Stößchen Wowi

Es ist schon so: Berlin ist Bundesrepublik en miniature, vielleicht ein bisschen extremer und aufregender, ganz sicher trendiger und frecher. Und sorgloser. Auch wenn die Kohle vorne und hinten nicht reicht, die Mittel, die dem Land Berlin aus dem Länderfinanzausgleich, europäischen Förderprogrammen und den Sonderzuwendungen als Bundeshauptstadt zufließen, sorgen dafür, dass die Lichter nicht ausgehen. Die Abhängigkeit von diesen Geldern führt aber nun gerade nicht zu einem Mangel an Selbstbewusstsein, im Gegenteil. Der Berliner betrachtet den Rest Deutschlands als Provinz, vielleicht sogar zu recht.

Der Laden wird geleitet von einem echten Gutelaunebären. Klaus Wowereit darf angesichts des gestrigen Wahlergebnisses eine weitere Legislaturperiode den Regierenden geben, ob nun mit den Grünen oder den Schwarzen, das wird ihm im Grunde egal sein. Er ist das Gesicht Berlins, dem der Ruf vorauseilt ein Feierbiest mit genetisch verankertem Frohsinn zu sein, auch wenn sein Zweckoptimismus und seine Schnodderigkeit in letzter Zeit etwas gequält wirkten. Zwar wird außerdem gemunkelt, dass Wowereit ein fleißiger Aktenfresser ist, dem in Verwaltungsfragen kaum jemand etwas vormacht, doch fällt dies in der Außenwahrnehmung nicht ins Gewicht.

Was Wowi abgeht, das sind politische Visionen und das weiß er auch, er ist ein wandelnder Sachzwang. Und deshalb steht er auch nicht in der Reihe der wirklich großen Berliner Landeschefs (Reuter, von Weizsäcker, Brandt), sondern eher zusammen mit Momper, Diepgen, Vogel in der Abteilung „Einer muss es ja machen“. Genau deshalb eignet er sich nicht als SPD-Kanzlerkandidat und auch das weiß er nur zu gut.

Den Berlinern wird das egal sein und zwar aus mannigfaltigen Gründen, die Stadt ist in sich eben so zerrissen, wie es die große Bundesrepublik auch ist, das verraten zumindest die Wahlergebnisse in den einzelnen Stadtbezirken: Der Westen wählt schwarze Direktkandidaten, Mitte /Kreuzberg/ Prenzlauer Berg wählt Grün oder Rot, und der Osten entweder SPD oder (Marzahn-Hellersdorf) Die Linke. An Spree und Havel hat man eben ganz unterschiedliche Probleme: In Charlottenburg und Wilmersdorf ist es die Rentenlücke und die „rote Gefahr“ (=brennende Autos), im alternativen Zentrum die Fahrradfreundlichkeit und die politisch korrekte Kinderbetreuung, im Osten reicht das ALG2 nur bis zum 20. des Monats. Daran wird Wowereit nichts ändern können. Sollte er es aber schaffen, dass die S-Bahn in Zukunft pünktlich und so häufig fährt wie früher, dann ist ihm ein Platz im Geschichtsbuch trotzdem sicher. Die wichtigsten Probleme im großen Berlin sind dann doch erstaunlich provinziell.

Note to self: Zu viel Sport. Musik: Bedlam of Cacophony, Necros Christos, Brain Drill.

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