Metallisches im zweiten Halbjahr

Natürlich, natürlich: Die zweite Jahreshälfte ist noch gar nicht ganz durch. Aber erfahrungsgemäß nimmt die Zahl beachtenswerter Neuerscheinungen im Bereich Metal spätestens ab Mitte November drastisch ab (Na gut, die Neue von „Lamb Of God“ ist für den 24.11. angekündigt, da freue ich mich sehr drauf.), von da her ist es nicht zu früh, die wichtigen Releases der Sommer- und Herbstmonate zu besprechen. Hören wir rein:

WITTR

Den Anfang machen diesmal „Wolves In The Throne Room“ mit ihrem Album „Celestial Lineage“. Diese amerikanische Band hat es durch einige sehr feine Langrillen, angefüllt mit atmosphärischem modernen Black Metal, zu erstaunlicher Bekanntheit gebracht. Die Mitglieder leben auf einer Farm im Bundesstaat Washington und beschäftigen sich dort nicht nur mit Musik, sondern auch mit dem ökologischen Anbau von Gemüse. „Celestial Lineage“ soll nach Angaben der Band das letzte Album von WITTR sein, mithin handelt es sich hier um ein musikalisches Vermächtnis. Ein schwer verdauliches Vermächtnis. Die zum Teil überlangen Tracks gehen ganz deutlich in Richtung Drone bzw. Funeral Doom. Angedeutete Kirchenorgeln, esoterische Schlagwerkerei, New Age Synths, allerhand merkwürdige Samples, Schamanen- und Elfengesänge und skurile Akkordfolgen gesellen sich zu ganz schweren Gitarren. Wenn es dann zwischendurch doch mal ein bisschen halbwegs traditionellen Black Metal gibt, dann ist die Abmischung, vor allem der Schlagzeugsound, dermaßen bescheiden, dass man sich mit Grausen abwenden möchte. Ich bin von diesem Album mehr als enttäuscht. WITTR waren mal eine hochinnovative Band, inzwischen sind sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Platte sei all denen ans Herz gelegt, die sich gerne bei Vollmond, gehüllt in alte Flokatis, an Kreuzungen von Feldwegen treffen, um dort makrobiotische Möhrchen zu knabbern. Alle anderen können auf die Scheibe verzichten.

MTH

Wir legen die neue Platte von „Mastodon“ mit dem Titel „The Hunter“ in den CD-Player und fragen uns: Ist das noch Metal? Das haben wir uns schon bei der letzten Veröffentlichung „Crack The Skye“ gefragt. Jenes Album enthielt vor allem Tracks epischer Länge, die völlig verwurschtelt und verkopft waren. Eigentlich mag ich solche Musik ganz gerne, aber „Crack The Skye“ war mir schon eine Spur zu unzugänglich. „The Hunter“ kommt da viel griffiger und weniger sperrig rüber. Stilistisch präsentiert sich das Quartett aus Atlanta ungeheuer variabel und gereift. Stücke wie „Curl The Burl“ oder „Spectrelight“ gehen als harter Stoner Rock durch. Dagegen bieten Kompositionen wie „Creature Lives“ oder „Thikening“ fast klassischen Progressive Rock mit psychedelischen Einsprengseln. Beachtlich finde ich, dass Mastodon es schaffen die sehr unterschiedlichen Stücke des Albums trotzdem mit einem roten Faden zu verweben. Ebenfalls beeindruckend ist, dass die Band auf Grundlage durch und durch klassischer Ansätze sehr innovative und mutige Wege geht. Die Produktion ist transparent und trotzdem schön warm, einfach meisterlich. Mit „The Hunter“ ist den Amerikanern ein echter Meilenstein gelungen, der nicht beim ersten Durchhören zündet, sich dann aber umso nachhaltiger in den Hirnwindungen festfrisst. Und? Ist das noch Metal? Wahrscheinlich nicht, es ist eher das Album, das Kyuss noch gerne aufgenommen hätten, aber es ist hinreißende und wegweisende Musik.

TD

In der Rubrik „Hart, handgemacht und aus Holland“ haben sich „Textures“ aus Tillburg mit ihren Alben still und heimlich Stufe um Stufe ganz nach oben gearbeitet. Spätestens seit „Silhouettes“ aus dem Jahr 2008 sind sie in der „Eredivisie“ angekommen und das neue Werk „Dualism“ untermauert diesen Rang, deshalb veröffentlicht man jetzt auch bei „Nuclear Blast“. Zwar ist die aktuelle Scheibe deutlich melodischer ausgefallen, das liegt vor allem am neuen Vokalisten Daniel de Jongh und seinem sehr ausdrucksstarken Klargesang, doch finden wir alle Stilelemente wieder, die die Musik von „Textures“ bislang auszeichnete: Viel Polyrhythmik, eher komplizierte Songstrukturen, songdienliche Gitarrenarbeit und das sehr eigenständige, verspielte Schlagzeug von Stef Broks. Auch der neue Keyboarder leistet Überzeugendes und sorgt für Akzente und füllende Untermalungen in den ohnehin sehr ausgefeilten Arrangements. „Textures“ finden immer wieder das richtige Maß von Frickeligkeit einerseits und balladesker Eingängigkeit andererseits. Für mich ist das genau die richtige Musik zum Bahnfahren, Spazierengehen und Tagträumen. Das einzige Manko der aktuellen Platte ist die etwas teigige, flache Produktion, bei der die Rhythmusgruppe insgesamt zu weit vorne ist. Sonst ein sehr schönes, solides Album mit einigen echten Ohrwürmern („Consonant Hemispheres“, „Reaching Home“). Weiter so!

SF

Was muss man über Sólstafir wissen? Naja, sie starteten mit klassischem Viking Metal, nicht unbedingt mein bevorzugtes Genre, und haben sich inzwischen mit einer sehr eigenständigen Mischung von Post Rock, Doom und Psychedelic Rock einen Namen gemacht. Das Album „Köld“ wurde von vielen Metalheads als epochaler Tonträger gefeiert. Ich konnte ehrlich gesagt nicht so furchtbar viel damit anfangen. Hören wir mal rein in die Neue namens „Svartir Sandar“ (Schwarzer Sand). Gesungen wird konsequent auf Isländisch, denn Sólstafir kommen aus Reykjavik. Entsprechend handeln die Stücke von viel zu kalten und viel zu dunklen Wintern. Und da wir schon beim Gesang sind: Ich werde mich nie an diese heiser-hysterische, gepresste Pseudofalsettstimme gewöhnen können. Zwar wird dem Hörer durch die gequälte Vokalperformance sehr eindrücklich klar gemacht, dass es ganz furchtbar sein muss in Island zu leben, aber diese Tristesse kann man auch anders verarbeiten. Die kompositorischen Möglichkeiten von „Sólstafir“ sind, um es mal vorsichtig zu formulieren, sehr sehr eingeschränkt. Die Melodien und Akkordfolgen sind abgegriffen und simpel, die Arrangements minimalistisch und ausdrucksschwach. Die technischen Fertigkeiten der Instrumentalisten liegen teils, man muss das so hart ausdrücken, auf dem Niveau einer unterdurchschnittlichen Schülerband. Mir ist völlig unbegreiflich, wie man um diese Kapelle und ihre Werke einen solchen Kult veranstalten kann.

MHL

Nun noch eine Platte zum äußerst versöhnlichen Abschluss: Bereits die letzte Veröffentlichung von „Machine Head“ namens „The Blackening“ war eine Wucht und knüpfte an die großen Zeiten dieser begnadeten Thrash Metaller an. Das Quartett aus Oakland hat mit „Unto The Locust“ nochmal einen draufgelegt. Das Album ist bei mir in Dauerrotation und vor allem das Stück „Darkness Within“ hat sich als absoluter Burner entpuppt. Einerseits ist „Unto The Locust“ ein klassisches Thrash Album, das sich unumwunden zu den hardrockigen und punkigen Wurzeln bekennt, immerhin enthält die Extended Version ein Cover des Judas Priest Stücks „The Sentinel“. Andererseits ist eine konsequente Weiterentwicklung des Stils von „Machine Head“ ablesbar und außerdem hat Robert Flynn angeblich inzwischen Gesangsunterricht genommen. Manche behaupten „Unto The Locust“ sei ein Progressive Metal Album. So weit es die Gitarrenarbeit anbelangt, kommt das hin. Auch das Schlagzeug enthält durchaus Elemente, die weniger an Thrash und Groove angelehnt sind, sondern eine lautmalerische Funktion übernehmen. Was mich aber vor allem anderen überzeugt, ist die Tatsache, dass sich einige Beispiele für wirklich gekonntes Songwriting auf der Platte befinden. Genannt seien das Titelstück „Locust“, „Pearls Before The Swine“, „This Is The End“ und natürlich das bereits erwähnte „Darkness Within“, das sich auch in einer sehr schönen und schlichten Akustikversion auf der Platte findet. Leichte Abzüge gibt es für die Metalhymne „Who We Are“, die geht mir zu sehr Richtung Manowar. Aber sonst ein prima Album meine Herren.

Bevor ich jetzt anfange über gänzlich abseitige Alben zu schreiben, wie beispielsweise die neuen Werke von „Lantlôs“, „Farsot“, „Necros Christos“ oder die schöne neue Platte von „Thrice“ mache ich den Laden zu.

Note to self: Madame voll der Gnaden. Was für ein merkwürdiger Film ist das? Musik: All of the above.

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