Die dritte Halbzeit

Wenn die Augustsonne den S-Block in goldenes Licht taucht und die Schattenkante der Sparkassentribüne mit den Spielminuten durch den Anstoßkreis wandert, dann ist Freitagsspiel auf dem Tivoli. Da die DFL die Anstoßzeiten geändert und den Spielbeginn auf 18 Uhr vorgezogen hat, kommen wir zwar in den Genuss der ungewohnten Lichtverhältnisse, sehen uns aber einem fast leeren Gästeblock gegenüber, denn man müsste spätestens gegen 14 Uhr in Wiesbaden losfahren, um pünktlich vor Ort zu sein. Anscheinend planen die Fußballmacher nur mehr für die Premiere-Abonnenten, die Interessen der echten Fans, die ins Stadion gehen, werden wieder einmal mit Füßen getreten. Fußball-Mafia DFB war gestern. Fußball-Mafia DFL ist heute.

Die Stimmung auf dem Würselener Wall ist trotzdem prächtig, alle sind froh, dass es wieder los geht. Seeberger lässt mit Auer und Szukula die wichtigsten Neuzugänge auflaufen und in der 6. Minute zappelt der Ball bereits zum ersten mal im Netz der Wehener. Doch nach der Führung geht den Kartoffelkäfern der Spielfluss verloren. Ein unglaublicher Stellungsfehler in der Abwehr beschert den Gästen den Ausgleich. Es ist immer das gleiche: Sobald die Alemannia führt, schaltet die Mannschaft in den Schongang. Bei einer 2 Tore Führung würden sie sich sicher alle hinsetzen. Weil Szukala aber einen sehenswerten Kopfstoß im Kasten unterbringt, Stucki einen guten Tag hat und überragend hält und Wehen zwar gut im Mittelfeld aber schwach bei den Standards ist, gelingt der erste Heimsieg der Saison.

Inzwischen hat sich das Abpfiffbierchen in der Cabane schon fast zum festen Ritual entwickelt. Mit dem Mann meiner Lieblings-Ex sitze ich an einem gewaltigen Eichenstumpf. Manchmal haben wir uns nicht viel zu sagen. Diesmal ist das anders. Es tut gut, mitzukriegen, wie auf beiden Seiten die Mauern fallen. Während aus dem Stadtpark die Klänge einer Open Air-Opernveranstaltung herüberklingen und die Dunkelheit sich über den Ungarnplatz senkt, stellt sich eine neue Vertrautheit ein. Was schon lange hätte gesagt werden müssen, darf endlich heraus. Als wir aufbrechen, ist es tiefe Nacht. Während ich durch die von tanzwütigen Teenagern überquellende Blondelstraße gehe, schaut man mich komisch an. Anscheinend ist da ein merkwürdiges Grinsen in meinem Gesicht. Es hat sich etwas geändert und das macht Mut.

Note to self: Zeit für die Allianz, Charly for President. Musik: Carcass, Dimmu Borgir, The Dillinger Escape Plan.

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