Jakobs Insomnia

Jeder, der regelmäßig Computer benutzt, hat seinem Rechner schon mal mehr oder weniger zitierfähige Bemerkungen zugeraunt. Das geht los mit einem leicht genervten „Lass gehn Baby“, findet seine Fortsetzung mit „Nicht schon wieder Schatz“ und kann mit einem deftigen „Ich hasse dich“ enden. Und so mancher User hat dann schon mit physischer Gewalt auf ein vermeintliches Fehlverhalten seines binären Gegenübers reagiert, jedenfalls wurden einige spektakuläre Fälle von Computerzerstörungen auf Youtube dokumentiert. Umgekehrt habe ich schon oft gesehen, dass Benutzer ihre Rechenknechte zärtlich streicheln (Desktopsysteme), oder herzlich an sich drücken (Mobilgeräte), wenn eine Aufgabe bestimmungsgemäß erledigt wurde, oder der zuvor defekte Kasten wieder tut, was er soll.

Warum tun wir das? Warum erfährt eine seelenlose Maschine Zuschreibungen, die eigentlich Lebewesen vorbehalten sind? Dafür gibt es aus meiner Sicht mehrere Gründe: Erstens sind wir inzwischen von Computern abhängig, unser Alltag funktioniert ohne nicht mehr. Wenn man einem Ding ausgeliefert ist, muss es eine Quasi-Person werden, sonst gerät unser Weltbild ins Wanken. Weitere Beispiele dafür sind Autos, Mobiltelefone, Navigationsgeräte und -hm- Bankautomaten. Zweitens ist die eigentliche Funktionsweise von Computern auf der mikroelektronischen Ebene so komplex (nicht kompliziert), dass 95% der Weltbevölkerung sie nicht versteht, deshalb umweht den Rechner etwas mythisches, metaphysisches. Und in dieser Überhöhung wird die Maschine zum mindestens gleichwertigen Gegenüber. Und drittens machen wir immer wieder die Erfahrung, dass das eigentlich deterministische System PC sich einfach nicht deterministisch verhält: Während das Laptop zu Hause einen Text in MS-Word ordentlich formatiert zeigt und entsprechend ausdruckt, bringt der Tower auf der Arbeit nur einen wüsten Zeichensalat zustande. Was an Arbeitsplatz 1 bestimmungsgemäß funktioniert, wird an Arbeitsplatz 2 mit einem Bluescreen quittiert. Also müssten Computer individuelle Persönlichkeiten sein, mit denen man reden kann, die bespaßt und gehätschelt werden wollen.

Zum eigentlichen Thema dieses Beitrags: Vor ein paar Tagen habe ich meinem „Budgetosh“ namens Jakob das aktuelle Betriebssystem „Mountain Lion“ verpasst. Jakob ist eine potthässliche Maschine, die ich aus alten Gebrauchtteilen zusammengekloppt habe. Er ist ein Nicht-Produktivsystem, will sagen, er ist mein Werkstattrechner, in dem ich Hardwarekomponenten auf ihre Funktionsfähigkeit teste und auf dem ich Testinstallationen durchführe. Dafür taugt er allemal. Die Migration von 10.7 auf 10.8 war mit einigem Kopfzerbrechen verbunden und ein längerer Prozess, den ich hier nicht beschreiben will. Schließlich rannte der Berglöwe aber zufriedenstellend, ich klonte die fertige Installation auf die dafür vorgesehene Festplatte, schraubte die Kiste zu und machte einen Haken hinter das Projekt.

Vorletzte Nacht wachte ich durstig auf, erhob mich und latschte Richtung Küchenecke, um mir ein Glas Wasser einzufüllen. Jakobs große runde blaue LED leuchtete mich an. „Na Bärchen, kannste nicht schlafen?“ frug ich ihn. Und als hätte es nur dieses sanften Zuspruchs bedurft, fuhr die Festplatte runter, das Licht verlosch und alles war still. Ich wunderte mich. Gestern dann kam ich vom Außeneinsatz zurück und das Bild war das gleiche, diesmal signalisierte eine weitere LED sogar Schreib/Lesevorgänge auf einer der Festplatten. Ich seufzte leise, setzte mich zu ihm und alsbald gab Jakob ein leises Murmeln von sich und ging in den Ruhezustand.

Jakobs neue Sensibilität beunruhigt mich, bislang hatte er alles, was ich mit ihm angestellt habe, mit Gutmütigkeit ertragen. Pubertät? Dafür ist er eigentlich schon zu alt. Wechseljahre? Wohl kaum, Jakob ist durch und durch männlich. Midlifecrisis? Könnte sein. Wahrscheinlich hat aber einfach irgendeine Zutat des neuen Betriebssystems Verdauungsstörungen verursacht. Oder er fühlt sich zurückgesetzt, weil er mitbekommen hat, dass inzwischen einige sehr viel schönere und schnellere Konkurrenten die Szene bevölkern. Der arme Jakob! Vorläufig habe ich ihn vom lokalen Netzwerk getrennt, damit keine ominösen Datenpakete seinen Schlaf stören können. Der Bluetooth-Dongle wurde entfernt, damit der Beige nicht Opfer von Paarungsversuchen von Nachbars neuem Handy wird. Schlaf Jakob, schlaf, dein Admin ist ein Schaf…

Note to self: TMO und Blut. Vorschau aufs Bitterste? Musik: Randy Crawford, Jamie Cullum, The National.

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