Rechnerkriege

Ich kam zum Mac wie die Jungfrau zum Kinde: Das Hauptstudium neigte sich dem Ende zu und die Anfertigung der Diplomarbeit mit Hilfe der vorhandenen Schreibmaschine kam nicht in Frage. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich für Computer nie interessiert: Die Nerds waren damals wirklich noch blasse, pickelige Gestalten, die seitenlange Code-Listings aus irgendwelchen Zeitschriften abtippten. Man spielte gerne mal eine Runde am Rechner (Zum Beispiel „Switchblade“ auf Thomas‘ Amiga oder SimCity in schwarz-weiß auf Jans 286er) aber damit hatte es sich dann auch. Vom Internet war noch nichts zu sehen und IT-Kompetenz hieß in den meisten Fällen, dass man in der Lage war eine Textverarbeitung wie „Word Perfect“ oder „Ami Pro“ ohne größere Unfälle (=Text weg) zu bedienen. Als ich mich dann zum Rechnerkauf entschloss, waren 486er das Maß aller Dinge, der Pentium erblickte gerade das Licht der Welt, erschien mir aber überdimensioniert und überteuert. Es war deswegen eine merkwürdige Epoche, weil über eine Zeitspanne von wenigen Monaten ein Macintosh der Performa-Baureihe tatsächlich günstiger war als ein gleichwertiger 486DX. So kam es also, dass wir zu viert bei einem kleinen Laden, der inzwischen längst nicht mehr existiert, zu einem vorteilhaften Preis mit Mengenrabatt 4 P475 mit Performa Plus Monitor (grauenhaftes Teil) und Stylewriter II erwarben.

Es kam wie es kommen musste: Bereits nach wenigen Wochen kam ich kaum noch vom Schreibtisch los, dunkle Ringe unter den Augen und eine verärgerte Freundin waren die allseits bekannten unschönen Nebenerscheinungen einer beginnenden Leidenschaft. Hin und wieder besuchte ich sogar die Mac-Abende des lokalen Computerclubs, wo sich gestandene Männer mit Lötkolben-Brandmalen auf den Unterarmen und verhornten Fingerkuppen mit leuchtenden Kinderaugen um neue Festplatten und Laptops scharten und dabei geheimnisvolle Botschaften austauschten, deren tieferer Sinn sich mir erst nach und nach erschloss. Mit dem sich erweiternden Horizont wurde mir dann auch klar, dass ich innerhalb der sich ständig vergrößernden Szene zu einer kleinen Splittergruppe gehörte. Die Apfeljünger waren damals genau wie heute als elitäre, arrogante Sekte mit zu viel Kohle und wenig technischem Verständnis verschrien. Umgekehrt überzogen wir Macianer die Windowsanwender mit beißendem Spott, dies wurde einem durch die erheblichen Unzulänglichkeiten von Windows 3.11 und 95 allerdings auch kolossal erleichtert. Dass der böse Bill Gates seinen Produkten Ideen einverleibte, die er aus unserer Sicht beim Mac abgekupfert hatte (und die zum Teil Apple von Xerox kopiert hatte, aber das nur nebenbei), machte uns zu den Guten, während die „DOSentreiber“ zur dunklen Seite gehörten. Rechnerkrieg eben.

Allerdings wurden mir mit den Jahren einige Illusionen genommen: Einerseits dadurch, dass die PPC-Macs der Baureihen 6100-G4 Quicksilver ihren Pentium-Gegenspielern nicht nur in der Taktung, sondern auch in der gefühlten Arbeitsgeschwindigkeit unterlegen waren, anderseits dadurch dass Windows ab der 98er-Version gewaltig aufholte, so gewaltig, dass in meinem Institut ständig neue PC in Betrieb genommen wurden und die Mac-Fraktion zuletzt nur noch durch mich vertreten wurde. Tatsächlich wissen wir heute, dass Apple damals nur durch eine gewaltige Finanzspritze des Microsoft-Imperiums überlebte. Außerdem lernte ich die folgende fundamentale Regel: Was jemand aus einem Rechner rausholt, liegt zu allererst an seinen grauen Zellen und erst in zweiter Linie an CPU-Modell und Betriebssystem.

Und heute? Die Zeit der Rechnerkriege ist vorbei. Die Bedürfnisse des durchschnittlichen Anwenders werden bereits mit einem preisgünstigen Lowend-Rechner vollkommen abgedeckt. Ob es sich dabei um einen Mac oder einen IBM-kompatiblen handelt, spielt kaum noch eine Rolle. Die Hardware unterscheidet sich im Grunde gar nicht mehr. Auf der Betriebssystem-Seite hat Apple zwar die Nase vorn, dies fällt aber wegen der ständig zunehmenden Bedeutung von Standard-Protokollen und webbasierten Applikationen kaum noch ins Gewicht. Im professionellen Umfeld spielen IBM und Co. die Hauptrolle und Apple wird, nicht zu unrecht, als iPod- und Musikvertreiber belächelt. Mir ist schleierhaft, warum Cupertino nicht mit einem stark verbesserten Gewährleistungs- und Serviceangebot versucht, in diesem Segment zu expandieren, denn hinsichtlich Performance, Stabilität, Skalierbarkeit, Parallelisierung und Virtualisierung brauchen sich die Apfelrechner wahrlich nicht zu verstecken.

Note to self: Mistwetter und schweigende Telefone. Musik: Alkaline Trio, The Cat Empire, Chevelle, Anna Ternheim, Converge.

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