Puritaner

Jaja, ein paar Wochen vor der Bundestagswahl, wir alle im Fadenkreuz anglo-amerikanischer Geheimdienste und überdies bekommt irgend so eine Tussy in England auch noch ein Kind. Das alles treibt aber die deutsche Öffentlichkeit nicht um, jedenfalls wenn man die pro Zeiteinheit zum jeweiligen Thema verfassten Leserkommentare auf SPON und AN als Maßstab heranzieht. Nein, das wichtigste Thema im Bundesdeutschen Sommerloch Anno 2013 ist wer wo wie viel rauchen darf. Der Fall aller Fälle ist ein Rentner, der in seiner Mietwohnung in Düsseldorf seit 40 Jahren täglich 20 Zigaretten raucht und nun von seiner Vermieterin die Kündigung bekommen hat, weil die Geruchsbelästigung den übrigen Parteien (alles Freiberufler und Gewerbetreibende) nicht zuzumuten ist. Der Spiegel lies sofort das Volk befragen, ob das Rauchen in den eigenen vier Wänden auch künftig gestattet sein sollte und das mit Kalkül: Man kann sicher sein, dass der Artikel mit den Ergebnissen der Befragung vielzehntausendfach gelesen und mit großer Begeisterung kommentiert werden wird.

Wenn ich mich an dieser Stelle dazu äußere, dann tue ich das als Nichtraucher, der seit einigen Monaten seiner schweren Nikotinabhängigkeit endlich entkommen ist. Ich kenne beide Seiten der Medaille. Inzwischen empfinde ich den Aufenthalt in verqualmten Räumen auch als nervig und stelle gerne auch mal einen vollen Aschenbecher weg, weil der Geruch mich anwidert. Trotzdem, und das möchte ich am liebsten in 48pt schreiben: Die Diskussion ist scheinheilig, sie ist der Thematik nicht angemessen und sie ist inzwischen zu einer Hexenjagd einer kleinen Gruppe von Extremisten geworden, die eine andere Minderheit als Prügelknaben und Sündenböcke missbraucht. Ich will das ein bisschen genauer ausführen:

Ein ganz wesentlicher Gesichtspunkt des zivilisierten Zusammenlebens ist das Ertragen der Andersartigkeit des Mitmenschen. Wir brauchen gar nicht die mannigfaltigen Implikationen der von Sartre beschriebenen Höllenhaftigkeit des Anderen zu beschwören, sondern können diesen Problemkreis in simplen Alltagssituationen abfrühstücken. Jeder, der hin und wieder öffentliche Verkehrsmittel benutzt, kann eine Strophe dieses Liedes singen. Jeder, der in einem Mehrfamilienhaus wohnt und nicht in einem Bungalow im Speckgürtel oder JWD, könnte gar Schröckliches berichten. Wir bekommen eine Ahnung davon, dass der in Rede stehende Puritanismus eine soziale Komponente hat, dazu später mehr.

Niemand kann bestreiten, dass Rauchen sehr ungesund und Passivrauchen ebenfalls nachteilig ist. Für die vergiftende Wirkung der Inhaltsstoffe des Zigarettenrauchs gilt aber eben natürlich das, was der olle Paracelsus so treffend formuliert hat. Und alle, die sich mit ökotoxikologischen Zusammenhängen ein bisschen beschäftigt haben (und das habe ich, in aller Bescheidenheit, ziemlich intensiv und ausweislich meiner Diplomnote mit sehr gutem Erfolg getan) wissen, dass neben der Dosis auch die Expositionsdauer und das Alter des exponierten Organismus eine Rolle spielt. Wenn man all dies berücksichtigt, dann kommt man ziemlich schnell darauf, dass es sinnvoll ist das Rauchen am Arbeitsplatz und in geschlossenen Räumen öffentlicher Einrichtungen zu untersagen. Außerdem würde ich zum Beispiel das Rauchen in Autos und sogar Wohnungen verbieten, wenn sich Kinder darin befinden. Genauso leicht einzusehen ist, dass es völlig sinnlos ist das Rauchen auf der Straße, im Biergarten, auf dem eigenen Balkon, ja selbst auf Spielplätzen zu verbieten. Mag sich manch empfindlicher Zeitgenosse auch von Zigarettenrauch gestört fühlen, wenn der Nachbar am geöffneten Fenster pieft, eine gesundheitliche Beeinträchtigung kann man ausschließen.

Und da sind wir schon beim Kern der Angelegenheit: Inzwischen läuft die Diskussion so, dass militante Raucherhasser für sich selbst das Recht beanspruchen den Rauchern überall dort die Glimmstängelei zu untersagen, wo sie sich dadurch gestört fühlen könnten. Ich fühle mich zum Beispiel durch Autofahrer gestört. Habe ich ein Recht, ein entsprechendes Verbot zu fordern? Selbstverständlich nicht, ist doch ganz einfach. Ich nehme inzwischen auch wahr, dass der Mieter, der mit mir auf der gleichen Etage wohnt, Raucher ist. Ich würde mich aber nie zu der idiotischen Einlassung herablassen, meine Gesundheit sei durch den Geruch im Treppenhaus gefährdet. Nicht nur, weil ich an einer stark befahrenen Straße in einem städtischen Ballungsraum wohne und genau weiß, was da alles aus Auspuffrohren strömt und von Reifen und Bremsbelägen abgerieben wird, sondern weil ich das eingeatmete Volumen bei der Passage des Treppenabsatzes mit dem täglichen Luftvolumen ins Verhältnis setzen kann. Es geht den Puritanern nicht um die eigene Gefährdung, es geht um die Lust am Verbieten. Und diese Lust lässt sich umso leichter erreichen, je weniger man vom Verbot betroffen ist. Wer mich kennt, weiß, dass ich nichts esse, was aus dem Wasser kommt, einfach weil es mir nicht schmeckt. Wenn ich mich jetzt für ein – angesichts zurückgehender Bestände ohne Zweifel extrem sinnvolles – Verbot von Hochsee- und Küstenfischerei einsetzen würde, dann würde man mir zu recht entgegenhalten, dass ich ja gut Reden hätte.

Untersuchen wir kurz den sozialen Aspekt der Angelegenheit: In Diskussionen zum Rauchverbot wird man relativ schnell auf eine Gruppe von Befürwortern weitreichender Verbote stoßen, die Rauchen als Unterschichtenphänomen brandmarken und darauf hinweisen, dass die Menschen (Wirte, Stammgäste, Teilnehmer von Prorauch-Demos) auf den Bildern zu den jeweiligen Presseartikeln ja ganz deutlich als arme, vorschnell gealterte, am Rande der Gesellschaft befindliche Menschen zu erkennen sind. Das passt übrigens ganz ausgezeichnet zu dem chinesischen Sprichwort, das besagt, dass die Zigarette das Paradies des armen Mannes sei. Die Verachtung, die den Rauchern entgegenschlägt, ergibt sich also als Herabwürdigung all derer, die es möglicherweise ein bisschen schwerer mit dem Leben hatten, als die, denen die Sonne fortwährend aus dem Hintern schien. Die Hexenjagd auf die Raucher ist in Wahrheit der Rückzug in eine sozialpsychologische „Gated Community“.

Unsere Welt ist kompliziert. Wir möchten gerne das Richtige tun, aber wir wissen nicht, was das Richtige ist. Beim Rauchen ist das nicht so: Rauchen macht krank, Raucher sind dumm, belasten die Sozialversicherungskassen und haben immer die schlechteren Argumente. Die Raucher sind die Juden von morgen. Und die Verteufelung der Raucher ist eine pathologische Halluzination derer, die an das Heil glauben und heil werden wollen und sich, während sie unverschämt grinsen und ihre blendend weißen Zähne zeigen, ein „Alles wird gut“ zuraunen.

Note to self: Luzifers großer Auftritt. Musik: Joshua Radin, Chimaira, Milking The Goatmachine.

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