Die Apfelmänner

AM

Der Himmel über Vossenack ist grau und es regnet aus ihm heraus, mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger. Man erwartet jederzeit, dass sich fette feuchte Flocken einmischen und allmählich die Oberhand gewinnen könnten. Es ist eben kein Tag im Spätherbst, an dem bunte Blätter im Sonnenlicht sich von Ästen lösen und vom Wind zum Tanz aufgefordert werden. Das Laub liegt schwer und nass. Nichts raschelt. Und in diesem Nichts erklingt das leise Lied der beginnenden Humifizierung.

Die Apfelmänner trotzen allen Widrigkeiten. Sie tragen wattierte Jacken und Westen. Verstrubbelte angegraute Haare und stoppelige Bärte umrahmen die geröteten Gesichter. Durchnässte wollene Mützen, Schals und Fäustlinge werden aufgeboten. Derbes Schuhwerk und beschlagene Nickelbrillen runden das Bild ab. Bodenständigkeit einerseits, Streuobst-Aktivismus andererseits. Hier kann man lernen, was es heißt, den Kretschmann zu machen.

An vorderster Front kämpfen die Elitetruppen, eingepackt in signalfarbene Regenschutzkleidung, Gummihandschuhe bis zu den Ellenbogen. Man kann nur erahnen, wie die Fruchtsäure den Ledernacken zusetzt. Saftspritzer und Fruchtschnitzel bedecken Brust und Oberschenkel. Bis zu den Knöcheln stehen sie im Apfelhäcksel. Bei höheren Temperaturen würde sich der Planwagen mit der Presse in ein gärendes, stinkendes Fanal verwandeln. Mit sparsamen Bewegungen und knappen, bellenden Zurufen wird das getan, was getan werden muss: Bütten, Körbe, Säcke und Kartons werden entleert. Dann nimmt das Schnetzelwerk mit unbarmherzigem Brummen und Rattern seine Arbeit auf. Vom freundlich rundlichen Fallobst zum entseelten rotbraun oxidierten Presskuchen in wenigen Minuten. Hier werden keine Gefangenen gemacht.

Auf der Saftseite schießt die Flüssigkeit durch durchsichtige Plastikschläuche, wird erhitzt und schließlich schäumend in Beutel abgefüllt. Dann kommt der Stöpsel drauf. Diesen Job macht ein hagerer, stummer Bursche mit wettergegerbtem Gesicht. Die Verfrachtung der Beutel in ihre Kartonhülle erledigt dagegen ein seltsam geschlechtsloses, ständig kicherndes und schwätzendes Pummelchen in dunkelgrauem Ganzkörperkondom. „Pat und Patachon“ denke ich mir, dann bin ich der Reihe.

Unser Saft wird in große Plastikeimer abgefüllt, deshalb muss der schweigende Pat den Prozess unterbrechen: Der Durchlauferhitzer wird abgeklemmt und der Schlauch mit dem Rohsaft direkt in den Kübel gehängt. Diese Pause nutzt Patachon, um einen gewaltigen Kuchenteller zu organisieren und sich in die Backen zu stecken. Insgesamt 80 Liter werden aus ca. 150 Kilogramm Äpfeln herausgequetscht, verladen, ganz vorsichtig durchs Kalltal gefahren, portionsweise auf 75°C erhitzt und in über 120 Flaschen abgefüllt. Und auch wenn meine Hose nur ein paar Saftspritzer abbekommen hat, die heiße Flüssigkeit nur über Hände und Unterarme geflossen ist: An diesem Tag bin auch ich ein Apfelmann, wenigstens ein ganz kleines bisschen.

Note to self: Zwei, ein Anfang ist gemacht. Musik: Circa Survive, Black September, Converge.

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