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Och, nicht schon wieder eine Plattenkritik? Doch doch, diese hier muss sein. Es geht um das neue Album von Opeth namens „Heritage“, das man sich seit dem 12. dieses Monats als Webstream anhören konnte (inzwischen leider nicht mehr).

Warum mag man Opeth? Vielleicht weil sie den ungewöhnlichsten Deathmetal des Planetens spiel(t)en, meilenweit entfernt von Schweiß, Bier und fliegenden Headbangermatten, auf höchstem musikalischen Niveau, ohne jede machohafte oder martialische Attitüde. Ich kenne keinen, den der Instrumentalpart von „Deliverance“ kalt lässt, es ist einfach atemberaubend gute Musik und das 2008er Album „Watershed“ war eine wirkliche Perle, fernab von allen Klischees des Genres, mit fabelhaften Stücken wie „Porcelain Heart“ oder „Coil“, richtig groß.

Und das neue Werk? Ich will gar nicht herumdrucksen, es ist eine große Enttäuschung für mich. Dabei geht es nicht so sehr darum, dass „Heritage“ überhaupt keinen Metal, geschweige denn Deathmetal enthält. Wesentliche Teile meiner musikalischen Sozialisation bestanden aus dem typischen Progressive Rock und Jazz Rock der 70er und ich kann bis heute eine Menge mit solcher Musik anfangen. Insofern stört es mich nicht, dass die neue Platte bisweilen nach Genesis, King Crimson, Jethro Tull, manchmal sogar nach Pink Floyd klingt. Ich hätte mir einfach gewünscht, dass das Mastermind Mikael Åkerfeldt auf dieser Grundlage einen mutigen Schritt weiter geht und das passiert nicht.

In einem ausführlichen Interview sagt Åkerfeldt unter anderem, dass er selbst beim Hören der Platte den Eindruck hätte, das wäre gar nicht er, der da Gitarre spielt und singt. Das wundert mich überhaupt nicht. Dieses Album ist von vorne bis hinten steril, distanziert, unpersönlich und, man muss es so deutlich sagen, leider ein bisschen beliebig (Im gleichen Interview sagt Mikael, dass er mit Metal im Großen und Ganzen durch ist. Schade Mann, verdammt schade!). Es gab vorher schon einmal ein sehr zurückgenommenes Album von Opeth namens „Damnation“, das einen unwiderstehlichen, mystischen Sog entwickelte und den Hörer auf eine Reise zu wunderbar fremden Orten mitnahm. Genau das gelingt auf „Heritage“ nicht.

Man braucht bei einer Platte von Opeth eigentlich nicht erwähnen, dass die Qualität der Produktion und die Spielkunst der beteiligten Musiker über jeden Zweifel erhaben ist. Die akustischen und elektrischen Gitarren, das akzentuierte und variable Schlagzeug, sogar die Sperenzchen des neuen Keyboarders, all das ist mit viel Liebe zum Detail und gewohnt virtuos eingespielt. Nein, es sind die Songs selbst, zu denen ich überhaupt keinen Zugang finde. Es fehlt nicht an spannenden Kontrasten und herausfordernden Wendungen, es fehlt nicht an den Opeth-typischen seltsam schwebenden Melodien, es mangelt an Herzblut, an Emotionen, das Album ist oberflächlich.

Wir sind hier nicht bei den Amazon- Kundenrezensionen, aber wollen dieses Werk mal nach dem bekannten 1-5 Sterne-Verfahren beurteilen. Einen Stern muss ich für die uninspirierten Ausblendungen von „Marrow of the Earth“ und „Folklore“ abziehen, sie sind für einen begnadeten Songwriter wie Åkerfeldt ein Armutszeugnis. Einen Stern ziehe ich ab für die Querflöte in „Famine“: Zu gezwungen, zu aufgesetzt, furchtbar. Und einen Stern kostet das grottige Cover (ist mir eigentlich nicht so wichtig, aber dieses hier ist so scheußlich, da kann ich nicht anders). Bleiben zwei Sterne für „The Devil`s Orchard“, „I Feel The Dark“ und einige bessere Momente in „The Lines in My Hand“. Zwei Sterne für ein Opeth-Album? Traurig, aber wahr!

Note to self: Zerschlagen und irgendwie bedient. Musik: Opeth.

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