Hase, Igel und Sauigel

Das Internet gibt es umsonst, also gratis. Das ist natürlich Augenwischerei. Abgesehen von den Gebühren an den Provider bezahle ich auch noch mit einer völlig ausgehöhlten informationellen Selbstbestimmung, weil vielleicht sogar irgendein Schlapphütchen in Amiland mein Surfverhalten auswertet und zusätzlich ein Softwareroboter diesen Blog liest und nach Querverbindungen mit Terroristen sucht. Aber vor allem konsumiere ich beim täglichen Surf natürlich eine Menge Werbung, theoretisch jedenfalls. Der Werbemarkt Internet ist längst zu einem bestimmenden globalen Wirtschaftsfaktor geworden. Ob Apple Ads oder Google Ads, ob Banner und Sponsored Links, manchmal könnte man meinen, dass das Internet einem feuchten Traum irgendeines Marketingfuzzies entsprungen wäre.

Die eine Seite der Medaille ist, dass die Anbieter von Inhalten im Netz sich natürlich irgendwie finanzieren müssen. Egal, ob Online-Spiegel, oder Frau Rebens-Büderstädt, die in einem Blog die 1000 besten Rezepte für saure Nierchen veröffentlicht, die Erstellung der Seiten kostet Zeit und Geld. Also lebt man damit, dass neben den eigentlichen Inhalten bunte, klickbare Bildchen angezeigt werden. So habe ich es über viele Jahre gehalten. Es gab sogar Seiten, wie den OnlineTV-Rekorder, bei dem man eine bestimmte Anzahl von Bannern klicken musste, um das Angebot weiter gratis nutzen zu können. Selbst das habe ich eine Zeit lang getan, als es noch kein DVB-T in Aachen gab und ich mich deshalb mit 3 Fernsehprogrammen bescheiden musste. Also, im Grunde kann man mit Werbung leben.

In letzter Zeit begannen mich manche Neueinfälle der Werbemacher dann aber doch mächtig zu nerven: Die Annoncen flackerten immer heftiger, aggressive Animationen buhlen um die Aufmerksamkeit. Selbst bei seriösen Anbietern wurden im Hintergrund Fenster mit mehr oder weniger dubiosen Inhalten geöffnet. Beim Spiegel gab es plötzlich Zwangsklicks bei der Weiterleitung zu Artikeln, die Aachener Nachrichten beglückten mit vertonten Filmen, die wie von Geisterhand abgespielt wurden, wenn die Maus sie berührte (nicht klickte). Die Süddeutsche brachte die Hauptwerbung nicht mehr am Rand der Seite, sondern sozusagen als Überschrift der redaktionellen Inhalte. Irgendwann hatte ich den Kanal voll, ich installierte einen Adblocker.

War ich vorher nur Hase im Hase-und-Igel-Spiel, mutierte ich jetzt zum Sauigel. Werbung wurde bei mir nicht mehr angezeigt, sie wurde nicht mal mehr aus dem Netz runtergeladen. Man schätzt, dass durch die Blockade von Werbung weltweit mehrere Großkraftwerke eingespart werden, super gell? Die Webseiten erschienen flotter auf dem Bildschirm, es flackerte nix, es tönte nix, es wurde nix spontan abgespielt. Paradiesisch, wie? Vor ein paar Wochen passierte dann das hier beim morgendlichen Besuch von SPON:

SPON

Also, sollte ich mein Sauigel-Dasein aufgeben? Ich deaktivierte den Blocker für die armen Spiegelredakteure und harrte der Dinge, die da kommen sollten: Beim Neuaufbau der Seite erschien links ein blinkender animierter Hund, der über den Bildschirmrand lief, am Folgetag fuhr das neue Modell eines völkischen Autoherstellers über die Seite und am dritten Tag schob sich ein Bankbediensteter im feinen Zwirn von rechts nach links, wobei fortwährend virtuelle Schilder und Plaketten eingeblendet wurden. Am vierten Tag schaltete ich den Blocker wieder ein. Offensichtlich haben SPON und ich ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was nervige Werbung ist. Bei allem Verständnis für eure Bedürfnisse Spiegelaner: Ich werde mir keinen Augenkrebs anlachen, um euch am Kacken zu halten, da müsst ihr schon noch eine Spur dezenter werden.

Ende des vergangen Monats schließlich gab es ganz neue Gesichtspunkte im Grabenkrieg zwischen Hasen, Igeln und Sauigeln: Sascha Pallenberg, der zahlreiche werbefinanzierte Angebote im Netz unterhält, veröffentlichte eine Abrechnung mit der „Werbemafia“ von Adblockplus. Stark verkürzte Zusammenfassung: Durch die so genannte Whitelist, in der Werbung eingetragen wird, die trotz eingeschaltetem Blocker angezeigt wird, versucht eine in Köln ansässige Firma den internationalen Werbemarkt aufzumischen und kräftig mitzuverdienen. Besagte Firma ließ dies nicht auf sich sitzen und veröffentlichte ihrerseits eine Stellungnahme, die nahelegte, dass der persönlich sicher stark betroffene Herr Pallenberg einen sachlich nicht ganz korrekten Privatfeldzug gegen ABP unternommen hatte.

Es mag sich jeder selbst ein Bild machen und in sich gehen. Ich habe mich inzwischen dazu durchgerungen ein temporär säuischer Hase zu sein: In meinem Standardbrowser Safari nutze ich einen Adblocker (nicht Adblockplus) nur abseits der 10-12 Standardseiten, die ich jeden Tage besuche, allerdings mit Ausnahmen: Wenn mich eine Werbung auf SPON, sueddeutsche, AN, Mac Tech News wirklich ärgert (und der Ärger kann sowohl mit der Aufmachung der Werbung, als auch mit dem beworbenen Produkt zu tun haben), dann schalte ich den Blocker mal wieder für ein paar Tage ein. Ich hoffe, dass ich so der Marketingabteilung mittelfristig mitteilen kann, wo bei mir die Grenze ist. Wenn alle Nutzer sich diese Mühe machten, bekämen wir in kürzester Frist ein Internet, in dem Werbung möglicherweise wirklich als nützliche, zumindest aber erträgliche Konsumenteninformation durchgehen würde.

Note to self: Flink, flink, ein paar Schritte nur. Musik: Kylesa, Joshua Radin, Gama Bomb, Kadavar.

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