Capsule Living

CLAlpine Capsule by Ross Lovecroft, Photo by Dezeen

Würden wir doch alle gerne ab und zu: Alle Brücken hinter uns abbrechen, unsere Ruhe haben, für lange lange Zeit. Und da das Szenario der berühmten einsamen Insel angesichts des steigenden Meeresspiegels, der erklecklichen Zahl der von Kokosnüssen Erschlagenen und den Gefahren überbordender UV-Strahlung gar nicht mehr so paradiesisch erscheint wie einstmals, müssen Alternativen her. Da kommt die Idee des künstlich erschaffenen, möglichst autarken Wohnraums fern aller sozialer Bindungen und Verpflichtungen gerade recht.

Nun hat zwar die selbstgewählte Einsamkeit durchaus ihre Reize, das schreibt einer, der das Alleinsein braucht, wie Grabenkrieger den Schnaps, doch wenn diese „splendid isolation“ länger andauern soll als, sagen wir, ein Wochenende mit vorgeschaltetem Feier- und Brückentag, dann macht man sich über geeignete Begleitung ernsthaft Gedanken. Befragt man Menschen nach den berühmten „drei Dingen“, die sie auf die oben erwähnte Insel mitzunehmen wünschen, dann werden zuallererst Angaben wie „meine Frau“, „meinen Freund“, „meinen Hund“ oder „meine Skatbrüder“ gemacht. Dagegen würden nur die wenigsten ihren Abteilungsleiter, Bundestagsabgeordneten oder den erstbesten Menschen, dem sie auf der Straße begegnen, nennen. Das bedeutet leider, dass die überwiegende Mehrheit der Menschheit in einem grausamen Irrtum befangen ist, denn Vertrautheit und Sympathie sind Ergebnis des gemeinsamen Erlebens und was im Reihenhaus oder in der schnuckeligen Zweiraumwohnung alltäglich zusammengewachsen ist, kann unter Insel- bzw. Kapselbedingungen grandios in die Hose gehen. Zerrüttung und Zerwürfnis drohen, wenn er abends nicht noch mal „schnell auf ein Bier“ und sie nicht „auf einen Klönschnack zu Gabi“ gehen können. Deshalb kann es nicht verwundern, dass zusammengewürfelte Besatzungen gewählt werden, wenn die Kapselidee professionell angegangen wird. Beispiele sind die Biosphäre 2, oder das Projekt Mars 500.

Bleiben wir bei diesem Mars-Experiment, auch wenn das zugrunde liegende Konzept natürlich Banane ist, denn angesichts des ständigen Beobachtens der Marsonauten durch Videokameras wird sich niemals ein echter Kapselkoller ausbilden, wie er beispielsweise in Sartres „Geschlossener Gesellschaft“ heraufbeschworen wird. Zwar gilt immer noch „Die Hölle, das sind die Anderen“, aber die Anderen sind in diesem Fall zunächst mal die Menschen auf der anderen Seite der Kapselwand. Trotzdem kommt natürlich Langeweile auf. Nicht zufällig beginnen so manche Sci-Fi-Klassiker in genau dem Moment, in dem die Protagonisten in Zielnähe aus dem Kälteschlaf erwachen. Denn kein Drehbuch- oder Romanautor kann sich ausmalen, mit welchen Maßnahmen eine Crew auf interplanetarischer Mission vom Durchdrehen durch geistige Verödung abzuhalten wäre.

Der Aufenthalt in der Kapsel ist also nur dann lustig, wenn wir seine Dauer selbst bestimmen können, vielleicht täglich eine knappe Stunde, oder so? Haben wir längst, kennen wir schon, ist unsere erfolgreichste Erfindung. Nennt sich Automobil und ist unser Minimalrefugium, die metallgewordene Illusion von Freiheit, ein chromblitzendes Versprechen vom großen Verschwinden, sind wir darin ists egal wohin.

Note to self: Besser, oder nicht? Eher nicht! Musik: Diablolo Swing Orchestra, Textures, Primus.

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