Die Grenzen der Schwärze

Dem Blogger ist norwegisch zumute. Liegt es am diffusen Regengrau des Himmels, an der jetzt spürbar abnehmenden Tageslänge, daran, dass mich ein böser Troll heute sehr früh morgens erst mit einem Kärcher weckte und dann mit lautem Vorschlaggehämmer aus dem Bett trieb, ich weiß es nicht. Jedenfalls scheint es der richtige Tag zu sein, um wieder einmal norwegische Musik der härteren Gangart aufzulegen. Wenn ich das tue, dann beschleicht mich mitunter ein ungutes, an Schuldbewusstsein grenzendes Gefühl, das einer umfassenden hermeneutischen Aufarbeitung bedarf, deren Essenz hiermit auszugsweise veröffentlicht wird.

Über meine Vorliebe für fast jede Art von Heavy Metal habe ich bereits in einem früheren Beitrag berichtet. Zwar bevorzuge ich progressiven, technisch anspruchsvollen Metal, wie er beispielsweise von Lamb of God, Meshuggah, Opeth oder Pantera gespielt wird, doch bin ich auch primitivem Geknüppel von Zeit zu Zeit keineswegs abgeneigt. Folglich kann ich mir an manchen Tagen (s. oben) gut die eine oder andere Black Metal-Scheibe geben und damit fangen dann meine Schwierigkeiten an.

Black Metal ist in jeder Hinsicht extreme Musik. Das ist völlig unproblematisch. Was gefällt, das gefällt. Jedoch ist es zweifellos so, dass Black Metal in viel stärkerem Maße als die anderen Schwermetalsubgenres nicht nur mit einer ganz eigenen Ästhetik, sondern auch mit zweifelhaften ideologischen Inhalten verbunden und das Sendungsbewusstsein der Musiker besonders heftig ausgeprägt ist und unbestreitbar oftmals religiöse Züge annimmt. Neben harmlosen (Immortal) und weniger harmlosen (Marduk) Satanisten, Christenhassern (Mayhem), Anhängern des Neuheidentums (Bathory), intellektuell bewanderten und trotzdem prügelnden Misanthropen (Gorgoroth) und Neogermanen (Menhir) gibt es durchaus auch Sozialdarwinisten, NS-Verherrlicher und ähnliche Schwachköpfe. Kleinster gemeinsamer Nenner der BM-Ideologie (wenn es so etwas denn gibt) ist die Betonung des Individuums, die Ablehnung von Schwäche, Nachsicht und Nächstenliebe, meist gepaart mit einer ausgeprägten Heimat- und Naturverbundenheit. Zweifellos ein Cocktail mit vielen unguten Bestandteilen. Natürlich versteht man meistens zum Glück nicht, was da ins Mikro gebrüllt wird, doch leider lassen es manche Vertreter mit dem Singen und der kalkulierten Provokation abstoßender Bühnenrituale nicht bewenden. Gegen einige Schwarzmetaller wurde wegen einer ganzen Reihe von Kapitalverbrechen ermittelt, manche wurden zu mehr oder weniger langen Haftstrafen verurteilt. Das Spektrum umfasst illegalen Waffenbesitz, Friedhofsschändungen und Kirchenbrandstiftungen bis hin zu schwerer Körperverletzung und gemeinschaftlich begangenem Mord. Mag das Schreien von hirnrissigen Parolen schon schlimm genug sein, bei solchen Delikten hört der Spaß endgültig auf.

Der Anhängerschaft wird häufig zugute gehalten, dass sie im wesentlichen unpolitisch und harmlos sei und die martialische Aufmachung mit Corpse Paint, Nieten, Stacheln und Kunstblut Ausdruck eines satanischen Karnevals ist. Nun gut, man kann den Fans nicht in die Köpfe schauen, das ist vielleicht auch besser so, jedenfalls ist es meiner Meinung nach mit einem „Ich mag halt die Musik“ an dieser Stelle nicht getan. Natürlich wissen wir auch nicht, was die Größen des Mainstreams in ihrem Innersten so umtreibt und ob nicht so mancher internationale Star in Wahrheit fiesen Weltanschauungen anhängt, trotzdem möchte ich mir nicht die Musik von Leuten anhören, bei denen man Menschenverachtung und faschistoiden Schwachsinn nicht nur zwischen den Zeilen sondern plakativ in jedem Interview nachlesen kann.

Also: Wo ist die Grenze? Bis zu welchem Punkt kann ich die Einstellung der Protagonisten noch mit einem Schulterzucken oder nachsichtigen Kopfschütteln hinnehmen? Das ist eben verdammt schwer festzulegen. Ich habe meine persönliche Trennlinie gezogen, sie mag für den einen oder anderen nicht nachvollziehbar sein. Bands wie Burzum, Mayhem, Graveland kommen mir nicht ins CD-Laufwerk, das gilt erst recht für die Vertreter des NSBM, deren Namen ich hier nicht nennen will.

Note to self: Morgen Stromlosigkeit, Rechnerpark runterfahren! Musik: Gorgoroth, Immortal, Dir En Grey, Isis.

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