Shin A Lam

Im Degen-Halbfinale der Frauen stehen sich Britta Heidemann und eine Südkoreanerin gegenüber. Es ist der dritte Wettkampftag der Olympischen Spiele von London und die deutsche Mannschaft hat bislang keine einzige Medaille errungen. Das Gefecht nimmt nur sehr langsam Fahrt auf. Heidemann hat in den vorausgegangenen Runden taktiert wie ein Champion: abgezockt, cool, mit eisernen Nerven.

Shin A Lam, so heißt die Gegnerin, ist viel kleiner als die Deutsche, hat entsprechend eine viel geringere Reichweite und ist extrem defensiv eingestellt. Nach den regulären 3 x 3 Minuten geht es bei einem Stand von 5 zu 5 Treffern in die Verlängerung von 1min. Per Losentscheid wird der Koreanerin der finale Vorteil zugesprochen, bei Punktgleichheit wäre sie nach Ablauf der Zeit die Gewinnerin. In den folgenden 59 Sekunden werden zahlreiche Doppeltreffer erzielt. Dann beginnt die letzte Sekunde des Gefechts. In dieser Sekunde werden zwei weitere Doppeltreffer erzielt, eigentlich müsste die Zeit lange vorbei sein, die Uhr in der Bildschirmanzeige steht auch auf Null, aber trotzdem wird das Gefecht noch einmal aufgenommen, die Uhr um eine Sekunde zurückgestellt. In dieser zweiten letzten Sekunde erzielt Heidemann den entscheidenden Treffer.

Shin A Lam versteht die Welt nicht mehr, ihr Trainer versteht die Welt nicht mehr. Die Zeitnehmer, Schiedsrichter, technischen Delegierten diskutieren. Sie diskutieren lange. Beide Fechterinnen stehen da. Minutenlang. Dann fällt die Entscheidung. Der letzte Treffer war regulär, Heidemann hat gewonnen, geht zu der verdutzten Gegnerin hinüber, schüttelt ihr die Hand und verlässt die Halle. Shin A Lam verlässt die Halle nicht.

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Später am Abend verliert Heidemann das Finale. Shin A Lam verliert ihr Gefecht um Bronze, nachdem sie eine Stunde lang auf der Planche gesessen hat, bis der Protest der Koreaner abschlägig beschieden wurde. Deutschland hat Silber. In Gedanken bin ich bei einer kleinen Frau, die noch nicht zu Ende gefochten hatte.

Note to self: Angst. Sinnlos. Musik: keine, Glotze.

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