Colonia Ulpia Traiana

Nur damit keine falschen Vorstellungen aufkommen: Es gibt mich noch, ich habe immer noch einen Computer, Strom und einen Internetzugang, nur bin ich in den letzten Wochen etwas schreibfaul gewesen. Nehmen wir einfach an, ich wäre im Urlaub gewesen.

Einen ganz kurzen Urlaub habe ich immerhin gemacht, nämlich einen Tagesausflug in die Colonia Ulpia Traiana, also nach Xanten. Tatsächlich war ich vorher noch nie im Leben im dortigen archäologischen Park gewesen und damit fügt sich eins zum anderen, denn ganz generell ist der Niederrhein für mich ein nahezu schwarzes Loch, aus dem die Biologische Station in Grietherbusch, die dort beheimateten Moskitoschwärme und das räuberisch lebende Rädertierchen Asplanchna priodontata hervorlugen. Tatsächlich: Denke ich an den Niederrhein, habe ich sofort den Geruch von Formalin in der Nase, spüre den Druck der Okulare an meinen von Mückenstichen verquollenen Augen und im Hintergrund sagt Hanns Dieter Hüsch „Und Hagenbuch nickte.“ Und da sind wir dann auch direkt bei der Frage, warum Moers „Mörs“ heißt und nicht Mohrs, wo doch Soest „Sohst“ heißt und nicht Söst.

x1
Im archäologischen Park Xanten

x2
Teilrekonstruktion Hafentempel

Wenn man das Gelände der ehemaligen Römersiedlung durchwandert, fragt man sich als erstes, warum die Stadt Xanten nicht genau dort liegt, wo vormals die Römer und Germanen lebten, sondern daneben. Die Antwort ist einfach: Die Römer bauten direkt am Ufer des Rheins, ihrer germanischen „Autobahn“, aber der Rhein änderte seinen Lauf und bald lag die Colonia sozusagen im Niemandsland. Deshalb nutzten die Xantener die Ruinen nur als Steinbrüche und bauten „eins weiter“.

Die Weitläufigkeit der Anlage lässt sich nur schwer fotographisch dokumentieren. Die durch Alleen gekennzeichneten ehemaligen Straßen der Stadt zeigen aber eindrucksvoll, wie Stadtplanung am Reißbrett bereits in der Antike funktionierte. Und man sieht sofort, dass die Römer ein ganz anderes Weltbild hatten, als beispielsweise die Menschen im Mittelalter, die ihre Städte konzentrisch um ein spirituelles Zentrum aka „Kirche“ anlegten. Das ist ein Gedanke, den ich ziemlich häufig während des Besuchs in Xanten hatte: Was, wenn dem Römischen Reich die Völkerwanderung und das Christentum erspart geblieben wären?

x3
Im LVR Museum

x4
Blick über das Amphitheater Richtung Innenstadt

Ein weiterer Gedanke, dem man trefflich nachhängen kann, wenn man die Rekonstruktionen der gesamten Siedlung auf den Info-Tafeln sieht, ist dieser: Wie tröstlich mag den Kolonialherren und -damen fern der Heimat ihre wohlbeordnete Stadt und die wehrhaften Mauern drumherum vorgekommen sein, wo doch jenseits dieser Mauern Wölfe, Bären und Barbaren lauerten. Und welch ein spaßiger Einfall der Weltgeschichte, dass das Weltreich und seine Hochkultur von eben diesen Barbaren nach und nach zerstört wurde, wenigstens so weit es den westlichen Teil anbelangt.

Je länger man die Hinterlassenschaften der Soldaten, Händler, Handwerker und Beamten betrachtet und je mehr man sich selbst in Toga und Sandalen sieht (denn das scheint mir das Natürlichste zu sein, wenn man im musealen Modus ist), umso spannender wird die Frage in welcher sozialen Position man sich wohl befunden hätte, um wie viel weniger spaßig das Leben der Sklaven im Vergleich zu dem der Herren war.

x5
Kaiser Marcus Ulpius Traianus, der „Chef von et Janze“

x6
Nachbau Baukran

Der moderne Museumsbau, der in seinen Proportionen der ehemaligen Badeanstalt entspricht und deren ausgegrabene Fundamente als Überbau aus Glas und Stahl vor Wind und Wetter schützt, versammelt vom Untergeschoss bis unters Dach die gesamte Entwicklung von den Germanen, die praktisch dachten und ihr Kochgeschirr auch schon mal als Urne verwendeten, über die unterschiedlichen Phasen der römischen Besiedlung bis ins frühe Mittelalter. Das Ganze ist äußerst liebevoll aufbereitet und gibt sich Mühe die Römer nicht nur als anonyme Fischsoßenverwender, sondern als Menschen „wie du und ich“ vorzustellen.

Nicht nur die derzeitige Sonderausstellung „Überall zu Hause und doch fremd – Römer unterwegs“, sondern viele weitere Exponate zeichnen das Bild eines Vielvölkerstaats, in dem Migration und Entwurzelung ebenso eine Rolle spielten, wie in unserer Welt der Globalisierung. Und auch darin liegt ein wesentlicher Unterscheid zur dunklen mittelalterlichen Zeit, in der viele Menschen gerade mal ihr Dorf und vielleicht noch die nächste Stadt kennenlernen durften, aber ansonsten Hinterwäldler waren, denen man das Blaue von Himmel (und Hölle) erzählen konnte.

x7
Xantener Dom St. Viktor

x8
Die Kriemhildmühle

Kehrt man dann in die Jetztzeit zurück, sitzt endlich bei Schnitzel und Fritten irgendwo in der lauschigen Fußgängerzone, dann hat sich das persönliche schwarze Loch „Niederrhein“ ein wenig aufgehellt. Ein schöner Ausflug, der annähernd perfekt verlaufen wäre, wenn es nicht geblitzt hätte und die Bahn nach Aachen pünktlich gewesen wäre. Aber da mussten wir dann eben durch. „Sit tibi terra levis“ hätten die alten Römer gesagt.

Note to self: Si tacent, satis dicent. Musik: The Ocean, Zaz, The Dillinger Escape Plan, Watain.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.