Rot, bunt, rot, bunt

Als ich das letzte Mal in Sheffield war, wußte ich noch nichts von der Bedeutung dieser Stadt für den Billardsport. Meine Arbeit bestand damals vor allem daraus, Erosionsmessgeräte in die umliegenden Flüsse und Seen zu werfen und dann mit Hilfe lauter Generatoren und Geländewagen die sich ebenfalls dort aufhaltenden Angler zu verärgern und zu vertreiben. In der spärlichen Freizeit genoss man ein „Murphy’s“ oder ging sich die „Owls“ (Sheffield Wednesday) anschauen, wobei man eine Menge über englische Fussballkultur lernen konnte. Das Crucible Theatre, in dem seit 1977 die Weltmeisterschaften im Snooker ausgetragen werden, habe ich leider nicht besucht und könnte mich heute deswegen in den Hintern beißen, denn das „Wimbledon des grünen Tuchs“ wird zur Zeit umgebaut und wohl eine Menge seines unvergleichlichen Flairs verlieren. Keine knarzenden Holzfussböden mehr, keine Zuschauer, die von den Spielern nur eine Armeslänge entfernt sitzen, dafür wahrscheinlich VIP-Lounges und eine Klimaanlage. Schade drum.

Zur Zeit findet also dieses wichtigste Turnier der Saison zum letzten Mal im alten Rahmen statt. Der bisherige Verlauf ist überraschend: Bereits in der ersten Runde schieden einige Exweltmeister und inzwischen auch der amtierende Champion aus. Auch die jungen Chinesen, die in letzter Zeit mit Macht in die Weltspitze drängen, haben sich bislang nicht mit Ruhm bekleckert. Das Crucible hat eben seine eigenen Gesetze, man braucht sich nur die Geschichte von Jimmy White vor Augen zu führen, der mit seinem versoffenen Gesicht und jeder Menge Cue Power sechs mal ins Finale vorstieß, doch nie gewinnen konnte. Die Frage ist folglich: Wer macht diesmal das Rennen? Mein Tipp: Ronnie O’Sullivan!

Man muss ihn nicht mögen, diesen Ausnahmekünstler, der innerhalb eines Breaks beliebig oft von rechts auf links wechselt und Snooker vom anderen Stern spielt. Es fällt schwer, ihm sein arrogantes Genöhle auf Pressekonferenzen oder die Spielaufgabe bei der UK Championship 2006 zu verzeihen, als er Steven Hendry nach nur 5 gespielten Frames am Tisch stehen ließ. Andererseits stehen die 5 schnellsten Maximum Breaks der Snookergeschichte auf seinem Konto. Hier das schnellste:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=WTtZqAnxyxo&hl=de]

Es gibt keinen anderen Spieler auf der Welt, der so etwas auch nur annähernd erreicht hat. „The Rocket“ kann sich wohl auch dieses Jahr nur selbst schlagen, wenn ihm die Nerven durchgehen und wir den anderen Ronnie zu Gesicht bekommen, den der hadert, sich mit dem Publikum anlegt, oder einfach auf den Teppich rotzt. Dann ist er wieder der Gassenjunge aus Birmingham, der bereits wegen Cannabiskonsums vom Verband disqualifiziert wurde und mehrfach seine Depression behandeln lassen musste. Genie und Wahnsinn liegen eben dicht beieinander, auch bei millionenschweren Snooker-Profis.

Note to self: Mini-Maibaum rechtzeitig eingetopft. Musik: Machine Head, Korn, Iron Maiden.

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