In den See, in den See…

…mit einem Gewicht an den Füßen. Jeder Leser, der „Asterix Bei den Schweizern“ gelesen hat, weiß was gemeint ist. Zwar habe ich tatsächlich in der Silvesternacht ein Fleischstückchen im Fondue verloren, aber in diesem Beitrag geht es um die Nordeifel, nicht um die Eidgenossenschaft. Es geht um NIMBYs, nicht um Schamaninen. Es geht um Bürgerbewegte und Bedenkenträger.

Frei von der Leber weg: Ich bin ein Befürworter des geplanten Pumpspeicherwerks am Rursee und habe die Entwicklung dieses Projekts in den vergangenen Monaten ziemlich intensiv verfolgt. In der jüngsten Zeit ist die Ablehnung des PSWs immer lauter und schriller geworden. Die Gemeinderäte Heimbachs und Nideggens haben das Vorhaben abgelehnt und natürlich hat die oben verlinkte Bürgerinitiative auch kräftig Stimmung gemacht. Ich will mal auf ein paar Kritikpunkte möglichst sachlich eingehen und vorausschicken, dass ich, zumindest was die ökologischen und gewässermorphologischen Aspekte der Angelegenheit betrifft, nicht so ganz unbeleckt bin:

Das PSW wird langfristig nicht benötigt bzw. gar nicht benötigt
Diese Ansicht hat mich am meisten gewundert. Noch mehr hat mich der Verweis auf entsprechende Studien gewundert, die das angeblich belegen sollen. Eine flotte Recherche und Durchsicht von einschlägigen Gutachten von Dena und Fraunhofer ISE erbrachte nämlich ganz andere Ergebnisse. Dort wird von einem vorsichtigen Ausbau der Kapazität von PSWs ausgegangen, auch mit Hinweis auf die Akzeptanzprobleme dieser Technologie. Der Dena-Bericht führt ganz deutlich aus, dass keine andere großtechnische Speicherlösung derzeit überhaupt verfügbar ist. Die Rurseeretter-Bürgerinitiative befürwortet kleinteilige Speicher, die aber noch entwickelt werden müssen. Power-to-Gas, Druckluftspeicher und chemische Speicher sind in der Diskussion, trotzdem bleibt die Pumpspeichertechnologie als etabliertes Verfahren ein elementar wichtiger Bestandteil eines zukunftsweisenden Energiekonzeptes. Extrem geärgert habe ich mich über die Beispielrechnung auf der Seite der Rurseeretter, die nachweisen soll, dass man gar nicht genug PSWs bauen kann, um die Energiewende in Deutschland zu ermöglichen. Es sollte mittlerweile common sense sein, dass eine möglichst bunte Mischung von Energieträgern und Infrastruktur die Zukunft ist. Keiner will 365 PSWs in Deutschland bauen, aber ein paar mehr als jetzt werden wir brauchen.

Die großen Energieversorger ziehen sich aus der Pumpspeichertechnologie zurück, bestehende Anlagen werden wenig genutzt
Das stimmt sogar, aber warum ist das so? Grund ist nicht die nicht bestehende Erfordernis von Stromspeichern, die werden dringender benötigt als je zuvor, sondern der zu erzielende Ertrag. In der Vergangenheit war es so, dass in einem PSW nachts mit billigem Strom gepumpt und zu Zeiten mit Spitzenbedarf abgelassen wurde – ein sehr gutes Geschäft. Zurzeit es ist aber so, dass das Stromangebot tagsüber größer ist als nachts (Solarstrom), Stromüberschüsse treten vor allem dann auf, wenn große Windernten und die hohe Abgabemenge kaum regelbarer, großer Kohlekraftwerke zusammentreffen. Der Preis für Windstrom hat aber mit dem Preis an der Leipziger Strombörse wenig zu tun, das liegt an der gesetzlich garantierten Einspeisevergütung. Der Betreiber eines PSWs müsste also mit teurerem Strom pumpen und das möchte er nicht. Übrigens: Was mich unglaublich ärgert ist, dass die Kritiker ständig behaupten, der Pumpspeicher sei ein Stromverbraucher. Natürlich wird nur ein Teil der eingesetzten Energie zurückgewonnen, etwa 80%. Man sehe sich den Wirkungsgrad anderer Stromspeicher, zum Beispiel handelsüblicher Akkus an und halte dann den Mund.

Tourismus, Angler und Wassersportler werden unter den Schwankungen im Wasserspiegel leiden
Tja, die Touristen. Die werden ja angeblich auch von Windkrafträdern abgestoßen. Auch sonstige wasserwirtschaftliche Eingriffe im Talsperrenverbund der Nordeifel sind wahrscheinlich nachteilig. Eins sollte aber klar sein: Bei den Talsperren hat der WVER das Sagen und wenn der beschließt, dass Heimbach, Obermaubach oder die Urfttalsperre mal zur Gänze entleert werden müssen, dann machen die das einfach. Da ist dann auch nix mehr mit Angeln oder Segeln. Die Änderung der Wassersspiegelhöhe in einer Talsperre gehören zu ihrer Bewirtschaftung. Punkt.

Eingriffe in die Natur bzw. den Nationalpark
Wenn man einen Pumpspeicher mit anderen großtechnischen Anlagen vergleicht, dann wird man kaum eine Einrichtung finden, die sich nach dem Bau harmonischer in die Landschaft integriert. Im Endeffekt wird eine etwas abgeplattete und unbewaldete Hügelkuppe übrig bleiben, nämlich das Oberbecken. Die Maschinen verschwinden in der Kaverne, der Ein/Auslass soll auf der Sohle des Rursees angelegt werden. Ein Zugang zum Betriebstunnel, viel mehr wird vom PSW nicht zu sehen sein. Bleibt der Verlust eines zurzeit zumindest teilweise bewaldeten Hügels, joh da ist dann Wasser.

Der Rursee wird durch Aufwirbelung des Schlamms ein trübes, stinkendes Gewässer
Das ist eines der Probleme, die von Trianel mit Hilfe eines externen Gutachtens geklärt werden sollen, dessen Lektüre ich übrigens allen Kritikern des Projekts ganz dringend empfehlen würde. Aus dieser Untersuchung geht deutlich hervor, dass es schon zu einer Sedimentumlagerung in den frühen Betriebsphasen kommen wird. Spätestens nach einigen Monaten im Regelbetrieb werden aber keine wesentlichen Erosionserscheinungen mehr auftreten. Angesichts der im Rursee vorherrschenden Korngrößenverteilung und Zusammensetzung der Sohle lässt sich dies mit großer Sicherheit prognostizieren.

Gesundheitliche Risiken durch die 380KV-Erdleitung
Nun ja. Eine oberirdische Zuleitung zum Einspeisepunkt will natürlich niemand, also bleibt nur die ca. 13km lange Erdleitung übrig. Und auch wenn man mit einem Erdkabel dieser Kapazität und Länge bislang keine Erfahrung hat, wie die Rurseeretter anführen, bin ich davon überzeugt, dass diese Probleme beherrschbar sein werden, sie müssen beherrschbar sein, wenn wir in Deutschland so etwas wie eine Energiewende schaffen wollen. Am meisten ärgert mich, dass an dieser Stelle wieder die elektromagnetische Sau durchs Dorf getrieben wird. Sind jetzt alle Heimbacher elektro-sensibel geworden?

Beeinträchtigungen während der Bauphase durch LKW-Verkehr, See-Teilentleerung etc.
Keine Frage, diese Beeinträchtigungen wird es geben und sie werden angesichts der Größe der Baustelle erheblich sein. Und jetzt mal zum Kern meiner Kritik an den selbsternannten Seerettern: Wenn zum Zeitpunkt der Errichtung der Rurtalsperre eine solche Not-In-My-Backyard-Mentalität vorgeherrscht hätte wie heute, dann gäbe es keine einzige Talsperre in der Nordeifel. Der See, der gerettet werden soll, wäre nicht vorhanden. Im Grunde zeigt sich an dieser Stelle, dass Bauvorhaben einer gewissen Größenordnung in der Bundesrepublik kaum noch zu realisieren sind, das wird sich in Zukunft noch ganz bitter rächen. Aus meiner Sicht hat Trianel von vorne herein versucht, möglichst umfassend zu informieren und größtmögliche Transparenz herzustellen. Beispielsweise hat man zugegeben, dass im PSW voraussichtlich Strom aus dem eigenen konventionellen Kraftwerkspark gespeichert werden wird (warum das mittelfristig so sein muss, wurde oben begründet). Auch die Trassierung der Zuleitung hat man in Absprachen mit den Anlieger-Gemeinden abgeändert. Die Gespräche mit dem Wasserverband laufen wohl noch bzw. stehen noch aus und deren Ergebnis wird hoffentlich zu einer Versachlichung der Diskussion führen.

Jedes Projekt hat Vor- und Nachteile, natürlich ist das auch beim PSW an der Rurtalsperre der Fall. Wenn man aber einen solchen marktschreierischen, polemischen Popanz veranstaltet, wie die Bürgerinitiative auf ihrer Webseite, dann wird man zwar wahr- aber langfristig nicht ernstgenommen. Ich sehe die Chancen für die Realisierung des Projekts inzwischen als dürftig an und bedauere das sehr. Deutschland wird zum Land der Wutbürger, nur ist Wut ein verdammt schlechter Ratgeber.

Note to self: Läuft doch, ab jetzt leichter. Musik: Till Brönner, Emiliana Torrini, Fink.

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