Dunkelbunt

Man muss schon merkwürdig drauf sein, wenn man an einem sonnigen Sonntagmorgen im Juli beim zweiten Kaffee beginnt, einen Artikel über modernen Black Metal zu schreiben. Ich weiß, dass dieses Thema bei „Just Skidding“ vergleichsweise oft vorkommt und muss deshalb annehmen, dass mein diesbezüglicher missionarischer Eifer inzwischen pathologisch geworden ist. Der Anlass für diesen Artikel sind ein paar neue Platten, auf die ich ein paar Abschnitte später noch zu sprechen kommen werde. Vorab ein bisschen was Grundsätzliches, denn ohne kommt Black Metal nicht aus, es handelt sich eben um radikale Musik. Also: In der Vergangenheit hatten die Anhänger der schwarzmetallischen Subkultur vor allem ein Problem:

BM1Foto: Peter Beste

Genau: Man wollte im Bus nicht unbedingt neben ihnen sitzen. Auch die typischen Freizeitbeschäftigungen des harten BM-Kerns, nämlich Kirchenbrandstiftungen, Abmurksen von Bandmitgliedern, Missbrauch von Schlachtabfällen passten so gar nicht zum minimalen Konsens, den sich das christliche Abendland zwecks Gedeihlichkeit des Zusammenlebens verordnet hatte. Aber wie das eben bei allen radikalen Lebensentwürfen ist: Der Kommerz macht sich über sie her, höhlt sie aus und lässt nur eine Karikatur der ursprünglichen Idee zurück. So ging es den Punks, den Blumenkindern, selbst den Dandys. Die obige Fotografie wurde 2008 veröffentlicht, da waren aus den harten, misanthropischen Individualisten schon traurige Freaks geworden. Und es kam noch schlimmer:

BM2
Foto: Antonella Arismendi

Corpsepaint wurde zum nekrophilen Chic, zwar nicht für das samstagabendliche Schwofen in der Dorfdisko, aber zumindest war aus der schmuddeligen Aggression der skandinavischen Anfangsjahre etwas in den Metropolen Vorzeigbares geworden. Gleichzeitig kam der Black Metal auch ideologisch auf den Hund. Man darf nicht vergessen, dass BM, genau wie Bob Dylan, Joan Baez und BAP, Musik mit einer Message ist. Nur lautet diese Message eben nicht „Wir haben uns jetzt mal alle tierisch lieb“, sondern „a) Wir hassen alles, auch uns selbst. b) Wir werden alle sterben. c) Wir sind von Grund auf böse.“ Aus a-c folgte dann: „d) Es gibt keinen Grund, sich nicht wie der größte, asozialste Menschenfeind zu benehmen.“ Irgendwie klar, dass die Message bei der breiten Masse nicht so gut ankam, dafür aber umso besser bei einer kleinen Splittergruppe. Die reine Lehre (Individualismus, Sozialdarwinismus, Misanthropie, Atheismus) wurde schon relativ früh mit anderen Inhalten vermengt: Erst kam der Satanismus, dann der Nationalsozialismus, schließlich das Neuheidentum. War die Message des Black Metal in den Anfängen einfach nur wenig lebensbejahend, entwickelten sich nun Splittergruppen in der Splittergruppe, deren ideologischer Unterbau ganz deutlich Richtung ausgewachsener Hirnschiss ging. Dem aufgeklärten Musikbegeisterten blieb folglich nur ein Standpunkt: „Ich versteh ja eh nicht, was sie Grunzen, bangen wir lieber und schweigen wir.“

BM3

„Deathspell Omega“ sind ein gutes Beispiel für fortgeschrittene Verstandesfäule im Blackmetal, es gibt aber einen ganzen Haufen ähnlich bedauernswerter Kapellen. Während sich die Message veränderte, blieb die Musik über die Jahre erstaunlich gleich: Primitiv, gerade, schnell, unsauber, miserabel aufgenommen. Was dem Liedermacher seine Schrammelgitarre, war dem Schwarzmetaller sein Blastbeatgewitter mit Simpelriff, Bummerbass und hysterischem Krächzen. Wer daran rüttelte galt als Nestbeschmutzer, als „untrue“. Zum Glück entschlossen sich aber dann doch ein paar Menschen, die den Black Metal einfach zu sehr liebten, um ihn unmusikalischen Satanisten und Nazis überlassen zu wollen, dazu neue Wege zu gehen.

Inzwischen staunt die Welt über die atmosphärische Dichte der Platten von „Wolves In The Throne Room“, die eine Kommune auf dem flachen Land irgendwo in den USA gegründet haben. Ihre Textaussagen lassen sich folgendermaßen subsumieren: „Die Erde ist ein düsterer Ort Reisender. Hier, nimm ein makrobiotisches Möhrchen!“. Dazu erklingen Geräusche aus der elektronischen Abteilung, Glöckchen und Rasseln sind zu hören, bevor die Gitarren wieder das Kommando übernehmen. Man kann aber auch mit minimalem ideologischen Ballast und mit studentischer Unbekümmertheit an das Thema Black Metal herangehen, das beweisen „Liturgy“, natürlich aus Brooklyn, und zwar mit Köpfchen und Zöpfchen. Ein ganz sicheres Zeichen dafür, dass es sich hierbei um eine große Kapelle handelt, ist die Tatsache, dass Jan Wigger sie nicht mag. Bleiben wir in New York: Selbst wenn man sich für lange Haare und Headbanging entscheidet und die musikalische Essenz des schwarzen Metalls traditioneller interpretiert und beibehält, kann das Ergebnis spektakulär sein, wie „Krallice“ beweisen.

„Sunbather“ heißt das neue Album von „Deafheaven“, das von Jan Wigger allerdings heftig gefeiert wurde. Übrigens: Im Grunde ist mir Herr Wigger Piepe. Ich finde nur, dass er die bescheuertsten Plattenkritiken schreibt, die ich je gelesen habe. Aber zurück zu Deafheaven: Mal abgesehen davon, dass sie auf Deafsparrow schon 6 Wochen vor der Kolummne auf SPON als eine der besten Veröffentlichungen des Jahres bezeichnet wurde, ist die merkwürdige Mischung von Shoegazing und Black Metal sicher ein Ding, das sehr viele Kapellen beeinflussen wird, dabei liegt die Idee eigentlich relativ nahe. Für mich ist das unfassbar Geniale an der Platte allerdings das Schlagzeug, weil die Gratwanderung zwischen Bonham, Mason und Mounier einfach atemberaubend ist. Wir wundern uns auch nicht darüber, dass es auf der Scheibe sanftere und schrammelige Passagen gibt, denn „Deafheaven“ kommen eben nicht aus New York, sondern aus Frisco.

AOP

Die mittlerweile dritte Platte von „Altar Of Plagues“ aus Cork, Irland nennt sich „Teethed Glory & Injury“. Man vergleiche das Cover mal mit dem von Deathspell Omega, da tun sich Welten auf. Und um auch mal einen Kritiker zu loben: Ich finde, dass die Besprechung dieser Platte von Thorsten Dörting durchaus gelungen ist. Deshalb will ich auch gar nicht mehr so viel dazu schreiben, der Artikel ist eh schon viel zu lang. Mein Fazit. Zum Glück tut sich einiges im Bereich Black Metal, für mich ist es das zurzeit das Metal-Subgenre, das am stärksten in Bewegung ist. Gut so!

Note to self: Hurtig, hurtig. Musik: All Of the Above.

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