Stoßmensur am rechten Rand

Man stelle sich ein Grüppchen heimat- und brauchtumsliebender, trinkfester, textsicher singender Männer in lustigen Klamotten vor, die vor allem ganz aktiv an ihrem sozialen Netzwerk knüpfen, um eigene Karrierechancen zu befördern: Ein Karnevalsverein? Könnte sein, aber in diesem Beitrag geht es um so genannte „Verbinder“ im Allgemeinen und Burschenschafter im Besonderen. Dem Spiegel haben wir es zu verdanken, dass über einen wirklich unglaublichen Antrag zur Änderung der Satzung (sie nennen es Verfassung) der Deutschen Burschenschaft überhaupt berichtet wurde. Die anderen Medien hielten sich ziemlich zurück. Konkret geht es darum, dass für die Aufnahme in eine der DB zugehörigen Verbindung die Abstammung maßgeblich sein sollte und damit Bewerber mit außereuropäischen Wurzeln von der Veranstaltung ausgeschlossen wären, bzw. solche Verbindungen aus der DB ausgeschlossen werden sollten, die solche Mitglieder aufweisen, der Spiegel nannte das „Ariernachweis“. Dem Antrag entprechend wäre die Hansea Mannheim, die einen chinesischstämmigen Bundesbruder in ihren Reihen hat, aus der Deutschen Burschenschaft ausgeschlossen worden, denn er „weist eine nichteuropäische Gesichts- und Körpermorphologie auf die Zugehörigkeit zu einer außereuropäischen populationsgenetischen Gruppierung und damit auf eine nicht deutsche Abstammung hin“. Mal abgesehen vom kaputten Satzbau würde es auch nicht überraschen, wenn so ein Textfragment in den Nürnberger Rassegesetzen stehen würde.

Nun, inzwischen wurde der Antrag zurückgezogen, allerdings wirft er ein Streiflicht auf die aktuellen, äußerst bedenklichen Entwicklungen in der DB. Man mag von den Burschenschaftern halten, was man will. Mir erschienen sie immer als verknöcherte, allzu brave, erzkonservative Sekte, die eben doch selten genug das Feuer weitergibt, aber dafür die Asche sorgfältig aufbewahrt. Das ganze schwülstige Getue und Geschwurbel, die elitäre Pseudosprache von „ad hymnam“ bis „silentium“, das Herumstolzieren im Vollwichs, die merkwürdigen Trinkrituale, die noch merkwürdigere Tradition des Fechtens und die meist stramm deutsch-nationale Ausrichtung waren und sind mir zutiefst zuwider.

Allerdings ist es eben schon ein gewaltiger Unterschied, ob man sich politisch am rechten Rand der demokratischen Tradition bewegt, oder noch ein wenig weiter rechts. Die Rolle der Burschenschaften vor und beim Hambacher Fest ist mir genau so bekannt, wie ihre erzwungene Auflösung im Dritten Reich. Ob man deshalb alle drei Strophen des Deutschlandliedes singen muss, sei mal dahingestellt, ich finde es unerträglich. Ähnlich merkwürdig ist die großdeutsche Organisationsstruktur, die durch die Aufnahme der österreichischen B!B! in die DB zustande kam. Natürlich darf man an dieser Stelle nicht alle Studentenverbindungen in einen Topf werfen, das will ich ausdrücklich betonen. Natürlich gibt es riesige Unterschiede zwischen Corps, Burschenschaften, dem katholischen Kartell und so weiter.

Äußerst bedenklich ist jedenfalls die in jüngster Zeit zu beobachtende Radikalisierung des Burschen-Dachverbandes und seine Unterwanderung durch rechtsextreme und neonazistisch orientierte Bünde, die jetzt in dem oben erwähnten rassistischen Antrag zur Satzungsänderung gipfelte. Einige Verbindungen werden mit großer Wachsamkeit vom Verfassungsschutz beobachtet, der in seinem letzten Bericht zur inneren Sicherheit bei etwa einem Drittel aller Kooperierten rechtes Gedankengut ausmachte. Es ist eben ein großer Unterschied, ob ein arbeitsloser, versoffener, grenzenlos dummer Mensch sich zu nationalsozialistischem Gedankengut bekennt, oder gebildete Akademiker „aus gutem Hause“, die sich selbst als Elite der Gesellschaft verstehen, solche ewiggestrigen Ideologie zu verbreiten suchen.

Offenbar gibt es Kräfte in unserer Gesellschaft, die verhindern wollen, dass den faschistischen Bundesbrüdern Feuer unterm Hintern gemacht wird. Anders ist es nicht zu erklären, dass Verbindungen, wie beispielsweise die Libertas Brünn in meiner Heimatstadt mehr oder weniger offen ihre Verbindungen zur NPD pflegen dürfen. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um annehmen zu müssen, dass die Durchseuchung unserer demokratischen Gesellschaft mit diesen verabscheuungswürdigen Figuren ganz schön weit fortgeschritten ist. Und eine Krähe hackt der anderen eben kein Auge aus. Widerlich!

Note to self: Allmählich sollte es mal weggehen, oder? Musik: Marius Müller-Westernhagen.

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