Mutation und Selektion

Die Unvernunft siegte. Eigentlich hätte ich gestern, das heißt eigentlich heute, frühmorgens, schleunigst das Bett aufsuchen sollen, dann blieb ich allerdings beim Zappen auf ZDF doku hängen, wo ein Beitrag über die angeblichen Gefahren invasiver Neobiota gezeigt wurde. Man sah Nandus über die Wiesen Mecklenburg-Vorpommerns staksen, Enoks durchs Unterholz streifen und schließlich einen Bericht über einen Leishmaniose-Fall in Aachen, der auf die Übertragung durch Sandmücken zurückgehen soll. Dann wurde ein Projekt vorgestellt, das bei mir heftiges Kopfkratzen hervorrief:

Die Insel „Frégate“ liegt im indischen Ozean und gehört zu den Seychellen. Das Eiland ist nur sehr dünn besiedelt, insbesondere befindet sich dort ein exklusiver Hotelkomplex (eher einige Villen im Kolonialstil, umgeben von tropischem Wald), der von Leuten mit dem entsprechenden Kleingeld zur Erholung angemietet werden kann. Die Seychellen zeichneten sich vor der Besiedlung durch den Menschen durch eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt aus, wobei viele Spezies Endemiten waren bzw. sind. Als der weiße Mann dann seine Haustiere (Katzen, Ratten) und Nutzpflanzen einschleppte, gerieten die angestammten Arten ins Hintertreffen. Auf „Frégate“ ist nun ein Trupp von einem Dutzend Angestellten mit nichts anderem beschäftigt, als die eingewanderten Tier- und Pflanzenarten zurückzudrängen und möglichst auszurotten.

Nun wird der geneigte Leser sich denken: „Ist doch OK. Was hat er denn jetzt wieder zu stänkern?“ Ganz einfach: Die dort betriebene Art von Naturschutz nimmt bisweilen bizarre Formen an: So werden für einige sehr seltene Vögel eigens Asseln zusammengesucht, um sie den Flattermännern an etablierten Futterplätzen zu servieren. Das Ergebnis sieht aus wie eine Zirkusnummer. Frisch geschlüpfte Schildkrötenkinder werden am Strand ausgebuddelt, um sie vor Krabben zu schützen, die ja ihre natürlichen Feinde sind. Als eine Rattenplage die Inselwelt bedrohte, wurden abertausende Tiere ausgeflogen, dann mit Hubschraubern Giftköder ausgestreut, die toten Nager eingesammelt und die gewünschten Bewohner wieder zurückverfrachtet. Mal abgesehen von den astronomischen Kosten, die wohl nur ein Insel- und Extrembonzen-Clubbesitzer aufbringen kann, frage ich mich ernsthaft, worin der tiefere Sinn solcher Aktionen bestehen soll. Das Ergebnis kann doch nur ein Zustand sein, der einem zoologischen Garten gleicht und damit genauso „natürlich“ ist wie die Kulturlandschaft „Lüneburger Heide“, die ohne den Eingriff des Menschen und seiner Schnucken schon längst wieder ein lichter Kiefernwald wäre.

Solchen Bemühungen liegt der fundamentale Irrtum zugrunde, „Natur“ sei ein statischer Zustand, der von uns einstmals vorgefunden wurde, und sich nicht verändern dürfe. Dabei liegt auf der Hand, dass das Gegenteil richtig ist. Mehr als 99% aller Tier- und Pflanzenarten, die jemals den Planeten bevölkerten, sind ausgestorben. Zwar wirkt der moderne Mensch durch seine Mobilität als Beschleuniger, er schafft neue ökologische Nischen und erhöht massiv das, was der Evolutionsbiologe als Selektionsdruck bezeichnet, doch sind dies alles eben auch natürliche Prozesse, denn wir sind Teil der Tierwelt, nicht deren Herren sondern langfristig ein weiteres Opfer von Mutation und Selektion, auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen.

Note to self: Thusneldas Schwestern: Jetzt sind es schon vier! Musik: Rollins Band, Sans Secours, Rory Gallagher, Rickie Lee Jones.

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