11 Jahre später

Ja, es ist wahr! Nach 11 Jahren gibt es seit heute ein neues Studioalbum von Primus. Unfassbar! Und wie das heutzutage so ist: Man kann sich das gesamte Werk per Webstream zu Gemüte führen. Das habe ich natürlich sofort und ganz besonders intensiv getan.

Wer avantgardistische handgemachte Musik der etwas härteren Gangart schätzt, der muss sich für Primus begeistern. Das Trio von der amerikanischen Westküste brachte 1989 als Debüt eine fulminante Live-EP mit dem Titel „Suck On This“ heraus, die damals heftig an den Grundfesten der etablierten musikalischen Genres rüttelte. Ich kenne einige Leute, die sich ihre Ohren an diesem Tonträger regelrecht wundgehört haben. Primus nennen ihren Stil „psychedelische Polka“, treffender kann man es nicht ausdrücken. Der ungemein perkussive, funkige Bass von Les Claypool und seine merkwürdige Art zu singen (Ein nasales Fisteln) sind absolut einmalig.

In den folgenden Jahren bis 1999 brachte die Band einige höchst beachtenswerte Alben heraus, eins verschrobener und masseninkompatibler als das andere. Stellvertrtetend seien „Frizzle Fry“, „Sailing The Seas Of Cheese“ und „Pork Soda“ genannt. Dann kam noch eine EP im Jahr 2003 und danach war erst mal Schluß. Claypool widmete sich zahlreichen Nebenprojekten, wirkte als Gastmusiker und veröffentlichte schließlich zwei Soloalben, zuletzt „Of Fungi And Foe“.

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Nähern wir uns der neuen Primus-Platte mal behutsam und unvoreingenommen an: Das Cover ist schon mal sehr vielversprechend und erinnert sofort an die zahlreichen quietschbunten und grell wunderbaren Musikvideos, die Primus der Welt hinterlassen haben. Tja, und was zur Hölle ist „Naugahyde“? Es ist die Handelsbezeichnung für einen speziellen Kunststoff, einen Abkömmling des Vinyls, der für Dämmungen und Polsterungen verwendet wird.

Für das neue Album haben Claypool und LaLonde ihren ehemaligen Schlagzeuger Jay Lane zur Mitarbeit überredet. Schade, ich hätte es gerne gesehen, wenn Tim „Herb“ Alexander weiterhin auf die Töpfe gehauen hätte, der zwar weniger bandorientiert spielte, aber sich mit seinen beiden Mitstreitern stets kleine spannende Scharmützel lieferte und gekonnt Kontrapunkte setzte. Ich schätze, dass das Multitalent Alexander, inzwischen nicht nur als Schlagzeuger (A Perfect Circle, Pucifier), sondern auch als Gitarrist, Sänger und Performer (Blue Man Group) unterwegs, sein kreatives Potential lieber woanders einbringt. Da kann man nix machen.

Der erste Eindruck von „Green Naugahyde“ betrifft den Sound des Albums. Man merkt sofort, dass sich in der Zeit seit „Animals Should Not Try to Act Like People“ (2003) in puncto Studiotechnik einiges getan hat. Selbst der qualitativ nicht besonders hochwertige Stream kommt kristallklar und ungeheuer präsent rüber. Claypool verwendet eine Unzahl an Effektgeräten für Stimme und Bass. Dagegen ist die Gitarre durchweg eher schlicht und der Sound des Drumkits sehr naturbelassen, was ich überaus schätze.

Auch die neuen Stücke von Primus sind eigentlich musikalische Miniaturen. Komplizierte Abläufe und Rifffolgen gibt es nicht. Die Grundidee des Songs wird oftmals über die gesamte Spieldauer beibehalten und kaum variiert und diese Grundidee besteht fast immer aus einem formidablen Bassriff mit den charakteristischen Synkopen, mehrstimmigen Abschnitten, kleinen Hochgeschwindigkeitsläufen und punktgenauen Slappings. LaLondes Gitarrenarbeit ist bis auf kurze Ausbrüche sehr zurückhaltend, liefert atmosphärischen Füllstoff und natürlich die typischen, dezenten Offbeats. Und das Schlagzeug? Gefällt mir richtig gut! Lane ist nicht so wuchtig wie Alexander: Weniger Toms, sparsame Basedrum, dafür viel beachtenswerte Kleinarbeit auf Snare und Hihat. Insgesamt spielt er mehr auf den Beats, lässt mehr Platz für die beiden anderen und das trägt entscheidend zum minimalistischen Gesamteindruck des Albums bei. Eher selten gibt es kurze, knackige Soli der Saiteninstrumente, die aber nie angestrengt virtuos, sondern stets lapidar lässig daherkommen. Charakteristisch für die neue Platte sind außerdem collagenhafte Intermezzi und Intros, in denen teigige, schwere Sounds dominieren.

Bleibt der Gesang: Ich kenne viele Leute, die Primus nicht mögen, weil sie Claypools Stimme so furchtbar finden. Richtig ist, dass der Mann nicht besonders gut singen kann. Auf „Green Naugahyde“ werden oft zahlreiche Gesangsspuren simultan verwendet, in denen von dumpfem Brummen, über tonloses Flüstern und gebrochenen nasalen Falsett, bis zu hohem Zischen und Quieken das gesamte Spektrum abgerufen wird. Die Texte sind typisch für Primus, sehr ironisch, sehr abseitig, zuweilen zivilisationskritisch, aber nie bierernst. Und natürlich gibt es mit „Last Salmon Man“ wieder ein Stück, das sich mit Claypools Lieblingshobby auseinandersetzt. Er ist passionierter Angler.

Vorläufiges Resümee: Eine Platte, die sich gewaschen hat. Kein bahnbrechender Neuanfang, kein Stilbruch, eher eine logische Weiterentwicklung gereifter Könner. Mir fehlt so ein bisschen ein richtiger Feger, ein Stück wie „Southbound Pachyderm“, „Hamburger Train“, „Harold Off The Rocks“ oder „Tommy The Cat“. Ansonsten gebe ich dem „Grünen Dämmstoff“ noch ein wenig Zeit zum Wachsen.

Note to self: Teurer werden, fröhlicher werden, entlastet sein. Musik: Primus.

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