Cui bono?

Gestern flatterte mir eine Email ins Postfach, die auf diesen Artikel aus dem Online-Angebot der Welt hinwies. Die Nachricht stammte von einem Freund, den ich trotz oder gerade wegen seiner wertkonservativen Überzeugungen und seines ausgeprägten Interesses an den politischen Fragen unserer Zeit sehr schätze. Diskussionen mit ihm sind stets lebhaft, natürlich mitunter extrem kontrovers und geben mir daher die Gelegenheit zur Neu- oder Rejustage des eigenen Meinungskompass. Dabei schaffen wir es, immer sachlich und respektvoll miteinander umzugehen, so dass am Ende des Diskurses einem freundlichen gemeinsamen Heben der Gläser nichts im Wege steht.

Gleichwohl ging mir nach der Lektüre des oben verlinkten Artikels der Hut hoch. Ich überlegte noch kurz, während ich bereits meine Replik mit wütenden Anschlägen in die Tasten drosch, ob der Absender gezielt provoziert hatte und ich gerade dabei war „übers Stöckchen zu springen“, wie man das im Usenet-Jargon nennt. Egal, eine Reaktion durfte in diesem Fall nicht unterbleiben und sie las sich in etwa so:

Zwei Dinge sind mir im Geschichtsunterricht dankenswerterweise von einem knochentrockenen Pauker, der am Ende des zweiten Weltkriegs als Hitlerjunge zu den letzten Verteidigern von Kornelimünster gehörte, eingebläut worden: Erstens sollte man sich bei jedem vorliegenden Text genau anschauen, welchen Hintergrund der Verfasser hat. Zweitens ist vordringlich die Frage „Cui bono?“ (Wem nützt es?) zu beantworten, wobei die Antwort sich meistens zwischen den Zeilen befindet. Schauen wir uns also das Machwerk „Dulden wir die Islamisierung Europas?“ von Udo Ulfkotte unter Berücksichtigung dieser beiden Punkte genauer an:

Ulfkotte ist nun wahrlich kein unbeschriebenes Blatt. Im Grunde macht er da weiter, wo Hendryk M. Broder aus naheliegenden Gründen aufhört. Ulfkotte unterscheidet nicht zwischen Islamismus- und Islamkritik. Er beschwört Szenarien herauf, die dem Untergang des christlichen Abendlandes gleichkommen. Dabei setzt er auf fadenscheinige Argumente, deren Wahrheitsgehalt oftmals nicht überprüfbar ist, beispielsweise bezieht er sich auf Publikumsäußerungen, die ihm bei seiner Vortragstätigkeit zugetragen worden sein sollen. Wenn er vorgibt, mit harten Fakten zu arbeiten, dann entpuppen sich diese oft genug als Halbwahrheiten und dreiste Lügen (Das ist übrigens auch in dem verlinkten Artikel mehrfach der Fall.). Seine Sprache entspricht dem Jargon, der auf unsäglichen Webseiten wie dieser hier verwendet wird. Man sollte mit dem Begriff „Rechtspopulist“ vorsichtig umgehen, zur Charakterisierung von Ulfkottes Agitation bietet er sich aber geradezu an.

Viel interessanter ist aber die Frage, was Ulfkotte mit seinem Geschmiere beabsichtigt. Einerseits ist er bemüht eine Stimmung der Angst und des Misstrauens zu schaffen, eine Stimmung die jederzeit in Straßenkampf und Gewaltexzesse münden kann. Er bedient genau die Ressentiments, die in unserer Gesellschaft bereits unterschwellig vorhanden sind und anscheinend zur Ausstattung des „anständigen Deutschen“ gehören. Damit nimmt Ulfkotte billigend in Kauf, dass sich Forderungen Bahn brechen, die mit den im Grundgesetz verbrieften Bürgerrechten und unseren Vorstellungen vom demokratischen Rechtsstaat nichts mehr gemein haben. Aber er ist nicht nur ein Brandstifter, er spaltet die Gesellschaft, denn durch die von ihm betriebene Scharfmacherei erweckt er den Eindruck, es gebe nur schwarz und weiß und keinen Platz für die dazwischen liegenden Graustufen. Natürlich hütet er sich davor, konkrete Handlungsstrategien gegen die von ihm ausgemachten Missstände anzugeben. Würde er das tun, hätte er nämlich binnen kurzer Frist den Verfassungsschutz auf der Matte. Das wäre nur aus einem einzigen Grund zu bedauern: Die Beamten hätten tatsächlich weniger Zeit, sich um die wirklich gefährlichen Islamisten zu kümmern, deren bedrohliches Tun ich ganz bestimmt nicht kleinreden will.

Note to self: Ich will fließendes warmes Wasser! Jetzt! Musik: Wolfmother, Werle & Stankowski, Serj Tankian, Ron Carter, Puscifer

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