Türme des Schweigens

Die ewig gleiche Geschichte: Auf der einen Seite der Kunde, unbedarft und unschuldig, an das Gute glaubend und mit einem in seinen Augen harmlosen Begehr. Auf der anderen Seite der Kundenhotline der Call-Center-Sklave, unterbezahlt, ausgebeutet und getreten, beständig konfrontiert mit nervigen, unkundigen Kunden. Klaro, das ist einfach eine Lose-Lose-Situation, Missverständnisse sind vorprogrammiert. Also dann man los:

Aufgabe war die Kündigung eines Vertrags über den Bezug von Strom bei einem Discount-Anbieter. Wohlgemerkt: Kein Umzug, denn die Wohnung mit der in Frage stehenden Verbrauchsstelle wurde aufgelöst. Die näheren Umstände will ich nicht schildern, sondern nur so viel verraten, dass der Anbieter bei dem hier gegebenen Kündigungsgrund in Abweichung von der monatlichen Kündigungsfrist eine rückwirkende Kündigung mit einer Frist von 5 Wochen einräumt. Dies erfuhr ich bei einem kurzen Gespräch mit der Kundenhotline des Versorgers, die bei diesem Erstkontakt einen freundlichen und sehr kompetenten Eindruck machte. Ich hätte gewarnt sein müssen. Gekündigt werden sollte zum 31.12. und zwar am 31.12 (also 4 Wochen rückwirkend und damit fristgerecht).

Ich verfasste ein Kündigungsschreiben, scannte die erforderlichen Unterlagen ein, druckte den ganzen Kram aus und schickte ihn per Post als Standardbrief nach Süddeutschland. Es passierte – nichts. Gar nichts. Also rief ich bei der Hotline an. Die diesmal nicht ganz so kompetent wirkende Mitarbeiterin, konnte mir immerhin nach fünf Minuten Sucherei „im System“ (ich liebe dieses Wort) mitteilen, dass eine Kündigung nicht vorläge. Ich fragte, was nun zu tun sein, sie darauf: „Faxen Sie uns noch mal die ganzen Unterlagen, dann wird das heute noch bearbeitet.“ Ich tat wie mir geheißen, bastelte ein schönes PDF, faxte es mit Hilfe eines ganz alten Mac mini (unter Verwendung des eingebauten Fax-Modems, eine detaillierte Beschreibung der erforderlichen Umstellungen in meinem Heimnetz unterbleibt, da sie den Rahmen sprengen würde) und wartete. Es passierte – nichts. Gar nichts. Also kam es zum dritten Kontakt mit dem telefonischen Kundendienst, diesmal mit erschwerter Ausgangslage, da der Durchmesser meines Halses sich inzwischen bereits leicht vergrößert hatte. „Wir haben kein Fax erhalten“ ward mir flötend beschieden. „Doch, haben Sie“ knurrte ich zurück „Ich habe hier einen Sendebericht mit dem Status „Zugestellt“ und die Nummer stimmt.“ „Dann schicken Sie uns bitte nochmal alles per E-Mail“ flötete es weiter, ich brummelte etwas nicht Zitierfähiges, beendete das Gespräch und machte die E-Mail fertig.

Heute nun kam ein Schreiben des Versorgers an, mit dem die „Änderung Ihres Anschlusses“ bestätigt wurde. Noch zu erledigen sei die Übermittlung des Zählerstandes und die Angabe der neuen Bezugsadresse nach dem Umzug. (Au Möööhr!) Beides sei entweder schriftlich d.h. postalisch oder auf einer Service-Webseite möglich. Also flott den URL aufgerufen, Kundennummer eingegeben, Zählernummer eingegeben, Zählerstand eingegeben. Ab dafür!

„Derzeit ist keine Erfassung möglich, da kein offener Ableseauftrag für Ihre Zählernummer vorliegt. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an unsere Service-Hotline.“

Das wäre ja auch zu einfach gewesen. Am anderen Ende der Telefonleitung meldete sich ein freundlicher Herr, nennen wir ihn Herr Sommer. Ich trug routiniert und ausführlich mein Sprüchlein vor, nicht ohne den einen oder anderen resigniert-ironischen Seitenhieb, und las die Meldung der Internetseite vor. „Klar“ meinte Herr Sommer „den Zähler gibt es nicht mehr für die Software, da der Anschluss ja bereits gekündigt ist.“ Ich spürte ein heftiges Pochen in der Schläfengegend und frug, ob er nicht den Zählerstand direkt „ins System“ eintragen könne. „Kann ich, kein Problem. Kundennummer? Zählernummer? Zählerstand? Anschluss-Partnernummer?“ „Hab ich nicht“ „Oh, das ist schlecht, aber die krieg ich raus, dann brauche ich nur noch die neue Adresse.“ Zugegeben, in diesem Moment implodierte irgendwas in mir.

TDS

Ich fühlte mich wie ein scheintoter Zoroastrier, der in einem Dakhmah aufwacht, nachdem er gerade zwecks Entfleischung den Geiern vorgelegt worden ist und nun vergeblich versucht dieser äußerst unkomfortablen Situation zu entkommen. „Herr Sommer, es gibt keine neue Adresse“ „Die brauche ich aber.“ „Die Wohnung ist aufgelöst, wir brauchen nur eine Abschlussrechnung.“ „Moment, ich sehe gerade, dass im letzten Jahr fast kein Strom verbraucht worden ist, das kann ja nicht sein.“ „Doch das kommt hin, die Wohnung wurde im letzten Jahr saniert und nur Strom für Elektrowerkzeuge und ein bisschen Beleuchtung verbraucht.“

Schweigen auf der anderen Seite. Die Sonne verbrannte meine blasse Haut, mit lautlosem Flügelschlag ließ sich ein Aasfresser nach dem anderen nieder und musterte mich eingehend. Nach endlosen Sekunden „Na gut, dann brauche ich die Bankverbindung für die Rückerstattung.“ Das furchtbare Bild verpuffte, von Indien zurück in den Westzipfel in wenigen Hundertsteln. Glücklich stammelte ich die benötigten Daten hervor, bedankte mich überschwänglich, wünschte einen guten Tag, legte auf und stieß einen Triumphschrei hervor, der sicher in der ganzen Nachbarschaft zu hören war.

Note to self: …and a world of slow decay. Musik: Chimp Spanner, Cryptopsy, Nepomuk, Cursed.

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