Ägypten?

Na klar, angesichts des wirklich bescheidenen Wetters hier im Westzipfel möchte man im Urlaub sein, es also den Genossen und Genossinnen gleich tun, die zurzeit in Berlin, Südfrankreich, Spanien und St. Petersburg weilen. Abgesehen von den aktuellen politischen Wirren spricht nichts gegen Ägypten, oder? Ein netter Strand am roten Meer, ein bisschen schnorcheln, Getränke mit Schirmchen, ah ja.

Abgesehen davon ist Ägypten natürlich das Land, in dem langhaarige Menschen vor voll aufgedrehten Verstärkern mit enormer Geschwindigkeit und erbarmungsloser Härte ihre Saiten und Felle bearbeiten, so dass dem Hörer die Trommelfelle nur so schlackern. Wie? Was? Ist doch klar: Es gibt ein neues Album von „Nile“ namens „At the Gate of Sethu“.

NL

Eigentlich kommen Nile nicht aus dem geschichtsträchtigen Pyramidenland, sondern aus South Carolina. Und eigentlich hätte man die Bandmitglieder im alten Ägypten wahrscheinlich ganz flott enthauptet, oder zumindest in Ketten gelegt, wenn Pharao und Co. dem infernalischen, gotteslästerlichen Lärm ausgesetzt worden wären, den die Mannen um Karl Sanders produzieren. Natürlich handelt es sich um ganz besonders feinen technischen Death Metal, aber eben gewürzt mit einer Prise orientalischer bzw. arabesker Harmonie und Perkussion. Man wähnt sich in einer Sekunde auf einem Basar oder sieht sich als Akteur in einem Sandalenmovie und bekommt einen Moment später mit elementarer Wucht und in höchster Geschwindigkeit den Hintern versohlt. Wieder einen Moment später folgt ein schleppender, schwerer Part, der von dem typischen DM-Grunzen getragen wird. Die Texte, die man natürlich nicht verstehen kann, handeln von Altägyptischen Mythen und Sagen, meist höchst okkulter Kram. All diese Komponenten fügen sich zu einer ganz merkwürdigen Melange und genau die macht Nile so einzigartig.

Drei Jahre nach „Those Whom the Gods Detest“ legt das Quartett aus den Staaten einen wahren Prachtschinken vor, der mich viel mehr überzeugt als die letzten beiden Alben. „At the Gate of Sethu“ bietet gegenüber diesen Scheiben zwei wesentliche Veränderungen: Da wäre zunächst mal der Gesang, der nun nicht mehr nur aus tiefen gutturalen Grunzlauten, sondern auch aus aggressivem, hellerem Schreien und sogar getragenem Klargesang besteht. Das gefällt mir persönlich auch deswegen besser, weil das tiefe Growling inzwischen inflationär von so ziemlich jeder DM-Combo des Planetens verwendet wird und sich allmählich ein bisschen abnutzt. Die zweite Veränderung betrifft den Gitarrensound. Beim ersten Anhören des Albums dachte ich zuerst: „Merkwürdige Abmischung“, der Gesamtsound wirkte irgendwie ein wenig kraftlos. Inzwischen gefällt mir aber der höhenbetonte, transparente Klang fast besser als das brachiale Grollen auf den letzten Platten. So bleibt mehr Platz für die feinen Frickeleien und technischen Kabinettstückchen, die Nile in Perfektion beherrschen. Es gibt nicht viele Bands, die an das Riffing der Orientalometaller herankommen. Ansonsten bietet die Scheibe viel Abwechslung, schräge Rhythmik, aber auch glattes Blasting mit einer fast schon unmenschlichen Präzision, die begeistert. Überhaupt, das Schlagzeug: Zu George Kollias muss man eigentlich nichts mehr schreiben. Aber auf dem neuen Album zeigt er eindrucksvoll, dass er nicht nur so ziemlich die schnellsten Füße der Welt hat, sondern inzwischen auch verdammt variabel ist und gerne mal auf Schellen, Rasseln und andere Spielzeuge aus dem Perkussions-Vorratskasten eindrischt.

Manche Metalheads finden „At the Gate of Sethu“ zu verbastelt und zu kopfig. Das geht mir ganz anders. Im Gegenteil ist das genau die Platte, die ich mir von Nile gewünscht habe. Klasse!

Note to self: Liste wird kürzer, geb mir Mühe, mögen Surfer auch keckern. Musik: Nile.

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