Perspektive bodenlos

MH Foto: Ansgar Spiertz, groundhopping.de

Mal ehrlich: Muss man nicht schon ein kleines bisschen masochistisch veranlagt sein, um sich ein Auswärtsspiel der Alemannia in der zweiten Runde des FVM-Pokals (Fußball-Verband-Mittelrhein, jaja es wird finster) anzuschauen, im so genannten Flughafenstadion (s.o.) in der Merheimer Heide, östlich von Deutz, fast schon im Bergischen? Antwort: Muss man natürlich nicht, aber dieser Besuch eröffnet einen schonungslosen Ausblick auf die sportliche Zukunft des TSV: Keine VIP-Lounges und kein Parkhaus, dafür ist das Stadiönchen von Wald umgeben und alle stehen/sitzen auf den langen Seiten des Spielfelds. Genau solche Spielstätten wird man bei Auswärtsspielen demnächst wohl öfter erleben, oder sogar Schlimmeres. Da raunt der eine Fan dem anderen zu: „Weißte noch, Pokal gegen Viktoria, da gabs noch ne Bratwurstbude.“

Sonnig und windstill ist es, da kann man es auch bei Minusgraden gut aushalten, auch wenn das Spiel alles andere als erwärmend ist: Der Viertligist steht kompakt und kontert bisweilen gefährlich. Die Aachener spielen ungenau nach vorne, sind hinten im Hühnerhaufen-Modus und mehr mit sich selbst als mit dem Gegner beschäftigt. Immerhin geht man zwischendurch mal für eine Minute in Führung. Den Gegenzug mit dem Ausgleich für die Kölner sehe ich zum Glück wegen menschlicher Bedürfnisse nicht. Unentschieden nach 90 Minuten, ein alkoholfreies Kölsch (so ziemlich das erbärmlichste Getränk meines Lebens), torlose Verlängerung (jetzt doch etwas kalte Füße), Sieg im Elfmeterschießen. Hurra.

MH2 Foto: Ansgar Spiertz, groundhopping.de

Und die Randnotizen: Alemannia gegen Viktoria, das ist ein so genanntes „Risikospiel“ (deshalb Alkoholverbot im Stadion), so viel Bereitschaftspolizei auf einem Haufen habe ich selten gesehen. Man sah den Wald vor lauter Beamten nicht. Liegt auch daran, dass die Alemannenfans inzwischen als absolute Radaubrüder gelten. Offenbar nicht zu unrecht, denn nach dem Spiel sah man Figuren, die bäuchlings und mit Kabelbindern gefesselt auf dem Waldboden lagen. Und natürlich gabs wieder und zum letzten Mal (s.u.) Radau zwischen der Karlsbande und der ACU. Ich frage mich, ob die Chaoten jemals zur Vernunft kommen werden. Was man so liest, hat die ACU sich gestern aufgelöst. Dann haben die Faschisten also gewonnen. Als es gestern zwischen den Blöcken zur Sache ging, hörte man von der Haupttribüne aus dem Viktoria-Block „Nazis raus“, der Ruf der Alemannia ist offenbar bereits völlig ruiniert, wir sind jetzt ein Nazi-Club, danke Karlsbande, danke Fanbeauftragte, danke Vereinsführung. Tja Viktoria, du hast es besser: Keine braunen Fans, einen Hauptsponsor, ein bezahltes „Stadion“ und eine sportliche Perspektive in der vierten Liga. Wir haben uns immerhin im Pokal eine Runde weiter gezittert und spielen vielleicht in der nächsten Runde gegen die Tus Homburg-Brültal (kein Scherz, bittere Realität). Berlin, Berlin, wir marschieren nach Berlin.

Note to self: Der Akku, das Akku, mein Schatz. Musik: Adele, Joanna Newsom, Flyleaf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.