Ganz für uns

Ich kann mich an zahlreiche Vermählungsfeiern in unserer Familie erinnern: Die kleinsten, gerade gehfähig gewordenen Mitglieder streuten Blumen, opulente Kuchenbuffets luden zur Buttercremeschlacht ein, der Braut- oder Bräutigamsvater zog mit einer Flasche „Braunem“ und Zigaretten (!) durch den Festsaal und lud vor allem die männlichen Gäste zum Trinken und Rauchen ein, Alleinunterhalter spielten auf ihren Bontempiorgeln zum Tanz auf und mein Opa mütterlicherseits rief sein donnerndes „Prost Obertisch!“ bzw. „Was feiern wir heute?“ quer durch den Raum, worauf die ganze Festgesellschaft mit einem nicht minder donnernden „Hochzeit!“ antwortete.

Die Zeiten ändern sich: Vor ein paar Wochen erhielt ich eine Karte, mit der ein ehemals enger Freund den Vollzug der Eheschließung bekannt gab, der in einer Kapelle im schottischen Hochland stattgefunden hatte, die, das ergab eine Internetrecherche, für derlei Rituale aus mir nicht einleuchtenden Gründen wohl besonders gern genutzt wird. Die persönliche Note der Benachrichtigung beschränkte sich auf den mit der Hand beschrifteten Briefumschlag. Wenigstens war aber auf der Karte die sekundengenaue geographische Position des Kirchleins angegeben (Hoch- und Rechtswert hätten mich auch nicht überrascht). Die eigentliche Information war in dem verballhornten Slogan einer weltweit tätigen Sportartikelfirma untergebracht und las sich als „Just did it.“. Ob die Eltern des Brautpaars oder ein paar (aktuell) enge Freunde der Zeremonie beiwohnten, ist mir nicht bekannt. Naja.

Dass diese „neue Sachlichkeit“ noch gesteigert werden und sich auch auf den engsten Familienkreis erstrecken kann, beweist eine email, die mich soeben erreichte. Ein weiterer ehemaliger enger Freund (doch, ich sollte mir Sorgen machen) informierte mich auf digitalem Wege mit dem knappen Betreff „Hochzeit“ darüber, dass er ebenfalls in den Hafen der Ehe gefunden hat. Man habe die Trauung „Ganz für sich“ begangen. Immerhin gab es ein Foto des Brautpaars nebst Blumenstrauß und Nachwuchs (der seine Eltern beizeiten wegen der Auswahl der Vornamen wahrscheinlich steinigen wird). Da der Absender den (für mich unverzeihlichen) Fauxpas begangen hatte, sämtliche Empfänger der elektronischen Post in die Adresszeile einzutragen, anstatt die segensreiche Funktion „Blindkopie“ zu verwenden, ist mir bekannt, dass auch der Vater des Bräutigams, sowie ein älterer Bruder auf diesem Wege über die Änderung des Familienstandes aufgeklärt wurde. Spitze!

Wer mich ein bisschen kennt, wird sich jetzt wohl ein knappes „Maul Alter!“ rausquetschen. Und richtig, ich verstehe von diesen Dingen nichts und habe keinerlei Idee, wie ich ein solches Fest begehen würde. Mir scheint nur, dass das gesellschaftliche Phänomen, das Soziologen mit dem Begriff „Cocooning“ beschreiben, mittlerweile extreme und bedrohliche Ausmaße angenommen hat.

Note to self: Eine Bundestagskommission beschäftigt sich mit Ü-Eiern. Siehe, das Ende ist nah. Musik: Meshuggah, Neutral Milk Hotel, Mucky Pup, Biffy Clyro, Mother Tongue.

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