in die Hölle kommen. Da es mehr als eine Glaubensrichtung gibt und Menschen in der Regel nicht mehr als einer von ihnen angehören, können wir mit ziemlicher Sicherheit folgern, dass alle Seelen in die Hölle kommen. Bei den derzeitigen Geburts- und Todesraten können wir erwarten, dass sich die Anzahl der Seelen in der Hölle exponential vergrößert. Jetzt sollten wir einen Blick auf die Volumensänderung der Hölle werfen, da das Boyle`sche Gesetz besagt, dass Temperatur und Druck in der Hölle nur unverändert bleiben, wenn das Volumen der Hölle proportional zum Zugang neuer Seelen expandiert.

Dies lässt uns jetzt zwei Möglichkeiten:
1. Falls das Volumen der Hölle langsamer expandiert als der Neuzugang von Seelen, wird sich die Hölle unweigerlich aufheizen, bis sie explodiert.
2. Falls es schneller expandiert als die Zunahme der Seelenanzahl, verringert sich die Temperatur, bis die Hölle einfriert.

Was also trifft nun zu?
Ziehen wir die Aussage Teresas in Betracht, die sie mir gegenüber im ersten Semester machte,“Eher friert die Hölle ein, als dass ich mit Dir schlafe“ und außerdem die Tatsache, dass ich letzte Nacht mit ihr geschlafen habe, dann muß Annahme 2 zutreffen. Also bin ich sicher, dass die Hölle exotherm und bereits eingefroren ist.

Die logische Konsequenz dieser Theorie ist, dass die Hölle zugefroren ist und deshalb keine neuen Seelen Aufnahme finden können. Somit bleibt nur noch der Himmel, womit auch die Existenz einer göttlichen Macht bewiesen ist… und das wiederum erklärt auch, warum Teresa letzte Nacht andauernd „Oh, mein Gott! Oh, mein Gott!“ ausrief.

Dieser Student erhielt als Einziger die Bestnote.

Note to self: Ich bleibe dran Elisabeth. Musik: Terra Naomi, Anna Ternheim, Archives.

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