Kathrin und Dzsenifer

In der 33. Spielminute wird der Ball von Anja Mittag steil Richtung Sechzehner der Schwedinnen gespielt. Dzsenifer Marozsán rennt wie von der Tarantel gestochen mit einer Abwehrspielerin auf gleicher Höhe dem Leder hinterher. Es sieht so aus als wäre der Ball ein bisschen zu schnell. Marozsán macht einen Riesenschritt und spitzelt ihn mit dem Außenrist des rechten Fußes an der Torfrau vorbei. Fast wie in Zeitlupe rollt der Ball Richtung Schwedentor und kullert schließlich neben dem rechten Pfosten über die Linie ins Gehäuse. In der übrigen Spielzeit verteidigen die Deutschen tapfer und zäh gegen hochüberlegene Trekronors. Die treffen zwar den Pfosten und Lotta Schelin schlenzt den Ball sehenswert ins lange Eck, aber sie hatte vorher Annike Krahn abgeräumt und die Schiedsrichterin hats gesehen. Mit ihrem bislang besten Spiel zieht die Auswahl des DFB ins Finale der Frauen EM ein und wirft den Topfavoriten und Gastgeber aus dem Turnier. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite der Medaille ist, dass die Frauen Nationalmannschaft spielerisch und taktisch nicht mehr an vergangene Zeiten anknüpfen kann, als Grings, Prinz, Lingor und Garefrekes die Szene beherrschten.

In einem Kommentar in der Süddeutschen schreibt Kathrin Steinbichler heute, dass es dem Frauensport immer noch schwer gemacht würde, sowohl was die Medienpräsenz, als auch die Sponsorentöpfe anbelangt. In ihrem Artikel heißt es unter anderem: „Noch immer gilt es als weniger athletisch, langsamer und wenig ansehnlich, wenn Frauen Leistungssport treiben. Entsprechend weniger Platz erhalten die Wettkämpfe in der Berichterstattung.“ Liebe Frau Steinbichler, Frauenfußball ist ganz objektiv betrachtet weniger athletisch, langsamer und alleine schon dadurch weniger ansehnlich. Und wenn man in einem Spiel mal die technischen Unzulänglichkeiten, die haarsträubenden taktischen Fehler und die Fehlpässe aufsummiert, dann ist das Ergebnis erklecklich. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass die Protagonisten anderer Sportarten sich darüber wundern, dass über Badminton, Eishockey oder Rugby sehr viel weniger im Fernsehen und im Internet berichtet wird als über die Randsportart Frauenfußball. Deutschland ist zum Beispiel amtierender Weltmeister im Faustball. Wann ist im Fernsehen je ein Faustballspiel übertragen worden? Und jetzt mal ehrlich, Frau Steinbichler: Im Wintersport, in der Leichtathletik, beim Schwimmen und bei vielen anderen Sportarten wird über die Bemühungen beider Geschlechter gleichberechtigt berichtet. Die Frauen sind längst im hochbezahlten Leistungssport angekommen, ihre Argumentation geht ins Leere.

Ich war bei dem Spiel heute Abend von der ersten bis zur letzten Minute mit ganzem Herzen dabei, so wie ich eben bei jedem Fußballspiel, bei dem meine Sympathien einseitig verteilt sind und mein Standpunkt nicht neutral ist, mit dem Herzen dabei bin. Da könnte auch Raspo Brand gegen Westwacht spielen, wäre ich Anhänger eines dieser Clubs, dann könnte mich das Spiel nicht kaltlassen. Deshalb verstehe ich auch die zynischen und überheblichen Kommentare nicht, die von Männern in zahlreichen Webforen geäußert werden. All diesen Männern wünsche ich, dass sie mal ein bisschen Abstand vom Hochglanzfußball a la Bundesliga gewinnen und sich klarmachen was eigentlich abgeht beim Fuppes. Und Kathrin Steinbichler wünsche ich, dass sie die Angelegenheit lockerer nimmt, vielleicht so wie Dzsenifer Marosán, die heute einfach in der entscheidenden Sekunde das Bein lang gemacht hat.

Note to self: Druck aus der Ferne, geht nicht umsonst. Musik: Coffins, Defeater, Niacin.

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