Orientalische Schizomyceten

Und wieder hat es heute nacht in Kairo mehrere Dutzend erwischt. Der Spaltpilz steckt tief in der Ägyptischen Gesellschaft und der Militärputsch hat im Grunde nichts besser gemacht, nicht mal für wenige Tage den Druck vom Kessel genommen. Machen wir uns nichts vor: Mursi war der gewählte Präsident der Ägypter. Ein gefährlicher, unfähiger, überforderter Präsident, aber ein durch die Mehrheit des Volkes legitimierter Präsident. Der Kardinalfehler in der Demokratisierung der größten Arabischen Nation war ein Verfahrensfehler: Es hätte eine durch Volksabstimmung abgesicherte Verfassung geben müssen, in der auch die Stellung der Verfassungsgerichtsbarkeit festgeschrieben wäre, bevor ein religiöser Fanatiker die Gelegenheit erhält am noch schlupffeuchten Staatsgebilde herumzuschrauben. Denn natürlich ist es kreuzgefährlich, wenn ein Regierungschef zwar demokratisch ins Amt kommt, aber dann die Macht des Souveräns aushebelt. Wir Deutschen wissen, wozu so etwas führen kann.

Klar ist aber auch, warum das Militär vor Jahresfrist einer Präsidentenwahl zugestimmt hat, wohlwissend welches Ergebnis dabei herauskommen würde. Jeder, der die Macht in Ägypten hat, ist zurzeit mächtig gekniffen. Die Probleme des Landes sind vor allem wirtschaftlicher Natur. Und sie sind so tief mit der arabischen Mentalität, die aus familiärer Abhängigkeit, ständig verletzter Eitelkeit und großem Talent zum Selbstmitleid besteht, verknüpft, dass man sich nur die Finger daran verbrennen kann. Vor diesem Hintergrund hätte ich mir gewünscht, dass Mursi 4 Jahre Zeit bekommen hätte, den Karren vor die Wand zu fahren. Dann hätte vielleicht auch der letzte verstanden, dass nicht der Koran, sondern eine maßvolle Zahl an eigenen Kindern Garantie für ein auskömmliches Dasein ist, dass wohlhabende Touristen nicht gerne in ein Land fahren, in dem die Scharia gilt, dass der Schutz von religiösen und ethnischen Minderheiten im ureigensten Interesse der Mehrheit liegt.

So wie es jetzt steht, droht dem Land ein Bürgerkrieg, in dem die Armee vor allem ihre eigenen Interessen vertritt. Sie hat am meisten zu verlieren und sie fährt jetzt mit dem fort, was sie vor Mursis Amtsantritt begonnen hat: Inhaftieren, verschwinden lassen, kaltstellen. So lange die US-Amerikanische Militärhilfe weiter fließt, wird sich daran nichts ändern. Und die Milliardenzahlungen werden weiter gehen, das ist mal sicher. Wenn Amerika eins nicht brauchen kann, dann ist es ein Ägyptischer Amoklauf in unmittelbarer Nachbarschaft zu Israel.

Schlagen wir mal die Brücke vom Nil zum Bosporus: Die Ägyptische Armee hat mit Sicherheit genau beobachtet, was derzeit in der Türkei passiert: Nach einer langen Phase mit bestimmendem Einfluss der Militärs sind diese von Erdogan und der AKP Stück für Stück zurückgedrängt worden. Das hat einerseits höhere Chargen hinter Gitter gebracht, die Blut an den Händen hatten. Aber gleichzeitig wurde religiösen Vorstellungen der Boden geebnet und die einzige islamische Demokratie ist dabei die Überzeugungen ihres Staatsgründers zu verraten und zugunsten der konfrontativen muslimischen Identität aufzugeben, die zurzeit so unglaublich en vogue ist. Genau wie in Ägypten stehen die säkularen Kräfte in der Gesellschaft und das Militär in der Türkei auf der gleichen Seite. Nur, und da schließt sich der Kreis, gehen diesen Kräften angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung in der Türkei allmählich die besseren Argumente aus. Wie war das noch mit dem Fressen und der Moral?

Note to self: Kartenhaus und Kartentrauma? Musik: Altar Of Plagues, Deafheaven, Niacin.

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