Der Englische Patient

Da hat er jetzt aber mal sauber auf den Tisch gehauen, der David Cameron und den kontinentalen Europäern den Marsch geblasen. In seiner heutigen Ansprache zur EU und zum Verbleib Großbritanniens in derselben hat der englische Premier, man muss es so deutlich sagen, an die dunkelsten Momente im Verhältnis zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Rest des Kontinents angeknüpft, genau: An die Tage von Margaret-„I-want-my money-back“-Thatcher. Dem Rest dieses Artikels will ich vorausschicken, dass ich absoluter GB-Fan bin und auch bleiben werde, nur damit mir keiner chauvinistische Beißreflexe unterstellt.

Die britische Abneigung gegen alles Europäische ist eine uralte Geschichte. Sie entstammt letztendlich der „Splendid Isolation“-Denke des neunzehnten Jahrhunderts, als das Empire die Welt umspannte und man tatsächlich auf Kooperation mit anderen Europäischen Mächten nicht angewiesen war. Mit dem Verlust der Kolonien wurde ein nationales Trauma begründet, dessen übelsten Ausflüsse sich in Form von Atom-U-Booten, Commonwealth-Games und eben auch in der trotzigen Ablehnung der EU manifestieren, so weit, so bekannt. Wie ist Camerons heutige Rede vor diesem Hintergrund einzuordnen?

Einerseits präsentiert der PM seine Argumentation in entwaffnender Offenheit, wenn er von seinem Volk als einem nach Unabhängigkeit strebenden Inselvolk spricht, das sich stets frage, wie es selbst von Europa profitieren könne, ohne Rücksicht auf die anderen Mitglieder zu nehmen. Würde die Bundeskanzlerin derartiges äußern, würden sich ihre Sympathiewerte hierzulande sofort in himmlische Sphären katapultieren, wähnen sich die Deutschen doch als Zahlmeister (in Wirklichkeit sind das übrigens die Italiener, nur nebenbei bemerkt) und permanent Untergebutterte (das sind in Wirklichkeit die Ostländer) der EU. Zu Camerons Popularität dürfte außerdem beitragen, dass er sein Volk über den Verbleib in der EU abstimmen lassen will. Das klingt natürlich sehr verlockend und bei uns mehren sich die Stimmen, die das Gleiche für Deutschland fordern. An dieser Stelle sei daran erinnert, wie die Abstimmung zur Europäischen Verfassung zum Beispiel in den Niederlanden ausgegangen ist, einem Land, das wie kaum ein anderes vom Europäischen Einigungsprozess profitiert hat. Solidarität und das langsame, komplizierte Weben an supranationalen Strukturen sind Dinge, die kaum popularisierbar sind.

Tiefgreifende Reformen hat David Cameron angemahnt (das wirkt im Zusammenhang mit dem für 2017 (!) angekündigten Referendum natürlich wie die Pistole auf der Europäischen Brust, nicht wahr), schaut man sich dann aber die Kritikpunkte an, kann einem teilweise der Kragen platzen. Richtig ist, dass die EU schlanker und transparenter werden muss. Ebenfalls richtig ist, dass bei der Einführung des Euro heftige Fehler gemacht worden sind, deren Folgen jetzt vor allem die abgehängten Südländer ausbaden müssen. Aber das Land des Herrn Cameron ist Mit-Verursacher der Fiskalkrise der letzten Jahre. Großbritannien ist ein de-industrialisiertes Spekulantenparadies und die City of London das übelste Furunkel am Hintern des Casino-Kapitalsimus. Das Vereinigte Königreich hat inzwischen bei öffentlicher und privater Verschuldung ein Niveau erreicht, das man nur als skandalös bezeichnen kann. Und schließlich hat GB sich in der Vergangenheit immer wieder gegen dringend erforderliche Reformen auf nationaler und Europäischer Ebene gesträubt, sie verschleppt oder ausgesessen.

Tatsächlich kann die EU viel besser auf die Briten verzichten, als die Insulaner auf den Restkontinent, aber so konfrontativ braucht man die Sache ja nicht anzugehen. Das weiss der Herr Cameron eigentlich auch ganz genau, um so schlimmer, dass er sich heute dazu hinreißen ließ seinen antieuropäischen Parteifreunden nach dem Mund zu reden.

Note to self: 20 Tage, das Schlimmste ist geschafft. Musik: Jamie Cullum, Jarabe De Palo.

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